Freies Wort

Kontakt Impressum als Startseite Sitemap
Suche

 
 
Thüringen
 
Leserreisen 2010 fw_leserreisen_2010.jpg
 
Thüringen
 
Leute



Sie befinden sich hier: Home
Erschienen am 23.08.2008 00:00
Gesellschaft
Statt Nachtruhe Halli Galli bis 3 Uhr früh
Im Wolkenrasen geraten Anwohner und Jugendliche schwer aneinander / Stadt erwägt Alkoholverbot in Grünanlagen
Von Redaktionsmitglied Ully Günther
nic_wora_230808 Bild vergrößern
Das Trinken im öffentlichen Raum führt wie hier im Wolkenrasen zu Problemen Fotos: camera900.de
Bild:  

Sonneberg - 10.30 Uhr im Wolkenrasen. Milder Morgen eines ganz normalen Wochentags, an dem Sonnebergs Kampftrinkergilde schon früh zu gehobener Form aufläuft. Zehn Mann – Junge, Alte, Mittlere – haben sich bereits versammelt hinter der berüchtigten Sandsteinmauer an der Kreuzung Bert-Brecht-Straße. „Klagemauer“ wird das gute Stück im Fachjargon genannt. Alle lümmeln hinterm Mauerrechteck, das nicht nur die Bierkästen so angenehm vor unerwünschten Blicken zu schützen vermag, sondern auch die freundliche Höhe einer Freiluftbar besitzt: Immer in Griffweite lässt sich die Bierflasche so wunderbar platzieren.

10.30 Uhr also, ein milder Augustmorgen. Der tagaktive Teil der Gerstensaftfreunde hat seine Schicht begonnen. Zehn muntere Bierflaschen sind ent-stöpselt. Durch durstige Kehlen rinnt der Stoff aus dem die Träume sind. Und häufiger noch die Alpträume. Besonders jener Anwohner im Wolkenrasen, die nächtens gerne in ihren Betten liegen und schlafen würden.

Es gibt schwer Zoff gerade. Wenn die tagaktive Gerstensaftfraktion die Leber längst befriedet hat, startet nämlich der Einsatz nachtaktiven Volkes, die nächste Promille-Schicht gewissermaßen. Vor allem der jüngere Partyfreund versammelt sich derzeit gern am Birkenwäldchen hinter der Erich-Weinert-Straße. Schöne breite Stufen laden dort in lauen Sommernächten zum Verweilen. Das freundliche Buschwerk rundum wird von Pärchen gern genutzt, um nicht jugendfreie Tätigkeiten auszuüben. Auf dem Teerbelag vor den Stufen zersplittern darüberhinaus die Bierflaschen gar prächtig. Leider wird dieses hocherfreuliche Geräusch des öfteren übertönt von den Bässen eines mächtigen Subwoofers, dessen Beats so effektvoll von den Fassaden der Wohnblocks widerhallen, dass man meinen könnte, im Grand Canyon sei Megaparty.

Voriger Woche Dienstag also ging über solch nächtlichem Treiben ganz offenbar das Nervenkostüm eines 48-jährigen Anwohners in Fetzen. Der Polizeibericht sagt aus, der Mann habe gegen 22.45 Uhr zu einer – vorher selbstverständlich geleerten – Bierflasche gegriffen und diese von seiner Wohnung aus mit mächtigem Wurf einem 17-jährigen Birkenwäldchenbesucher ins Kreuz geschleudert. „Selbstjustiz“ nennt sich das.

——————

Stufe eins der
Eskalationsskala

——————

„Selbstjustiz“ ist verboten. Gegen den 48-Jährigen, der auf so vehemente Weise seine Nachtruhe verteidigte, ermittelt nun die Polizei wegen gefährlicher Körperverletzung. Im übrigen ist die Treffgenauigkeit des Mannes beeindruckend, wenn man einmal veranschlagt, dass sein Blutalkoholwert zum Tatzeitpunkt bei 1,5 Promille lag. Der Wurf war die erste Stufe auf der nach oben offenen Eskalationsskala. Stufe zwei folgte von Montag auf Dienstag dieser Woche. Mehrere Anwohner lieferten sich aus dem Schutz ihrer Wohnstätten heraus offenbar erbitterte Wortgefechte mit den versammelten Jugendlichen, woraufhin diese sich dermaßen getroffen gefühlt haben müssen, dass sie zu Flaschen oder Steinen griffen, welche sie Richtung Fassade und Balkon feuerten. Die Angelegenheit sei „eskaliert“, berichtet Juliane Beyrodt. Sie ist bei der Wohnungsbau GmbH für die Mieterbetreuung zuständig. Die Jugendlichen, sagt sie, hätten das Birkenwäldchen auserkoren, um mächtige Gelage zu feiern. Spätestens seit Dienstag gäbe es massive Beschwerden der Mieter. Die Wohnbau hat nun Anzeige wegen Sachbeschädigung gestellt.

Andreas Barnikol, Sonnebergs Polizeichef, berichtet, durchschnittlich ein- bis zwei Mal pro Woche müsste eine Streife ausrücken Richtung Birkenwäldchen. Am Dienstag hätten die Jugendlichen Anwohnern Schläge angedroht und Flaschen geworfen. Ihm lägen Anzeigen wegen Beleidigung und Sachbeschädigung vor.

„Zehn bis fünfzehn Mal in den letzten drei Monaten“, so oft habe er nicht geschlafen, erzählt vor Ort ein Anwohner. Manchmal sei über Tage nahezu Friedhofsruhe in der Erich-Weinert-Straße. „Dann wieder „fliegen die Flaschen. Da dröhnt ein Subwoofer. Da pfeift ein hochgezüchtetes Motorrad durch die Kante. Da ist Schreierei, die immer lauter wird. Manchmal gehen die Letzten um 3 Uhr früh und die Ersten kommen um 5 Uhr wieder.“

Der Mann wohnt geschätzte 60 oder 70 Meter vom unmittelbaren Ort des Geschehens und findet doch keine Nachtruhe. Viele wohnen viel näher an den Stufen vorm Birkenwäldchen. Er wüsste gern, sagt der Anwohner, wer die Bierflasche abgefeuert hat. Er würde dem Mann, „der ja leider auch betrunken war“, mal auf die Schulter klopfen. Wenigstens einer habe sich endlich getraut, was zu unternehmen.

Hinter solchen Sätzen kann man spüren, wie dünn das Nervenkostüm sein muss. Man ahnt: Es braucht nicht mehr viel, bis die Lage eskaliert. Es ist kein Spaß mehr, was dort am Birkenwäldchen passiert, und die Scherben, die überall ins Gras getreten sind, zeugen davon. Eigentlich sollten hier auch kleine Kinder spielen können.

ullySoyer_210808 Bild vergrößern
Peter Soyer
Bild:  
10.30 Uhr also im Wolkenrasen. Ein lauer Vormittag. Im Supermarkt gibt es Freiberger, Sachsengold, Saalfelder... Dutzende Biersorten sind aufgereiht. Für jeden Geschmack steht ein Tropfen bereit, und an der Kasse zahlt ein weißhaariger Herr. Der Rentner ist zu Scherzen aufgelegt. Fröhliche Äuglein strahlen aus einem rosigen, sehr frisch rasierten Gesicht. „Die Wischanlage muss aufgefüllt werden und ein bisschen Mundspray dazu“, spricht der Rentner, während er im Einkaufsbeutelchen den Goldbrand, den Bauernhaus-Korn, den Wermut verstaut, dreimal 0,7 Liter. Noch ein schmächtiger Doppel-Weizenkorn für unterwegs dazu, der dem Brusttäschchen seines Polo-Shirts sichtlich zu schaffen macht. Außerdem hat der fröhliche Herr die Bild der Frau erworben, vermutlich für die Gemahlin. Die Zeitschrift titelt diesmal mit Soja-Diät. Soja-Diät soll schlank machen. Soja-Diät und Sachsengold und Weizenkorn. So sehen sie aus, die Ingredienzen unserer Zivilisation an diesem lauen Augustmorgen im Wolkenrasen.

„Die öffentliche Trinkerei wird zum gesellschaftlichen Problem in ganz Deutschland“, urteilt Sonnebergs Ordnungsamtsleiter Gerd Wollheim. Deutschland säuft. Deutschland säuft zunehmend im Jugendalter. Deutschland säuft zunehmend exzessiv. Es gäbe immer mehr Grüppchen, die sich irgendwo träfen zum öffentlichen Gelage, sagt Wollheim. Und es kommt immer öfter zu dem Punkt, an dem die Lage eskaliert. Zum Beispiel in Ilmenau. Vor Wochenfrist warf dort ein 27-jähriges Pärchen einen gelben Sack auf die Straße, was ein 21-jähriger Anwohner zum Anlass nahm, mit einem Baseballschläger über die beiden herzufallen. „Der Täter und die Opfer waren betrunken“, meldete die Polizei.

Seit Jahren häufen sich in Ilmenau die Beschwerden von Bürgern über trinkende Jugendliche auf öffentlichen Plätzen. Nachdem ein generelles Alkoholverbot in der Öffentlichkeit nicht möglich ist in Deutschland, hat Ilmenau jetzt auf etlichen seiner Plätze den öffentlichen Alkoholkonsum untersagt. Ähnliches erwägt auch Sonneberg, nachdem nicht nur am Birkenwäldchen, sondern auch im Stadtpark immer wieder Saufgelage stattfänden, sagt Gerd Wollheim. In die Grünanlagensatzung der Stadt solle deshalb ein Alkoholverbot eingefügt werden.

ullywollheim_210808 Bild vergrößern
Gerd Wollheim
Bild:  
Ob es hilft, ist mehr als zweifelhaft. Im letzten Sommer ging das Ordnungsamt bereits mit einer Videoüberwachung aus Autos heraus und folgenden Ordnungsstrafen gegen die Partygänger vor. Das führte zur Ruhe an besonders exponierten Stellen, sorgte aber gleichzeitig dafür, dass sich die Orte des Geschehens verlagerten. Das Grundproblem, die öffentliche Trinkerei verbunden mit Ruhestörung, Verschmutzung, manchmal Randalen, blieb dennoch erhalten. „Wir haben es“, sagt Gerd Wollheim, „mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun.“ In Deutschland sind die Lebensumstände und Aussichten für viele so, dass das Land säuft, bedeutet das wohl übersetzt.

——————

Ein eingezäuntes
Land?

——————

Deutschland säuft gern in den Sommerferien, wenn keine Schule ist. Es säuft weitgehend unkontrolliert, denn weder die Ordnungsämter noch die Polizei sind mit hinreichend Personal ausgestattet, so dass flächendeckende Kontrollen möglich würden. Wenn auf Grund von Beschwerden der Anwohner eine Streife anrückt, spricht sie in der Regel Platzverweise aus. Die Jugendlichen kommen dann entweder später wieder oder suchen sich einen anderen Platz. Bliebe also, um die Umtriebe zumindest im Wolkenrasen zu verhindern, noch die Zwickauer Lösung. Wie dort, könne auch er als letzte Option die Wohnblocks samt Birkenwäldchen einzäunen lassen, spricht Peter Soyer, der Geschäftsführer der Wohnungsbau GmbH. Aber das will er auf keinen Fall. Was wäre das dann für ein Wohnumfeld? Was wäre das dann für ein Land?

 
 
 

Lesezeichen hinzufügen

Zurück Zurück Artikel drucken Drucken    Artikel speichern Speichern    Artikel versenden Versenden Nach ObenNach oben
 
 

Kommentare zum Artikel

Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

 
 


 
 
DIE KINDERZEITUNG
 
 
Thüringen
 
Umfrage-Ergebnis

Sollte die CD mit Daten von deutschen Steuersündern gekauft werden?

80,67% - ja, Steuersündern sollte kein Pardon gegeben werden
18,67% - nein, das ist rechtlich sehr fragwürdig
0,66% - weiß nicht

[ Grafik anzeigen ]

 
 
Feuilleton
pl_blende_091209
 


Kontakt Impressum Datenschutz rechtliche Hinweise Öff. Verfahrensverzeichnis