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Ressort Suhl
Erschienen am 29.09.2008 00:00
Tag der offenen Tür
Erinnerung mit Gänsehaut
Thema „Jugendwerkhöfe“ in der Stasi-Unterlagen-Außenstelle Suhl
Von Georg Vater

SuhlMit der Auswahl des Themenschwerpunkts „Jugendwerkhöfe in der DDR“ hatte die Außenstelle Suhl der Stasi-

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Das Interesse an den Stasi-Akten ist ungebrochen. Zum ?Tag der offenen Tür? war auch Zeit für einen Erfahrungsaustausch.
Bild:  
Unterlagenbehörde zu ihrem diesjährigen Tag der offenen Tür ins Schwarze getroffen. So kamen trotz des zu Ausflügen verlockenden Sonnenscheins rund 150 Interessenten in das Dienstgebäude auf dem Suhler Friedberg. „Damit sind wir sehr zufrieden. Das Engagement, mit dem unsere 47 Mitarbeiter den Tag vorbereitet haben, hat sich gelohnt“, resümierte die kommisarische Außenstellen-Leiterin Monika Aschenbach.

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Erschütterndes Beispiel Torgau

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Der Umgang mit schwer erziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR und das System der Jugendwerkhöfe ist eine Thematik, deren Aufarbeitung erst in den vergangenen Jahren begann. Umso interessierter zeigten sich die zum Teil sehr sachkundigen Besucher an den erschütternden Zeitdokumenten einer Ausstellung über den ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Betroffenheit machte sich breit, als Juliane Thieme, Projektleiterin der heute dort eingerichteten Erinnerungs- und Begegnungsstätte, über die einst herrschenden Zustände berichtete, Zitate von verzweifelten Insassen verlaß und deren Tagesablauf mit Schikanen und Erniedrigungen schilderte. „Da gab es keinerlei Privatsphäre. Selbst die Toilettengänge mussten auf fünf frei nebeneinander stehenden Toilettenbecken gemeinsam verrichtet werden.“

Viele Torgauer hätten damals geglaubt, dass es sich bei den Insassen des 1974 in einem ehemaligen Gefängnis eröffneten Werkhofes um Stratäter handelt. „Dem war aber nicht so, es waren allesamt Jugendliche, die aus offenen Werkhöfen überstellt wurden. Sie hörten einfach die falsche Musik oder waren Mitglied einer unangepassten Clique“, erklärte Thieme. Mit einer Schocktherapie sollten die jungen Leute auf Systemlinie gebracht werden. Bis zu 60 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren konnten in dem einzigen geschlossenen Werkhof der DDR aufgenommen werden.

Kathrin Begoin war eine von ihnen. Sie kann mittlerweile über diese Zeit reden, besuchte die Begegnungsstätte in Torgau vor zwei Jahren. „Vorher war ich dazu nicht bereit“, sagt sie. Seitdem arbeitet sie ihre Erinnerung in Zeitzeugengesprächen und in ihrer Musik auf. „Ich möchte, das die Leute verstehen, was damals abgegangen ist. Wenn ich sehe, mit welch verklärtem Blick manche die DDR betrachten, dann kriege ich so einen Hals“, begründet sie. Schockiert sei sie gewesen, als sie sah, das ein Teil des einstigen Werkhofes in Torgau zu Eigentumswohnungen umgebaut wurde. „Das ist makaber.“

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Nur wenige können reden

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Dabei sei Torgau nur ein Ausschnitt aus dem Umerziehungssystem der DDR, sagt Manfred May. Der Mitarbeiter der Beratungsinitiative Thüringen hat in aufwändiger Recherchearbeit fünf Einzelschicksale aus Thüringen zu dieser Thematik dokumentiert. „Es sind zufällige Treffer aus der Beratungstätigkeit, fünf Beispiele, die noch heute Gänsehaut erzeugen.“ Dies vor allem durch die erhaltenen authentischen Schriftstücke von Betroffenen jener Zeit, wie auf Heftränder gekritzelte Liedtexte und Zitate, verzweifelte Botschaften an den Wänden der Arrestzellen oder Briefe an die Eltern.

Viele ehemalige Insassen von Jugendwerkhöfen hätten große Schwierigkeiten darüber zu reden. „Sie tragen Schuld und Schamgefühle mit sich herum, kommen deshalb – wenn überhaupt – erst sehr spät zur Beratung“, weiß May. Dass bislang lediglich zwei der von ihm aufgearbeiten fünf Fälle die sogenannte „Opferrente“ bekommen, macht den Betroffenen nicht gerade Mut.

Die Thematik wurde auch zur Podiumsdiskussion am Nachmittag intensiv diskutiert. Autorin Verena Zimmermann, die in ihrem Buch „Den neuen Menschen schaffen“ die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR dokumentiert, vermittelte in einem Vortrag ihre Erkenntnisse und Erfahrungen. Bei der Diskussion stellte sich heraus, dass es auch 19 Jahre nach der Wende noch viel Gesprächs- und Nachholebedarf bei der Betreuung Betroffener des Umerziehungssystems gibt.

Neben der Information zu diesem Themenschwerpunkt nutzten etliche Besucher die Gelegenheit, bei Führungen Einblicke in den mit 3800 laufenden Metern umfangreichen Kartei- und Archivbereich der Außenstelle zu erlangen. Auch einige Anträge auf Akteneinsicht wurden gestellt. Auf großes Interesse stieß die Beratung zur „Besonderen Zuwendung für Haftopfer“, der sogenannten „Opferrente“ durch Mitarbeiter der Außenstelle und der Beratungsinitiative Thüringen.

 
 

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