Gillersdorf/Großbreitenbach/Arnstadt - Hätte unser gerade mal 23-jähriger Kamerad, der sich in der Gillersdorfer Wehr sehr für die schwierige Nachwuchsarbeit engagierte, vielleicht doch noch Überlebenschancen gehabt, bevor er in der Nacht zum 25. Januar an den Folgen eines Autounfalls starb? So fragten sich dieser Tage mit einigem Groll Kameraden der bestens für schwere Unfälle ausgerüsteten Stützpunktfeuerwehr Großbreitenbach. Doch die erfuhr erst später von dem Drama auf winterlicher Fahrbahn. "Und wir fragten uns nicht zum ersten Mal, was bei den Alarmierungsauslösungen und im ,grenzübergreifenden' Zusammenspiel Thüringer Kleinstaaterei und deren Rettungsleitstellen, wie hier des Ilmkreises sowie des Kreises Saalfeld-Rudolstadt, mitunter derart schief läuft", schimpft ein langjähriger Großbreitenbacher Kamerad.
Indes sich ein anderer bitter erinnert: "Vor Jahren kam unsere Truppe mal vom gemeinsamen Kinobesuch aus Neuhaus, als wir zu einem schweren Unfall im Schwarzatal hinzukamen. Unsere Großbreitenbacher Wehr und DRK-Rettungswache wäre in Minuten vor Ort gewesen. Stattdessen mussten die Rettungskräfte, zwar zuständigkeitshalber aber umständlich, von Bad Blankenburg hoch kommen. Wertvolle Zeit verstrich, jede Hilfe kam letztlich zu spät ..."
Bis in die Nacht gesessen
Was war in jener Nacht zum 25. Januar nahe Herschdorf-Allersdorf geschehen? "Jens und ich saßen bis in die Nacht über den letzten Zeilen eines Sketches, der zum bevorstehenden GKC-Faschingsjubiläum ein lustiges Zwiegespräch von uns beiden auf die Bühne bringen sollte. Irgendwann gegen 23 Uhr fuhr Jens dann heim, holte noch eine Tasche, um zu seiner Freundin nach Allersdorf zu fahren", erinnert sich Markus Aldegarmann.
Das faschingsaktive Gemeinderatsmitglied weiter: "Irgend- wann rief dann die Freundin an, wo Jens denn bliebe. Ich sag noch, dass er doch längst drüben sein müsste. Und sie: ,Ist er aber nicht, ich erreiche ihn auch über sein Handy nicht!' Böse Ahnung beschlich uns, als ich ihm hinterher fuhr. Einige hundert Meter hinter Herschdorf, Richtung Allersdorf, wurde die Befürchtung Gewissheit, als ich Autoscheinwerfer quer über das zugeschneite, angrenzende Feld leuchten sah!"
15 Minuten Ewigkeit
Markus fand seinen Freund im Autowrack schwer verletzt eingeklemmt, konnte zunächst über die Beifahrerseite nur eine Decke zum Schutz gegen die eisige Kälte über ihn legen. Und wählte per Handy die zentrale Notrufnummer 112: "Der Unfallort lag zwar dicht an der Kreisgrenze, aber dass sich die Leitstelle des Kreises Saalfeld-Rudolstadt meldete, wunderte mich dennoch. Mir schienen die vielleicht 15 Minuten wie eine Ewigkeit, bevor ein Sani-Wagen dort oben war. Noch ohne Notarzt. Vorher rief ich nochmals die 112 an, was ich am besten an Soforthilfe leisten könnte. Dann verband man mich mit unserer Ilmkreis-Leitstelle. Bald darauf kamen der Notarzt und die Herschdorfer Feuerwehr. Doch die ist natürlich für solche Rettungseinsätze nicht annähernd so ausgerüstet wie beispielsweise die Breitenbacher Stützpunktwehr. Nach besten Kräften versuchten die Kameraden, die Fahrertür per Spitzhacke aufzubrechen, die dabei noch abbrach ..."
Markus weiter: "Meine Handy-Anrufdaten bewahre ich gut auf, auch für meine Zeugenangaben bei der Polizei. Irgendwann sah ich dann die Feuerwehr Königsee zu Werke gehen, während ich froh war, dass Jens' inzwischen eingetroffene, erschütterte Freundin und deren Eltern nichts durch die zugeschneiten Autofenster sahen, als ich versuchte, sie einwenig zu beruhigen."
Inmitten des Blaulichtmeeres an der Unfallstelle bangten längst auch Thomas und Carola Langguth, die Eltern des Verunglückten, um das Leben ihres Sohnes. Dessen Vater gestern: "Wir sind jetzt in unserer Trauer und Verzweiflung gefangen. Und wer weiß, welche Chancen unser Sohn wirklich zum Überleben gehabt hätte, wenn ihn eine entsprechend ausgerüstete Feuerwehr früher aus dem Pkw-Wrack bekommen hätte. Aber irgendwann demnächst wollen wir genauer wissen, wie es zu diesen Rettungsabläufen kam. Allein als wir ankamen, dauerte es noch rund eine Stunde, ehe er aus dem eisigen Autowrack befreit war.
Unser Sohn ist tot. Aber es darf künftig anderen nicht ebenso passieren!"
Die Großbreitenbacher Wehr bekommt in diesen Tagen allerneustes hydraulisches Rettungsgerät für rund 8000 Euro. "Denn die Autokarosserien werden immer sicherer, vielfach sind sie beispielsweise an den A-Säulen im Vorderbereich so verstärkt, dass die herkömmlichen Hydraulikscheren nicht mehr durchkommen", sagt ein Großbreitenbacher Kamerad. Und fordert, wie viele andere deutsche Wehren sowie der ADAC, dass endlich für neue Autos an fest vorgeschriebenen Plätzen im Fahrzeug Rettungskarten für die Retter leicht zu finden sein müssen. Mit Angaben zu den für die Notfallkräfte gefährlichen Airbags, Karosserieverstärkungen, Batterie-Abklemmmöglichkeiten und so weiter.
Hohe Verantwortung
Doch ob dies dem jungen Gillersdorfer noch geholfen hätte? Jens Frey, Leitstellenchef in Arnstadt, gestern zum Einsatzablauf: "Unser Team wie auch das im Nachbarkreis haben rund um die Uhr einen verantwortungsvollen Job, ständig angemessen Kräfte und Mittel für Notfallsituationen zu alarmieren. Von Königsee ist's etwa nur halb so weit nach Allersdorf wie von Großbreitenbach. Gerüchte von fälschlicher Alarmierung trete ich vehement entgegen. Dramatisch war freilich der Verletztentransport in eine Spezialklinik. Der Rettungshubschrauber war schon in der Luft, musste aber dort oben wegen Schneetreibens abdrehen."


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