MEININGEN – Ein 30-jähriger Montage-Helfer und ein 18-jähriger Straßenbau-Azubi müssen sich derzeit am Meininger Amtsgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Nach dem ersten Verhandlungstag ergab sich anhand von Zeugenaussagen folgendes Bild: Opfer Bernhard O.* war, so erzählte er jetzt vor Gericht, vom Chef des Jugendzentrums eingeladen worden, ihm bei den Vorbereitungen eines Heavy-Metal-Konzerts zu helfen.
Als der politisch links orientierte 32-Jährige in der Villa an der Bar stand, wurde er von einem ihm bis dato Unbekannten angesprochen. Der Mann habe ein T-Shirt mit der Aufschrift: „White Youth“ getragen, das die Zugehörigkeit zur rechten Szene symbolisiert. „Kennst du den Michael?“, haber der ihn gefragt. Vor dem und seinen Leuten hätte der Fremde angeblich Angst, erzählte das spätere Opfer vor Gericht weiter. Mit Michael* war eine in der Schmalkalder Nazi-Szene bekannte Größe gemeint. Als Bernhard O. die Frage verneinte, wurde er von dem Unbekannten und einem anderen zu einem Bier am Auto eingeladen. O. ist sich jetzt im Prozess sicher: Die beiden Angeklagten hätten ihn ganz bewusst zum Auto gelockt. Auf dem Weg dahin sei er von ihnen plötzlich angepöbelt und erstmals mit Schlägen traktiert worden. Der jüngere Angeklagte zerschlug eine Bierflasche auf O´s Kopf. Danach sei er von den beiden weiter geschlagen und getreten worden. Der ihm bis dahin Unbekannte habe sich vor O. aufgebaut und zu ihm gesagt: „Damit du weißt, wen du vor dir hast: Ich bin der Michael.“ Wie das Opfer im Prozess bekundete, sei es sicher, dass der Mann, der ihn vor mehr als zwei Jahren in der Villa K an der Bar ansprach, der jenes T-Shirt trug und ihn zum Bier einlud, derselbe war, der ihn dann zusammen mit dem jüngeren geschlagen hatte und der sich als „der große Michael der rechten Szene“ zu erkennen gegeben habe.
Bernhard O. flüchtete schließlich vor seinen Peinigern in Richtung Bahnhofstraße. Wie er weiter angab, versuchte er von dort seine Freundin, die noch in der Villa weilte, telefonisch zu erreichen. Er wollte, dass sie mit dem Auto zu ihm kommt. Aber die Freundin hörte nicht. Da er ihr aber – kurz bevor er der „Einladung“ zum Bier gefolgt war – den Autoschlüssel gegeben hatte, war er gezwungen, in die Villa zurückzukehren. Stark blutend kam er bei seiner Freundin an. Unter anderem war die Unterlippe weit eingerissen und der Mund war angeschwollen. Seine Freundin wollte mit ihm zum Arzt fahren. Auf der Treppe der Villa K stand, so das Opfer, „ein Pulk von schwarzen Stiefeln und Bomberjacken.“ Als O. die Treppe herunterlief, wurde er ein zweites Mal angegriffen und verprügelt.
„Alle haben auf ihn eingeschlagen“, erinnerte sich O.‘s Freundin. Es sei derart schlimm gewesen, „wie im Film“. Alle hätten mit Bierflaschen auf ihren Freund eingedroschen, der am Boden lag und schon schrie: „Ich seh‘ nichts mehr“.
Der ältere Angeklagte, so andere Zeugen, hätte immer wieder mit einem Schlagring auf den Kopf des Opfers eingehauen und dabei merkwürdigerweise nach seiner Mutter geschrien, erinnerte sich einer. Wie der Schmalkalder weiter aussagte, sei er dazwischen gegangen, damit das Opfer nicht noch mehr Schläge mit den Ring abbekomme. Er habe Angst um dessen Leben gehabt. Den älteren Angeklagten, der den Schlagring krampfhaft umklammerte, habe er vom Opfer losgerissen und ihn in den Schwitzkasten genommen, sagte er vor dem Amtsgericht aus.
Die Angeklagten selbst bestreiten vor Gericht jede Schuld. Der Ältere sagte, das Opfer sei auf ihn „losgegangen“. Er habe sich „nur gewehrt“. Der Jüngere meinte: „Ich hab nix gemacht!“ Ein Zeuge aus Floh sagte aus, er habe gesehen, wie der ältere Angeklagte die Treppe hochgelaufen sei und dabei von einem Unbekannten „angefallen“ wurde. Wer das gewesen sei, wisse er aber nicht. Das Opfer habe er an dem Abend gar nicht gesehen.
Der Verteidiger des 30-Jährigen will nun weitere Zeugen benennen. Thomas Jauch ist ein in der rechten Szene einschlägig bekannter Anwalt und war unter anderem auch der Verteidiger des Haupttäters der Verbrennung der Anne-Frank-Tagebücher in Sachsen-Anhalt sowie der „Skinheads Sächsische Schweiz“. Sein Mandant habe nicht das vom Opfer beschriebene T-Shirt getragen, statt dessen ein schwarzes Hemd, versuchte er in der Verhandlung darzustellen, dass das Opfer seinen Mandanten mit einem Unbekannten verwechselt und der 30-Jährige nicht derjenige war, der O. ans Auto lockte und die Schlägerei auslöste.
Der 30-Jährige will nach eigener Aussage heute nicht mehr zur rechten Szene gehören. Er habe auch „nur einen Ring“, keinen Schlagring, getragen, sagte er vor Gericht.
Die Verhandlung wird Ende Juni fortgesetzt. INA TALAR
*Namen geändert

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