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Erschienen am 10.07.2009 00:00
Alltagsbetreuung
Glücksbringer auf vier Pfoten
Neuhäuser Angelika-Stift beschreitet neue Wege bei der Therapie von Demenzkranken
Von Raimund Sander
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Für Erna Porzel kann die Woche gar nicht schnell genug herumgehen, bis der Therapiehund wieder kommt. Fotos (3): camera900.de
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Neuhaus - Es ist jeweils ein besonderer Tag im Maternus Alten- und Pflegeheim "Angelika-Stift", wenn Engiena mit ihrem Frauchen Charlotte Bowitz zu Besuch kommt. Eigentlich ist der Begriff Besuch falsch, denn Jeany, wie die Alaskan Malamute-Hündin kurz genannt wird, "arbeitet" in der Einrichtung - sie ist ein ausgebildeter Therapiehund.

Geboren im Zwinger Common Voice of Nature, hat die heute siebenjährige Hündin Erfahrung in der Arbeit mit Senioren, Schwerstpflegebedürftigen und Rollstuhlfahrern sowie im Umgang mit demenziell erkrankten Bewohnern. Jeany wird sowohl in der Gruppe, im Bewohnerzimmer als auch bei Bettlägrigen zur Therapie eingesetzt.

Aus Rheinland-Pfalz stammend, versucht Charlotte Bowitz, in Thüringen eine neue Heimat zu finden. "Im Moment betreue ich ausschließlich Bewohner in Neuhaus, es gibt aber auch Angebote aus anderen Einrichtungen. Doch mehr als zwei Tage in der Woche möchte ich die Hündin nicht einsetzen. Für sie sind die rund drei Stunden echte Belastung", versichert die Therapeutin, die zur Zeit in Sonneberg eine Wohnung sucht.

Anfang Juni war Charlotte Bowitz mit ihrem Hund das erste Mal im Angelika-Stift. Anfängliche Skepsis und Vorsicht bei einigen Bewohnern waren rasch verpflogen. Jeany schaffte es innerhalb kürzester Zeit, viele Herzen im Sturm zu erobern. Jetzt kommt das "Kraftpaket" jede Woche in die Einrichtung. Viele Bewohner warten schon mit Ungeduld, so Erich Haucke, der früher selbst einen Hund hatte. Jeany hat das sofort gemerkt und ihr erster Weg ist stets das Zimmer des gebürtigen Meuselbachers.

"Nicht jeder Hund eignet sich für diese Tätigkeit", stellt Charlotte Bowitz klar, "das Tier muss sich sowohl auf den zu Betreuenden einstellen können, sich anpassen, ihn aber auch herausfordern." Die Therapeutin nennt ein Beispiel: "Ein Bewohner behauptet, er könne heute nicht laufen. Bekommt er jedoch die Leine in die Hand und merkt, der Hund möchte spazieren gehen, gibt er die innere Blockade auf und folgt dem Therapiehund. Und genau das ist es, was wir erreichen wollen", erläutert Bowitz.

"Was Jeany in den vier Wochen bereits erreicht hat, kann sich durchaus sehen lassen", berichtet Raphaela Michel, die Leiterin der Einrichtung. Rollstuhlfahrer lassen sich vom Hund ziehen, Koma-Patienten entkrampfen und können viel besser betreut werden, ein blinder Bewohner streckt sofort die Hand zum Streicheln aus, wenn er die Hündin bemerkt. Bei vielen Bewohnern werden Erinnerungen wach und sie beginnen ausschweifend zu erzählen. Plötzlich beginnen eher zurückhaltende Bewohner Jeany mit "Leckerli" zu belohnen. "Man kann ruhigen Gewissens behaupten, dass die Lebensfreude des Tieres ohne Zweifel ansteckend ist und die Seelen der Menschen öffnet", freut sich Michel über den Therapieerfolg.

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Marion Greiner (2.v.r.), eine der drei Alltagsbetreuer, trainiert mit den Heimbewohnern Fingerfertigkeit.
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Für die Pflege von Bewohnern mit erhöhtem Betreuungsbedarf, wie zum Beispiel Menschen mit Demenz, hat das Alten- und Pflegeheim "Angelika Stift" im März drei neue Mitarbeiter eingestellt. Damit hat die Einrichtung auf das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz reagiert: Nach Paragraf 87b im Sozialgesetzbuch XI finanziert die Pflegekasse zusätzliche Arbeitskräfte, die für die Betreuung der Bewohner eingestellt werden. Für das Extra an Betreuung muss keinerlei Eigenanteil von Seiten des Bewohners geleistet werden.

Neben dem Vierbeiner auch drei neue Zweibeiner

"Ich liebe es mit Menschen zu arbeiten, deshalb habe ich mich für diese Arbeit entschieden", sagt Margit Wagner, eine der Alltagsbetreuerinnen. Die ausgebildete Erzieherin lernte das "Angelika Stift" durch die Pflegebedürftigkeit ihrer Mutter kennen und fing im April 2008 als Pflegeassistentin an.

"Ich begleite die Bewohner entweder einzeln oder in Gruppen, und man spürt, dass ihnen die zusätzliche Zuwendung und Betreuung gut tut. Auch die Angehörigen sind begeistert, dass ihre Lieben noch mehr sozialen Kontakt erfahren."

Als Alltagsbetreuerin ist eine pflegerische Ausbildung zwar sinnvoll, aber nicht zwingend erforderlich - eine Schulung bereitet auf die Aufgaben vor und befähigt die Teilnehmer, mit Demenzerkrankten einfühlsam zu kommunizieren sowie auch in Krisensituationen und Notfällen souverän zu reagieren.

"Es freut mich, dass wir unsere Bewohner mit den drei neuen Mitarbeitern jetzt noch intensiver betreuen können", sagt Raphaela Michel. "Das Pflegeteam bemüht sich mit noch mehr Dynamik, den demenzerkrankten Bewohner und deren Angehörige auf diesem schweren Weg zu begleiten und eine gewisse Sicherheit zu vermitteln."

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Ein Herz und eine Seele: Erich Haucke und Jeany.
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Tagesstrukturierende Maßnahmen sind wichtig, um Bewohnern mit Demenz Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Gerade die alltäglichen Tätigkeiten führen zu diesem Ziel: Gemeinsam mit den Alltagsbetreuern wird zum Beispiel gekocht oder im Garten gewerkelt, aber auch aktivierende Angebote wie Gedächtnis- oder Sinnestraining stehen auf dem Programm.

"Da einer der Alltagsbetreuer im Kirchenchor singt, ein weiterer Mitarbeiter das Gitarrenspiel beherrscht und viele Bewohner noch textsicher und stimmgewaltig sind, möchte das Angelika Stift demnächst einen Heimchor unter dessen Leitung ins Leben rufen", so Raphaela Michel abschließend.

 
 
 

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