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Ilmenau - Nicht nur die Deutsche Volkspolizei (DVP), Nationale Volksarmee (NVA), Kampfgruppe und Stasi behielten im November 1989 kritische DDR-Bürger im Blick. Auch die Freiwillige Feuerwehr Ilmenau wurde angehalten, ihre Mitbürger, die inzwischen friedlich aber massanhaft auf die Straße gingen, zur Räson zu bringen. Ihr damaliges Mitglied Werner Odersky erinnert sich noch heute daran. Der 1954 geborene Heydaer zog 1977 nach Ilmenau und wurde bei der Feuerwehr ehrenamtlicher Maschinist. "Wir haben damals direkt in der Feuerwehr gewohnt und waren bei jedem Einsatz die ersten", sagt er. Bei einem Einsatz drängten aber weder er noch andere nach vorn.
"Jeden Freitag nach dem 15. des Monats wurden die Einsätze ausgewertet. In der Wendezeit gab es da natürlich heiße Diskussionen unter den Kameraden, sehr offen und ehrlich", schildert Odersky. "Einige von uns fuhren ja auch nach Leipzig zur Demo", weiß er noch. In der Monatsversammlung nach dem 15. Oktober 1989 schließlich wurde in Erwägung gezogen, so Odersky, die Kameraden der Feuerwehr mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vorgehen zu lassen. Das löste heftigste Debatten unter den Ilmenauer Freiwilligen aus, die sich weigerten, mit Gewalt womöglich gegen eigene Bekannte und Verwandte vorgehen zu müssen.
"Der Leiter unserer Wehr machte ganz klar deutlich, dass er darin nicht die Aufgabe unserer Kameraden sieht. Er sagte damals, `wenn einer das Strahlrohr gegen Menschen richtet, dann werfe ich ihn raus!`", erinnert sich Odersky. Bis Mitternacht sei an jenem Tag in der Feuerwehr diskutiert worden. "Wir waren alle in einem fürchterlichen Zwiespalt; zum einen stand das Diktat von oben und die Angst vor Repressalien, zum anderen hatten alle Herzblut für die Feuerwehr. Wir haben uns dann darauf verständigt, es geht keiner von uns gegen Menschen vor", so der damalige Maschinist. So blieben die Ilmenauer Demos ohne Bedrängnis der Feuerwehr.
Polizisten und Stasi begleiteten die Demonstranten aber weiter. Bei der ersten Demo in Ilmenau, "in strömendem Regen - drückte mir jemand ein Transparent in die Hand. `Nicht länger in Lüge leben` stand drauf. Ich habe es am Ende der Demo an der Jakobus-Kirche hingestellt, wo schon viele Plakate standen. Rundrum Kerzen. Und bei Aschermann waren die Kerzen ausverkauft", erinnert sich Odersky. Am 9. November schließlich fällt die Mauer, nachdem sich das SED-Politbüro unter Druck der Massenfluchten, Botschaftsbesetzungen und Ausreiseanträge einer generellen Reiseregelung hingab und diese ungewollt vorfristig veröffentlicht. Während die Ostdeutschen gen Westen strömen, herrscht in Ost-Berlin Verwirrung. Staatschef Egon Krenz äußert auf der 10. Tagung des Zentralkomitees der SED (ZK) am 10. November 89: "Ich weiß nicht, ob wir noch alle nicht den Ernst der Lage erkannt haben. ... Der Druck, der bis gestern auf die tschechoslowakische Grenze gerichtet war, ist seit heute Nacht auf unsere Grenzen gerichtet. Es besteht eine große Gefahr, dass uns viele Menschen verlassen. ... der Druck nimmt weiter zu. Die Genossen aus den Bezirken sprechen davon, dass sich die Situation nicht verbessert."
Wie gefährlich die Lage selbst am Tage nach der Grenzöffnung noch für alle Andersdenkenden und Demonstranten war, belegte Rudi Mittig, Stellvertreter von Staatssicherheitschef Erich Mielke vor dem ZK: "Die Genossinnen und Genossen der Staatssicherheit, Töchter und Söhne der Arbeiterklasse und der anderen Werktätigen haben stets mit größter Einsatzbereitschaft dem Volk, dem sozialistischen Staat und unserer Partei verantwortungsvoll und treu gedient. ... Ich kann vor Euch im Auftrag aller Kollektive versichern: Die Mitarbeiter der Staatssicherheit sind auch unter den gegebenen komplizierten Bedingungen gewillt, die gestellten Aufgaben zu erfüllen. Wir haben keine Illussionen über die Feinde unserer sozialistischen Ordnung und die von ihnen verfolgten Ziele." Und Kurt Hager, SED-Chef-Ideologe, machte deutlich: "Was wir dringend brauchen, ist ein Aktionsprogramm. Wem das noch nicht klar ist, der hätte das vielleicht heute Nacht erkennen können, als der Bundestag geschlossen das Deutschlandlied sang und damit offenkundig wurde, ... was noch beabsichtigt ist. Es ist beabsichtigt mit unserer Partei Schluss zu machen und es ist beabsichtigt die DDR zumindestens in eine große Abhängigkeit zu bringen."
Zum Onkel in den Westen
Der Ilmenauer Werner Odersky verschlief die Grenzöffnung. "Am 10. November klingelt 5 Uhr ein Kumpel bei mir; `die Grenzen sind auf`. In Ilmenau herrschte da bereits große Euphorie. Die waren alle nach Coburg unterwegs. Im Glaswerk fielen die Glaskannen, die für Melitta produziert wurden, reihenweise vom Band - alles Ausschuss", weiß Odersky noch. Und während die Ilmenauer begannen, ihre Reisefreiheit zu genießen, gab sich die SED-Führungsriege dem Verfall preis. Schuldfragen und emotionale Ausbrüche gewannen in Berlin die Oberhand. Wie viele Genossen der Einheitspartei in der Provinz, die mit aufrichtiger Absicht der Beseitigung von Ausbeutung und Unterdrückung kommunistische Ziele verfolgten, schrieben sich auch nicht alle ZK-Genossen Bevorteilung und Arroganz zu.
Das betagte ZK-Mitglied Karl Kayser empört sich auf der 12. ZK-Tagung: "Ich habe keine Schuld daran. Wirklich nicht. Und ich weigere mich das anzuerkennen, zu sagen, du bist schuldig daran. Ich bin erschüttert über das, was ich hier gehört habe. In mir ist alles zerbrochen. Mein Leben ist zerstört. Ich habe geglaubt an die Partei, so bin ich mit der Muttermilch erzogen worden. Ich habe an die Genossen geglaubt." Noch weiter ging Bernhard Quandt, Mitglied des ZK und einstiger KZ-Internierter: "Mir fällt es sehr schwer, hier heute vor dem ZK aufzutreten, wo gesagt worden ist, dass unsere Partei, unsere ruhmreiche Partei, in Gefahr ist, sich aufzulösen. ...Ich bin 22 in die kommunistische Partei in Hamburg eingetreten und seitdem immer ehrlich gekämpft... Das ZK muss so stark sein, dass aus ihrer Mitte ein Politbüro entsteht, das mit der Verbrecherbande des alten Politbüros, entschuldigt Genossen, nichts zu tun hat. Wir haben im Staatsrat die Todesstrafe aufgehoben. Ich bin dafür, dass wir sie wieder einführen und dass wir alle standrechtlich erschießen, die unsere Partei in eine solche Schmach gebracht haben. ... Nirgends hab ich mir was angeeignet und für die Befreiung der Arbeiterklasse gekämpft."
Die Todesstrafe für die geschassten Genossen gibt es nicht. Aber die Republik ist in Auflösung. Krenz stellt nach Mauerfall fest: "Die Lage hat sich in der Hauptstadt, in Suhl und in anderen Städten äußerst zugespitzt. Arbeiter verlassen Betriebe.... Im Parteiaktiv herrscht Unverständnis zu den beschlossenen Reisemöglichkeiten. ... Bürger, die im Besitz von Forumschecks sind, fordern den Rücktausch in D-Mark." Am 13. November zeichnet er ein hinfälliges Bild vom sogenannten Arbeiter- und Bauernstaat: "Die Existenz der Partei steht auf dem Spiel, die DDR ist in Gefahr und unser internationales Ansehen ist geschädigt, wie nie zuvor. Man kann die Dinge nicht dramatischer darlegen, als sie sind..." Dezember 1989 lösen sich ZK und Politbüro auf.
Der Ilmenauer Feuerwehrmann Werner Odersky bekommt vom Onkel im Westen eine Einladung. Er verlässt Ilmenau am 16. Februar 1990 mit einem Visum zur ständigen Ausreise in fünffacher Ausfertigung. Er lebt heute bei Sindelfingen. "20 Jahre bin ich jetzt fort, aber im Herzen stets Ilmenauer geblieben", gesteht er unserer Redaktion am Telefon.











