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Suhl - Auch wenn die Erinnerungen an die ersten freien Wahlen 1990 in der DDR unterschiedlich sind, der Wert der errungenen Demokratie steht heute außer Frage. Wie damit umzugehen ist, wo die Gefahren liegen und wo Gestaltungspotential zu finden ist - darüber diskutierten gestern Abend Friedrich Schorlemmer, Vertreter der Fraktionen des Suhler Stadtrates und knapp 200 Zuhörer im Saal "Kaluga" des CCS, der angesichts des unerwartet großen Andrangs aus allen Nähten platzte. Basierend auf einem Beschluss des Stadtrates hatte die Stadt zu der Festveranstaltung eingeladen, um damit die Reihe von Veranstaltungen zu den Wendeereignissen fortzusetzen.
Dass diese keineswegs vergessen sind, bewies die große Resonanz. Diese ist in erster Linie auf Friedrich Schorlemmer zurückzuführen. Der frühere Wittenberger Pfarrer und Bürgerrechtler war bereits zweimal in Suhl und hielt auch diesmal mit seinen kritischen Betrachtungen zur Gesellschaft nicht hinterm Berg.
Enttäuschung und Mut
In seinem Festvortrag nach musikalischer Eröffnung durch das Saxophonquartett der Big-Band der Musikschule würdigte Schorlemmer die friedliche Revolution und die ersten freien Volkskammerwahlen am 18. März 1990 als Übergang von der Ein-Parteien-Diktatur zur pluralistischen Demokratie. Gleichwohl sei diese Wahl so frei gar nicht gewesen, hätten viele damals doch keine Partei, sondern den schnellen Anschluss an die Bundesrepublik und die D-Mark gewählt.
Das "Training des aufrechten Gangs in der Diktatur und in der Demokratie", so hatte Schorlemmer seinen Vortrag überschrieben, sei ein überaus schwieriges Unterfangen. "Wer daran gewöhnt war, nicht aufrecht zu gehen, für den war das sehr schmerzhaft", so Schorlemmer. "Sklave zu sein hat ja auch was für sich: Man muss keine Verantwortung übernehmen", sagte er und bezog auf das einleitende Zitat von OB Jens Triebel: "Zufriedene Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit."
Doch die mit der friedlichen Revolution errungene Demokratie ging für viele mit Enttäuschungen einher. "Weil man den Mut haben muss, mitzugestalten und sich in der Demokratie seines eigenen Verstandes zu bedienen", weiß Schorlemmer. Jeder Einzelne müsse wissen, dass es auf ihn ankomme, auch wenn der Weg zu Kompromissen ein recht mühsamer sei. Freilich habe auch die Demokratie ebenso wie die Diktatur so ihre Mechanismen, sogenannte Querulanten zu disziplinieren, weiß Schorlemmer aus eigener Erfahrung. Wirtschaftliche Abhängigkeiten seien dabei ein probates Mittel. "Aber wir haben es in der Hand zu verhindern, dass diejenigen mit der ökonomischen Macht nicht über die mit der politischen Macht siegen." Es sei allemal besser nicht als glücklicher Sklave, sondern als angestrengter freier Mensch zu leben, auch wenn die Gratwanderung zwischen dem eigenen, geradlinigen Weg und dem Einlassen auf den anderen oftmals eine schwierige sei. Er habe aber kein Verständnis für diejenigen, die aus Enttäuschung über die Demokratie nicht zur Wahl gingen. "Denen wünsche ich die DDR wieder an den Hals", ließ er fast wütend wissen.
Suhler Kommunalpolitiker von damals und heute kamen in einem anschließenden Podiumsgespräch zu Wort. Moderiert von Ulrike Griem von Deutschlandradio Kultur wurden in der Erinnerung an jene erste freie Wahl ganz eigene Sichtweisen deutlich. Das Geschenk der Demokratie, das man damals errungen habe, gelte es zu hegen und zu pflegen, waren sich alle Vertreter von Parteien und Vereinigungen im Podium einig. "Wir sollten bei Wahlen mehr nach den Menschen entscheiden und weniger nach dem Wahlmotto oder Versprechungen einer Partei", sagte Erhard Kretschmann (Freie Wähler). Für Holger Auerswald, Fraktionschef der Suhler Linken, ist es mit der Demokratie wie mit einem Flugzeugbausatz. "Man freut sich, denn es ist alles drin, aber es ist nicht fertig; man muss es erst noch zusammenbauen." Zwei Seiten der Medaille sieht Herbert König, der von Aktiv für Suhl ins Podium entsandt wurde: "Es ist gut, dass heute jeder alles sagen darf. Aber vieles wird dabei auch zu Geschwätz." Rüdiger Müller (SPD) bedauert, dass es in der Politik oft gar nicht um Kompromisse im Sinne der Bürger gehe, sondern oft nur um Selbstdarstellung und Werner Ulbrich (CDU) mahnte an, trotz aller Schwierigkeiten auch weiter aktiv mit der Demokratie umzugehen. Er finde an der Demokratie gut, "dass die Kinder in der Schule heute nicht mehr überlegen müssen, wenn sie erzählen, welche Uhr sie im Fernsehen gesehen haben", so Michael Spörer (FDP).
De aufrechte Gang von damals
Die Manipulation der Menschen über die Medien wurde in Meinungsäußerungen aus dem Publikum kritisiert. Sie würde sich heute oft bei vielen jenen aufrechten Gang wünschen, den sie zur Wendezeit praktiziert hätten, sagte Gitta Wurschi. Es sei schön aufrecht zu gehen, aber man müsse dabei auch Gehör finden, so eine andere Meinung. Das sei oft nicht der Fall, was frustriere und zum Rückzug veranlasse.
Es sei schon erstaunlich, wie viele Dinge unabgesprochen in allen Orten ähnlich verliefen, resümierte Schorlemmer am Ende der zweieinhalbstündigen Veranstaltung. Das mache ihm Hoffnung: "Denn wenn alle, die unzufrieden sind, ihre Unzufriedenheit auch produktiv machten, dann sähe unsere Demokratie anders aus."


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