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Ressort Ilmenau
Erschienen am 12.06.2009 00:00
Letzte Stadtratssitzung
Abschied mit und ohne Geschmack
Die Bockwürste waren schon gestern nicht mehr aus dem Gremium zu verbannen

Ilmenau - Fast unbemerkt fanden sie Zugang zum

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Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber (CDU) verabschiedete gestern scheidende Stadträte. Foto:bf
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Ratssaal. Im Vorraum mit Durchreiche erwärmten sich die stets Begehrten für die drinnen diskutierenden Räte. Kurz vor 17 Uhr trafen sie ein: 30 Stück von ihnen waren bestellt bei einem Ilmenauer Unternehmen. Heiß geliefert fanden sie im Kessel der Stadtverwaltung hinter dem Fenster der Durchreiche auf Temperatur gehalten Unterschlupf. Währenddessen lief im großen Saal die Verabschiedung jener Räte, die aus dem Stadtrat ausscheiden, durch Oberbürgermeister Gerd-Michael Seeber (CDU).

Da kam es für Manche(n) ganz dick, noch bevor eine Wurst auf dem Teller lag. Nicht jeder konnte seine Enttäuschung über den Ausstieg verbergen. Hatte Friedrich Balbierer (CDU), der nicht wieder antrat, das Ende seiner politischen Karriere mit Souveränität hingenommen, zeigte sich die abgewählte Vizestadtratsvorsitzende Christel Wilinski (SPD) "streitbar bis zur letzten Sitzung", wie der OB im Nachgang schmunzelte. Wilinski kann Bockwürsten nichts Gutes abgewinnen: "Mir tut der neue Stadtrat leid", schob sie ihrem Abgang einen deftigen Geschmack hinterher. Schon als sie die Ankündigungen von Pro Bockwurst in der Zeitung gelesen habe, habe sie nicht Gutes geahnt. "Die kennen weder die Stadt noch das Rathaus", erinnerte sie daran, wie die alten Räte aus einer 1989 "runtergekommenen Kleinstadt" Ilmenau zu dem machten, was es heute ist. Sie sei aufgeregt "und es tut auch weh", räumte Wilinski ein. Da drehten sich die Bockwürste im Kessel nochmal blubbernd auf die andere Seite. Schon eingangs seiner Verabschiedungsrunde hatte der OB vermutet: "Es hat bestimmt Tränen gegeben und tut mir persönlich auch für jeden leid", der gehe. So galt sein besonderer Dank für die Arbeit in einer Legislaturperiode, die eine schwere gewesen sei. Selbst Seeber fielen die Worte nicht leicht, mal schob er seine Brille auf die Stirn, mal auf die Nase und manchmal nahm er sie ganz ab, als er den Räten dankte. "Das Ergebnis der letzten fünf Jahre kann sich durchaus sehen lassen", resümierte der Stadtchef, dass manchmal auch gestritten wurde. "Wir sind aber auch nicht hier zum Schunkeln", hatte er diesmal für alle Scheidenden Blumen und die Anstecknadel des Stadtwappens in Gold (bekamen auch die bleibenden Räte) vorbereiten lassen - derweil sich die Bockwürste im Kessel zwischen goldenen Fettaugen für ihren Auftritt zurechtlegten. Ursula Nirsberger (CDU), Beigeordnete und Partnerschaftsbeauftragte, erntete gar rechts und links ein Küsschen von Ratsvorsitzendem Wolf-Rüdiger Maier, der zum Abschied in schwarzem Sakko und schwarzer Fliege die letzte Sitzung führte. Stehende Ovationen erhielten Viele der Verabschiedeten. Maria Franczyk (CDU), die sich ein letztes Mal beim Zuspätkommen im Stadtrat Mühe gab - diesmal mit schwarz-weißem Kleid und Korkschuhen mit weißen Riemchen - nicht zu laut aufzutreten, bis sie an ihren Platz gelangte, dennoch aber wieder verstohlene Männerblicke hinter sich herzog, erhielt ebenfalls den Dank des OB, insbesondere als Ausländerbeauftragte der Stadt. Fast gerieten die Bockwürste da in Vergessenheit. Nur Petra Friedrich, im beruflichen Leben Sekretärin des Ilmenauer Bürgermeisters, hielt zu diesem Zeitpunkt einen Blick auf sie, bereitete hinter der Glasscheibe blitzblanke Tellerchen mit Kartoffelsalat vor. Regina Urbatschek (CDU) im Saal versäumte es nicht, trotz Ausscheidens ihre Kampfbereitschaft für Herzensangelegenheiten zu bekunden. Ihren letzten Auftritt im Rat hatten gestern auch die ebenso herzlich verabschiedeten Eberhard Dittmar (SPD), Jürgen Büttner (CDU), Christine Spira (Linke), "Frohnatur" - so der OB - Volker Bischoff (Linke). Noch nachgeholt wird der Abschied für die Urlauber Karin Roßmann (SPD) und Ingrid Behnke (CDU).

Und dann ging die Scheibe der Durchreiche hoch, waren die Bockwürste auch offiziell Sache des Rats. Zur Pause. Und wer da alles zugriff: Voran Bauamtsleiter Uwe Wolf, gefolgt von Kämmerer Gerhard Baumgart, der gleich zwei Bockwürste am Wickel hatte, "eine für den Nachtragshaushalt, eine für den Finanzplan", wie er schmunzelte. Quer durch die Fraktionen rissen sich Räte um die Würste, standen gar Schlange. Selbst der OB bekannte: "Ich lasse mir die Bockwurst nicht entgehen. Auch in der Zukunft nicht!"

Umgangen haben sie die wenigsten Stadträte bisher, auch in früheren Pausen der Ratssitzungen nicht. Was die Gruppe der gewählten Bockwürste aber in den Rat einbringt, wird die Zukunft zeigen. "Vorschusslorbeeren sind ganz gut", blickte der OB gestern voraus, "aber sie müssen sich noch beweisen!" Denn in der Regel sei es "vergebene Liebesmüh, ohne Engagement Wahlen erfolgreich zu gestalten", auch wenn die Bockwürste erst mal das Gegenteil bewiesen hätten.

 
 

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