Geisa/Rasdorf - In einem Hotel in Pamplona saß Dr. Wolfgang Donsbach am Abend des 9. November 1989. Seinen 40. Geburtstag habe er gefeiert, erzählt der Wissenschaftler, mit Freunden "den ein oder anderen Rioja getrunken". Und sich in der Nacht, bei einem Blick in den Fernseher, wo gezeigt wurde, "dass Leute auf der Mauer sitzen", gefragt, "ob's nicht ein Glas zu viel war", vom guten spanischen Wein. Zeitgleich liegen sich in beiden Teilen Deutschlands Menschen in den Armen - scheinbar trunken vor Glück. Erzählen vor Kurt Mornewegs laufender Kamera von Treffen mit Verwandten und Freunden, vom Traum "einfach so" in einen Baumarkt gehen zu können, statt sich das Material für die Hausrenovierung mühsam eintauschen zu müssen, von der Jugendweihe, die sie nicht mehr mitmachen wollen.
Fast zwanzig Jahre später ist Wolfgang Donsbach, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Dresden, und als Medienexperte Referent des 2. Hessisch-Thüringischen Mediengesprächs, zu dem die Hessische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (LPR Hessen) und die Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) ins "Haus auf der Grenze" auf Point Alpha eingeladen haben. Prof. Kurt Morneweg, damals Fernseh-Journalist in Kassel, heute Honorarprofessor an der Technischen Universität Ilmenau, zeigt Ausschnitte dessen, was er und seine Kollegen in den Tagen um den 9. November 1989 an der deutsch-deutschen Grenze gefilmt haben. "Der Mauerfall in der Medienberichterstattung" soll analysiert werden.
Ein Thema, mit dem sich Wolfgang Donsbach intensiv beschäftigt hat - auch im Hinblick auf die westdeutsche Berichterstattung während der DDR-Jahre. Die heute unter der Fragestellung betrachtet werden müsse, warum man - trotzdem man sich bereits im Informationszeitalter geglaubt habe - im damaligen Westdeutschland "so wenig über die DDR wusste". Was im westdeutschen Journalismus viele Jahre lang zu einem "unkritischen und unzutreffenden Bild" der DDR geführt habe. "Schonung der DDR" und "Kritik an der BRD" habe dazu geführt, dass "die DDR im Westen deutlich positiver erschien, als sie war". Bei den Journalisten hat Wolfgang Donsbach "die Pragmatiker" ausgemacht, für die die Teilung Deutschlands "nicht aufhebbar war", und "die Friedensapostel", denen "eine friedliche Koexistenz wichtiger war als die Einheit". Daneben hätten "freiwillige Kollaborateure" das positive DDR-Bild gestützt - gutwillige im Glauben an die Überlegenheit des Sozialismus und böswillige mit bewussten Falschmeldungen. Das Fazit des Wissenschaftlers: Vor 1989 hätten die westdeutschen Medien "die DDR eher stabilisiert".
Erst mit dem Fall der Mauer habe sich die Berichterstattung "schlagartig geändert". Nicht aber "manche sozialoptische Täuschung" - so sei die DDR-Opposition als deutlich stärker eingeschätzt worden, als sie wohl gewesen sei. Was nach Überzeugung Wolfgang Donsbachs einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die internationale Situation gehabt habe. Haben also Journalisten die Geschichte nicht nur beschrieben, sondern mitgestal-tet?
Eine wesentliche Frage des Mediengesprächs, nachdem die persönlichen Erinnerungen des ehemaligen Thüringer Ministerpräsidenten, Dr. Bernhard Vogel, gehört sind, Bilder und Filmausschnitte aus den Tagen um die Grenzöffnung, die Dr. Hans-Hermann Hertle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Prof. Kurt Morneweg, damals Studioleiter des Hessischen Rundfunks in Kassel, gesehen sind.
Haben die Journalisten im Herbst 1989 abgebildet, was geschehen ist, haben sie die Ereignisse beeinflusst, sind sie gar treibende Kraft gewesen? Fragen, die Uta Thofern, Journalistin und Direktorin der Point Alpha Stiftung vier Männern stellt, die damals live dabei gewesen sind: Riccardo Ehrman, ehemaliger DDR-Korrespondent der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, hat auf der berühmten Pressekonferenz vor Öffnung der Grenze die entscheidende Frage nach der Reisefreiheit gestellt. Und erst vor Kurzem erklärt, dass er sie damals auf den Tipp einer "höheren DDR-Persönlichkeit" hin formuliert habe. Jo Brauner, bis vor einigen Jahren Chefsprecher der ARD-Tagesschau, ist der Mann, der die Nachricht vom Mauerfall verkündet hat. Peter Pragal, 1989 DDR-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, und Sergej Lochthofen, der in der DDR als Nachrichtenredakteur der Tageszeitung "Das Volk" gearbeitet hat und 1990 von der Belegschaft der "Thüringer Allgemeinen" zum Chefredakteur gewählt wurde, haben die Ereignisse direkt erlebt und darüber berichtet.
Man sei inmitten einer solchen Umwälzung "immer Chronist und Akteur", sagt Peter Pragal - und die Rolle der Medien sei nicht zu unterschätzen. Ob manche Menschen, die damals Freiheitsparolen gerufen hätten, "das auch ohne die West-Kameras gewagt hätten?" Die Äußerungen Schabowskis in der Pressekonferenz seien durchaus interpretierbar gewesen, befindet Sergej Lochthofen - dass die Revolution friedlich verlaufen sei, hat seiner Meinung nach auch damit zu tun, "dass der ganze Westen zugeschaut hat". Ob die Medien also eher unfreiwillig eine große Rolle beim Mauerfall gespielt hätten?, will Uta Thofern wissen. Man habe "die Tragweite der Nachrichten zunächst gar nicht mitbekommen", erinnert sich Jo Brauner. "Man war Teil einer Entwicklung, die man erst später reflektiert hat", sagt Sergej Lochthofen. Und Riccardo Ehrman, der nach Uta Thoferns Ansicht mit seiner Frage möglicherweise einen immensen Beitrag zur Grenzöffnung geleistet hat? Die Einschätzung, er sei ein Held, der am Rad der Geschichte gedreht habe, weist Riccardo Ehrman ebenso vehement zurück wie den jüngst erhobenen Vorwurf von anderer Seite, er habe sich mit seiner Frage in der Pressekonferenz zum "Werkzeug der DDR-Führung" machen lassen. "Lächerlich" sei dieser Vorwurf - "sie brauchten doch keinen Journalisten, um diese wichtige Nachricht zu vermitteln". Sein Tippgeber sei der damalige Chef der DDR-Nachrichtenagentur ADN gewesen, man habe ihm vertraut, weil er "schon lange da war", weil er als Jude in der DDR als Antifaschist akzeptiert gewesen sei. Vor allem aber "war nicht die Frage wichtig, sondern die Antwort". Für ihn sei die Wiedervereinigung Deutschlands "eine wunderbare Sache", die ihn bis heute emotional sehr berühre. Aber dennoch: "Ein Journalist muss seine Arbeit machen, sein Beruf ist es nicht, sich in die Politik zu mischen."
Und die Arbeit, die die Journalisten heute machen? Die aktuelle Berichterstattung über die deutsche Einheit? Sinkendes Interesse am Thema, hat Wolfgang Donsbach in mehreren Studien und Analysen festgestellt. Der "Negativismus" sei in Ost- wie in Westmedien vorhanden, über den "dritten Weg", den "die prägenden Eliten" noch Anfang der 1990er-Jahre für gut befunden hätten, werde nicht mehr diskutiert. In den Medien in den alten Bundesländern "ist der Osten ein Sozialfall", in den neuen Bundesländern nehme die kritische Auseinandersetzung mit der DDR immer weiter ab. Anstatt sich überall auf gesamtdeutsche Themen zu konzentrieren, resümiert Donsbach, "verlieren die Westmedien das Thema Einheit aus dem Blick und die Ostmedien werden milder mit der DDR". m

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