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Bleßbergtunnel
Von Tunnelbauern, Bohrern und einer Heiligen
Am Nordportal sind die ersten 1 000 Meter geschafft. Grund genug für einen Besuch der Tunnelpatin.
Von Thomas Schwämmlein

Goldisthal - Über vermanschten Schnee und Eis, vorbei an

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Bauleiter Manfred Reiter sowie die bulgarischen Tunnelbauer Vaselin Buschov, Georgi Savev und Ivan Krustanov treffen unter Tage auf SPD-Bundestagsabgeordnete und Tunnelpatin Iris Gleicke (v. l.).
Bild: camera900.de
einer Armada von Baufahrzeugen tuckert der Kleinbus ins immer enger werdende Ta. Dann verschlingt eine Öffnung im Berg Kleinbus und Insassen. "Das ist erst der Goldbergtunnel, ihr Tunnel kommt noch", erklärt im unzweifelhaft bayerischen Dialekt der Beifahrer. Da schlüpft das Fahrzeug auch schon wieder ins freie, gibt für Sekunden den Blick auf das vereiste Unterbecken des Pumpspeicherwerks Goldisthal frei und taucht wieder ins Tunneldunkel des Bleßbergs ab. "Jetzt sind wir im Bleßbergtunnel", erklärt der Beifahrer weiter. Er heißt Manfred Reiter, ist der Chef auf der Baustelle Tunnelbaustelle und an diesem Tag auch Reisebegleiter. Im Kleinbus sitzt nämlich auch eine kleine Delegation mit Presse und der Bundestagsabgeordneten Iris Gleicke (SPD) - der Tunnelpatin. Der Bleßbergtunnel ist ihr Tunnel.

Höhere Mächte

Die Politikerin hat an diesem Donnerstagabend Patenpflichten zu erfüllen, denn es gibt an der Nordbaustelle des Bleßbergtunnels bei Goldisthal etwas zu feiern - das 1 000-Meter-Fest. "Das war doch die heilige Barbara", kommentiert Gleicke eine Heiligenfigur, die Schutzheilige der Bergleute und der Tunnelbauer, rechts des Tunneleingangs. Sie erzählt von der Barbarafeier am 4. Dezember, da sei sie das letzte Mal in "ihrem" Tunnel gewesen. "Einer höheren Macht verpflichtet zu sein, kann nicht schaden", meint die Sozialdemokratin und spielt auf die nicht ungefährliche Arbeit unter Tage an.

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Am derzeitigen Tunnelende ergibt sich Gelegenheit für ein kurzes Gespräch über die Arbeit unter Tage.
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Das Gespräch kommt in Gang, bewegt sich analog zur holprigen Piste unter Tage auf den Baufortschritt zu. Die Politikerin fragt nach Schwierigkeiten. "An dieser Stelle hatten wir einen Einbruch, aber es ist glücklicherweise niemand zu Schaden gekommen", sagt Reiter. "Wenn da nicht auch die Heilige Barbara ihre Arbeiter geschützt hat", heißt es aus dem Bus heraus. "Das zweifelt bei uns niemand an", sagt Reiter. Immerhin brachen vor einigen Monaten rund 100 Kubikmeter Material ein. "1.40 Uhr klingelte bei mir das Telefon", erzählt der Bauleiter von damals. Halb drei Uhr sei er an diesem Tag auf der Baustelle gewesen. Planbar ist so etwas nicht, auch nicht der Baufortschritt. Selbst die 1 000-Meter-Marke, die es nun zu feiern gilt sei eigentlich eine 1 054-Meter-Marke, räumt Reiter ein. "Aber wenn wir heute eine 975-Meter-Fest gefeiert hätten, das wäre doch etwas blöd gewesen", meint der Bauleiter.

Unabhängig vom Maß, das gerade gefeiert wird, wichtig seien diese Schritte trotzdem, um die Menschen im Tunnel zu motivieren. "Sie glauben gar nicht, was das für einen Schub unter den Arbeitern gibt", erzählt Reiter von seinen Erfahrungen. So etwas schweiße zusammen, erst recht die Erfahrung des gemeinsamen Werkes unter Tage.

Mürbes Gestein

Das gemeinsame Werk ist ein Gigant. Über acht Kilometer wird der Tunnel einmal messen, wird durch das Herz des Schiefergebirges getrieben, dorthin, wo bisher weder die Goldsucher vor 400 Jahren noch die Geologen unserer Tage vorgedrungen sind. Überraschungen sind da vorprogrammiert. "Wir hatten eine ganze Zeit mit sehr lockeren Gestein zu kämpfen", beschreibt Reiter einige der Probleme. Dafür hatte vor Jahrmillionen ein Vulkanschlot gesorgt, der hatte das Umgebungsgestein mürbe gemacht. Die Lava ist zwar schon lange kalt, aber das streußelkuchenartige Gestein ist geblieben und bereitete den Tunnelbauern Schwierigkeiten.

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Moderne Technik erleichtert das Bohren von Sprenglöchern.
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Der Kleinbus hat mit der Huckelpiste zu kämpfen, muss Maschinenriesen mit Schläuchen und krakenartigen Armen ausweichen, dann stoppt der Fahrer. "Wir sind da", schallt es von vorne. Die kleine Truppe steigt - mit Gummistiefeln, Warnwesten und Schutzhelmen bewehrt - aus und steht im Tunnel. Unten sammelt sich Wasser, vermischt Betonreste und zermahlenes Gestein zu einer glitschigen Pampe. Drumherum ist es kühl und vor allem dunkel. Licht bieten nur die kaum zu übersehenden Baugeräte, die trotz ihrer riesenhaften Dimensionen wie kleine Inseln im Tunnel wirken.

Man kommt ins Gespräch. Iris Gleicke wird vorgestellt, einige der bulgarischen Tunnelbauer erinnern sich ans vergangene Barbarafest, wissen, die Frau mit Helm ist ihre Tunnelpatin. Gleicke stellt Fragen, zur Technologie, zum Streckenvortrieb, zum stählernen Korsett der Tunnelröhre. Wie sich der aufgespritzte Beton verhalte, möchte die gelernte Bauingenieurin Gleicke wissen. Reiter kämpft gegen den Lärmpegel an, denn unter Hochdruck spritzt der Beton an die Flanken der künstlichen Höhle, lässt Gestein und Stahlbewehrung mehr und mehr unter dem betonierten Grau verschwinden. Bedient wird das alles von einem Arbeiter in einer Glaskanzel, er steuert die gigantische Spritzpistole. Während vorne der Beton sich an der Tunnelwandung verteilt sorgt hinten ein Betonmischer für Nachschub.

Die Frau am Betonmischer

Gleicke spricht mit einer zweiten Frau mit Helm, sie ist die Fahrerin des Mischers. Es bleibt nur wenig Zeit für ein Gespräch, später, ohne Geräuschkulisse, wird Gleicke auch über Frauen in technischen Berufen sprechen, auch über die Frau mit dem Betonmischer, die aus der Region stammt. "Die Frauen setzen sich auch hier durch", stellt Gleicke fest.

Hinter den Riesenmaschinen wird es ruhig und nach ein paar Metern stehen alle vor dem - derzeitigen - Ende des Tunnels. Die Bohrmaschinen ruhen, Bauleiter Reiter findet Zeit, zum Gespräch. Er erklärt den Vortrieb: bohren, sprengen, abtransportieren, schalen, betonieren. Eine ganze Reihe von Schritten gehören dazu, bis so ein Meter Tunnel fertig ist. "In Spitzenzeiten schaffen wir neun Meter am Tag, derzeit liegen wir bei sieben bis acht Metern", erläutert der Bauleiter. "Es ist schon erstaunlich, wie präzise hier gearbeitet wird", lobt Gleicke. "Ja, das ist Präzision nur eben in einer ganz anderen Dimension", bemerkt Reiter.

Die Rede kommt aufs Große Ganze, auch die Verkehrspolitik und beabsichtigte Sparpläne der Bahn, von der auch die Mitte-Deutschland-Verbindung betroffen ist, zu der auch der Bleßbergtunnel gehört (Freies Wort vom 6. März). Die Sparpläne beträfen den mehrgleisigen Ausbau vorhandener Strecken, nicht die Neubaustrecke, präzisiert Gleicke und kommentiert: "Die Strecke ist notwendig und wir müssen sie zu einem Ende führen und da sind wir uns fraktionsübergreifend einig."

Im Tunnel jedenfalls gibt es daran keinen Zweifel, denn den Tunnelbauern geht es um das gemeinsame Werk, an dem sie arbeiten und von dem sie wieder ein Stück, den ersten Kilometer, geschafft haben. Grund zum Feiern allemal, meint Manfred Reiter.

Da wird in der Halle vor dem Tunnel schon aufgetafelt für alle, für die Belegschaft, für die Ingenieure und die Tunnelpatin. Für ein paar Stunden ruht die Arbeit. Das ist sehr selten, aber schon am nächsten Morgen geht es weiter, denn vor die Nord-Truppe liegen noch 2,6 Kilometer. So weit misst die Strecke, bis sie sich mit der Südtruppe, die sich von Mausendorf bei Schalkau aus ins Bleßbergmassiv vorkämpft, treffen. Wann wird das sein? Manfred Reiter möchte keine Prognose wagen.

"Dieses Jahr auf keinen Fall und nächstes Jahr auch nicht gleich", lautet die salomonische Antwort des Ingenieurs. Die Gäste ahnen warum er im Ungefähren bleibt, denn planbar ist so tief unter der Erde nicht sehr viel.

Und am Ende werden sich die Tunnelbauer auch lieber auf die Heilige Barbara verlassen, die ohne Schlaf am Eingang Wache hält...

 
 

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