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Korrespondierend zur aktuellen Ausstellung „Meiningen unter Dampf“ – 150 Jahre Werra-Eisenbahn hatte Axel Schneider zusammen mit der Theatergruppe des Henfling-Gymnasiums unter der Leitung von Christina Hampel ein Programm auf die Beine gestellt, das sich sowohl sehen als auch hören lassen konnte. Mit Leinwand und Lautsprecher ausgestattet, verwandelte sich das gut besuchte Turmcafé in einen Multivisions-Raum, der gleichzeitig auch als Bühne für die Rezitationen der Jugendlichen fungierte.
Lok-Ungeheuerlichkeit
Bei einer Aufwärm-Runde mit Zitaten von Politikern und Künstlern zum Thema wurde deutlich, welche Ungeheuerlichkeit im besten Wortsinn ein Dampfzug Mitte des 19. Jahrhunderts darstellte. Vom Höllenspektakel der Glocke war da die Rede, und dass der Bahnhof in Meiningen damals das Ziel so manchen Sonntagsspaziergangs war, der im Bahnhofsrestaurant auf einem Glas Bier endete, ungeachtet der Tatsache, dass damit den Reisenden der Platz weggenommen wurde. Dann ging die Theatergruppe in medias res: Mit Peter Roseggers Erzählung „Als ich noch der Waldbauernbub war“ schilderte sie in einer hinreißenden szenischen Lesung den Erstkontakt eines alten Bergbauern und seines Patenkinds mit dem Teufelswerk. Von hoch oben sahen die beiden „einer scharfen Linie entlang einen braunen Wurm kriechen, und darüber ein Rauchwölkchen schweben“. Und erst der Tunnel! Kalt wie Grabesluft wehte es aus dem Loch. Dann, ein Erdbeben, ein Zischen, der Teufelswagen kam und an ihm hingen ganze Häuser dran, aus deren Fenstern Menschen schauten. Soweit die Dampfwagen-Rezeption des österreichischen Schriftstellers, der von 1843-1918 lebte. Dass die beiden am anderen Tag doch noch mit dem Zug reisten, war ihrer allzumenschlichen Neugier zu verdanken. Der Zug pfiff vor dem Tunnel, „meine Totenglocke“, so der Pate, sie reisten unter der Erde – „zehn Vaterunser lang mochten wir so begraben gewesen sein“, doch dann blickten sie in die vorbeifliegende Gegend hinaus und fanden Gefallen an der Angelegenheit. Und am Schluss sind die beiden noch wegen des Aufdrucks auf ihrem „Papierschnitzel“, der Fahrkarte, in Nachzahl-Schwulitäten geraten, weil sie einfach noch ein bisschen länger sitzen geblieben sind.
Stummfilme und Musik
Unterbrochen wurde die dreiteilige Lesung unter anderem von zwei klavieruntermalten Stummfilmen aus den Jahren 1895/96 über die Einfahrt eines Zuges in La Ciotat, einer südfranzösischen Kleinstadt. Die Erfinder der Cinematografie, die Brüder Lumière, hatten damit eine derart überwältigende Wirkung erzielt, dass die Besucher damals schreiend aus dem Vorführsaal gesprungen sind, weil eine Lokomotive auf sie zuraste.
Musikstücke wie der „Kopenhagener Dampfgalopp“ und die Sinfonie „Pacific 231“ von Arthur Honegger, die letztes Jahr bei einem Konzert der Meininger Hofkapelle im Dampflokwerk in authentischem Ambiente zur Aufführung gekommen ist, gaben einen Eindruck von der künstlerisch-musikalischen Verarbeitung des dampfspeienden Stahlkolosses. Dem Anblick einer Eisenbahn widmeten sich die jungen Mimen in Zitaten. Auch ein Blick hinein in die verschiedenen Klassen des Reisekomforts wurde in Lichtbildern geboten. Vom gepolsterten, mit Klöppeldeckchen behangenen Salonwagen der Könige bis zur Holzklasse, die anfangs noch offen, so dass „kleine Kohle- und Eisenteile in die Augen flogen“, später dann geschlossen war, und erst ab 5° Celsius beheizt wurde, schweifte der Blick bis in das moderne Interieur eines Hochgeschwindigkeits-Zuges in Japan aus der heutigen Zeit. Ein filmischer Ausschnitt erinnerte noch einmal an die „Mitropa“-Esskultur der alten DDR-Speisewagen.
Eisenbahnpionier
Nicht jeder war den Plänen des Sozialökonomen und Eisenbahnpioniers Friedrich List gewogen, der bereits 1828 ein deutsches Eisenbahn-Netz mit Anschluss an die Nachbarländer plante. So sträubte sich der Landesfürst Ernst August I, König von Hannover, mit den Worten: „Ich will nicht, dass jeder Schuster und Schneider so rasch reisen kann wie ich.“ Dass trotz anfänglicher Querelen und einem eklatanten Mangel an Kapital der Dampfwagen doch noch seinen Siegeszug durch alle Kontinente fortsetzte, war den vielen fleißigen Händen zu verdanken, die mit Schubkarre, Hacke und Schaufel unermüdlich das Terrain ebneten und Schienen verlegten.
Allein auf der 130 Kilometer langen Werratal-Strecke waren bei der Bauzeit von 1856 bis 1858 bis zu 8000 Personen beschäftigt. Und wie bei allem, verflog auch bald der Reiz, mit der Eisenbahn zu reisen. Einerseits wurde der Zeitgewinn gelobt sowie die neuen logistischen Möglichkeiten. Doch gleichzeitig klagten bereits kritische Stimmen, intoniert von der Theatergruppe: „Man reist jetzt viel zu übereilt und unpoetisch und macht sich zum Sklaven der Eisenbahn.“ B. Keller


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