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Ressort Sonneberg
Erschienen am 27.07.2007 00:00
BANKEN
„Da ist nichts Menschliches mehr dabei ...“
Wie Risikokapital-Einstufung und Rating-Verfahren zur Nagelprobe für einen kleinen Sonneberger Handwerksbetrieb werden
VON REGINA HAUBOLD
Seit zig Jahren Kunde einer freundlichen Bank und unversehens „weiterverkauft“! Der Vorgang gehört neuerdings zur gängigen Praxis im Bankwesen. Für die Banken ist es nur die „Trennung von Risikokapital“, für die Betroffenen aber kommt es einer Katastrophe gleich. Ein aktueller Fall aus Sonneberg:
 
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Barfuß im Regen: Wenn die Hausbank „die Freundschaft kündigt“, kann das fatale Folgen haben, wie ein Fall in Sonneberg beweist.
Bild: camera900.de
Das erste Schreiben landete Anfang November vergangenen Jahres im Briefkasten der ortsansässigen Firma Tierbach (Name von der Redaktion geändert), einem mittelständischen Handwerksbetrieb mit etlichen Beschäftigten. Es verhieß nichts Gutes. Die Hypo Vereinsbank, seit Anfang der 90er Jahre Hausbank des Firmeninhabers, teilte darin zum Jahresende die Kündigung der Teilnahme am HVB Direct Banking mit. Ein weiteres Schreiben vom gleichen Tag zeigte auch die Kündigung des Telefonbankings an. „Ab 01.01.2007 ist Ihr Zugang gelöscht“, heißt es lapidar in beiden Briefen, unterzeichnet mit zwei unleserlichen Krakeln und „freundlichen Grüßen“. Firmeninhaber Tierbach schwante Schlimmeres. Er griff zum Telefon und suchte Kontakt mit seinem freundlichen Verbindungsmann bei der Bank.

Die Beweggründe, sagt er, habe er immerhin wissen wollen. Fehlanzeige! Der Sachbearbeiter wich aus. Die Kündigungen, so gab er an, hätten mit der „Neuausrichtung des Geschäftsfeldes der Bank“ zu tun. (Im Jahre 2005 war die Hypo Vereinsbank von der italienischen Uni Credit Group übernommen worden.) Tierbach erledigte seine Geldgeschäfte wieder persönlich in der Sonneberger Filiale, als ihn Mitte Februar ein weiteres Schreiben seiner Bank ereilte, diesmal aus München, ihn „frühzeitig über wichtige Veränderungen in unserer Geschäftsbeziehung“ informierte und ihm „zugleich Zeit verschaffen“ wollte, „sich auf diese Veränderungen einzustellen“. Tierbach glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Ihm wurde angekündigt, dass alle seine Konten aus der Geschäftsbeziehung „Bestandteil eines Portfolios“ sind, „das die bayerische Hypo- und Vereinsbank AG (HVB) auf die Delmora Bank GmbH überträgt ...“ Es folgt ein Verweis auf vertragliche Modalitäten, die auf der Internetseite der Bank nachzulesen seien. Zur Begründung werden „veränderte Anforderungen und Rahmenbedingungen“ im Zuge der Neustrukturierung des Kreditgeschäftes angeführt und vorsorglich erklärt, dass der Gesetzgeber ein solches Vorgehen durchaus ermögliche und in den letzten Jahren schon verschiedene Banken so verfahren seien. Zum 1. April, heißt es weiter, würden „alle wechselseitigen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten“ auf die Delmora Bank übertragen. Gleichwohl würden „die Kontinuität der Betreuung“ und die vertraglichen und gesetzlichen Verpflichtungen beibehalten, versichert die HVB.

Die Delmora Bank meldet sich im März diesen Jahres mit einem standardisierten Schreiben, um über „notwendige Veränderungen der Dienstleistungen und banktechnischen Abläufe“ zu informieren. Aus dem beigefügten Serviceblatt entnimmt Fritz, dass nun die Zeit vertrauensvoller Zusammenarbeit – wie einst mit der Hausbank – endgültig vorbei sind. Zwar hatte auch die HVB in den vergangenen Jahren laufend Einblick in die Geschäftszahlen und die Einkommenssituation nehmen wollen, doch habe weiter ein partnerschaftliches Klima geherrscht. Künftig wird die Bank wie die Faust im Nacken sitzen, schwant Tierbach.

Kurz nach der Grenzöffnung war Tierbach als Privatkunde zur HVB gewechselt, die eine Filiale in Sonneberg betreibt. Einige Jahre später gründete er seine Handwerksfirma und errichtete ein Kontokorrentkonto bei der Bank für die laufenden Geldgeschäfte. Zudem hat er im Zusammenhang mit dem Bau eines Geschäftshauses seit Mitte der 90er Jahre mehrere Darlehen mit einer Gesamtsumme von rund 350 000 Euro bei der Hypo aufgenommen.

Über die Kooperation mit der HVB konnte sich Tierbach anfangs nicht beklagen. „Es lief eigentlich alles ganz normal, per Dauerauftrag wurden sämtliche Verbindlichkeiten abgewickelt.“ Selbst als die Zeiten um das Jahr 2000 schwieriger wurden, der Umsatz rückläufig war und Personal abgebaut wurde, habe er sich immer zufrieden stellend mit der Hypo ins Benehmen setzen können, resümiert der Handwerker.

„Mit Haut und Haaren verkauft“ fühle er sich jetzt von denen, denn mit der Delmora Bank – die kurz darauf von der Archon International Inc. Wilmington übernommen wurde und als Archon Capital Bank Deutschland (ein Unternehmen der Goldmann Sachs Inc. New York) firmiert – gestalten sich die Geschäftsbeziehungen recht kompliziert, unpersönlich und zeitaufwändig: Für einen Geschäftsmann geradezu hahnebüchen sei beispielsweise die Handhabung des Kontokorrentkontos, da der Ansprechpartner der Archon in Chemnitz sitzt, heißt es. „Kontoauszugsdrucker stehen nicht mehr zur Verfügung“, steht in der Kundendienstinformation. Und weiter: „Kontoauszüge erhalten Sie ausschließlich per Postversand jeweils bei Umsatz auf Ihrem laufenden Konto.“

Für Handwerksmeister Tierbach ist nicht nur die „vorsintflutliche Verfahrensweise“ im Internet-Zeitalter ein „Unding“. „Kulantes Handling, etwa bei Überziehungen beim Kontokorrentkredit, wie sie – vor allem bei der mangelhaften Rückkopplung zur Bank – immer mal passieren können, gibt es da nicht“, beklagt er. Bisweilen plagt ihn die Sorge um die beiden Darlehen: „Wer garantiert mir, dass die vertraglichen Bedingungen eingehalten und die Kredite nicht eines Tages fällig gestellt werden?“

Doch mehr noch als die Darlehen belastet ihn die Handhabe des laufenden Geschäftskontos. Er habe ohnedies den Eindruck, dass die Archon-Bank kein sonderliches Interesse an der Führung eines Kontokorrentkredites habe, meint Tierbach.

Stark unter Zeitdruck hat er sich in den vergangenen Monaten nach einer neuen Hausbank umgesehen. Mit niederschmetterndem Ergebnis. Zwar hatten etliche Kreditunternehmen durchaus Interesse an einer Zusammenarbeit mit dem Handwerksunternehmen bekundet, doch ein so genanntes Rating, das alle potenziellen Kunden durchlaufen müssen, gab schließlich den Ausschlag. Die Anfrage wurde abschlägig beschieden. Mit diesem Verfahren wird anhand ausgewählter Firmendaten geprüft ob der Kunde für die Bank rentabel ist. In seinem speziellen Fall liege das Problem bei den beiden Krediten, deren Rückzahlungsmodalitäten eine günstige „Benotung“ verhinderten.

Ein solches Geschäftsgebahren einer Bank, findet Tierbach, „ist eigentlich völlig inakzeptabel, da es die Fundamente einer vertrauensvollen Zusammenarbeit untergräbt, aber offenbar unabänderlich“. Es behindere die Entwicklung mittelständischer Unternehmen anstatt sie zu fördern. „Da ist nichts Menschliches mehr dabei“, sagt Tierbach verbittert. Unterdessen sucht er noch immer nach einer Bank, „bei der man sich nicht verraten und verkauft fühlt“.

Der kleine Handwerksbetrieb in Sonneberg ist kein Einzelfall. Dem Vernehmen nach hat die Hypo Vereinsbank auch anderen Firmen im Sonneberger Raum die Zusammenarbeit gekündigt und deren Verbindlichkeiten an die Delmora, respektive Archon Capital, veräußert. Der klassische Verkauf von Forderungen sei jedoch „kein spezifisches Problem des Handwerks“, erklärt Steffen Müller, Leiter der Abteilung Recht und Organisation der Handwerkskammer Südthüringen. Seit drei, vier Jahren sei die Suhler Kammer mit solchen Vorgängen konfrontiert. „Rechtlich gesehen ist nichts dagegen zu machen“, meint Müller, doch er empfehle seinen Mitgliedern, sich mit der Kammer in Verbindung zu setzen, wenn es Beratungsbedarf gebe.

Auch die Hypo-Zentrale in München macht kein Hehl daraus, dass die Trennung von Geschäftskunden und der Verkauf von Darlehen eine „reine Bonitätsentscheidung“ sei. Alle Kunden würden neuerdings in so genannte Bonitätsgruppen eingeteilt. Die Übertragung bestimmter Konten an andere Institute heißt nichts anderes als „Trennung von unrentablen Kunden“, bestätigte ein Sprecher in München. Das (im Schreiben der Bank an Tierbach erwähnte) Portfolio an Risikokapital umfasst bei der HVB etliche Millionen Euro. Hintergrund der Aktion sei die Notwendigkeit, dass „Banken ihre Risiken über die Jahre reduzieren müssten“, um ihre Bilanzen zu verbessern, sagte der Hypo-Sprecher.

Uber das Risiko für die Darlehensnehmer spricht er freilich nicht. Einer Mitteilung der Anwaltskanzlei Hänssler & Häcker-Hollmann zufolge ist „Goldmann Sachs marktführend beim Ankauf von Kreditverträgen deutscher Banken. Darlehensnehmer, deren Kredit an ausländische Investoren verkauft wurde, können deutlichen Risiken ausgesetzt sein.“ Es sei zu befürchten, dass Goldmann Sachs bei der Verwertung der Kredite „nach deutschen Maßstäben ungewöhnlich hart und sehr erfolgsorientiert“ verfahre, heißt es im eigens errichteten Internetportal, wo unter www.verkaufte-kredite.de Informationen zur aktuellen Rechtslage stehen.

Eine Stellungnahme der Archon-Juristin zum konkreten Sachverhalt war ebenfalls zugesichert, ist bislang aber nicht erfolgt.

 

 
 

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