Suhl – Was für ein Abend! Ein Fernsehstar und ein Morgenstern kamen nach Suhl und legten eine Lesung hin, die Maßstäbe setzte.
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Die Melodien korrespondierten aufs Genaueste mit den vorgetragenen Kapiteln aus dem 1997 erschienenen Buch „Und immer sind die Weiber weg und andere Weisheiten“. Temperamentvoll und burschikos hauchte die Karusseit den amüsanten Anekdoten Heyms, der Jude war und erst nach seiner Flucht in die Tschechoslowakei 1933 seinen Geburtsnamen Helmut Flieg abgelegt hatte, Leben ein. Deren eigenwillige Diktion mit Anklängen an das Jiddische, was übrigens auch in einer Phantasie Morgensterns über einem jiddischen Stück aufgegriffen wurde, zeichnete sich durch eine hohe Redundanz aus. Der schnoddrig-empörte Vortragsstil der begnadeten Vorleserin trug dem in ausgezeichneter Weise Rechnung, so dass die Pointen einschlugen wie Raketen. Und die 220 Zuhörer hingen gebannt an ihren Lippen und lachten sich „meschugge“, wie Heym sich auszudrücken pflegte.
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Ja, ja – die Schwächen der Frau
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Vieles, das zur Sprache kam, war aus eigener Erfahrung bekannt, sei es das eigene, wartungspflichtige Ersatzteil-Lager aus „Hördings“, Gebiss, Brille und künstlichem Hüftgelenk oder der ewige Stress mit der Beaufsichtigung der Handtasche. Die Sorge um das weggestreunte Weib („und wir müssen stehen bleiben, wo sie verschwand“) beim Spaziergang, im Flughafen Duty-Free oder am Tag vor Weihnachten im KaDeWe kam in extrem humor- und liebevoller Verpackung zum Ausdruck – ebenso wie die allseits bekannten Probleme mit dem ordnungsgemäßen Parkieren des eigenen Vehikels. All das entbehrte nicht einer „heymlichen“ zeitkritischen Note, auch wenn sie diesmal sehr versteckt daher kam.
Die schwarzgewandete Schauspielerin mit rotem Pferdeschwanz verriet auch, wie es überhaupt zu der Anekdotensammlung gekommen ist. Heyms Anliegen, seiner Frau zum Geburtstag oder an Feiertagen ein adäquates Geschenk machen zu können („und Schokolade geht nicht wegen der Diät“), wurde von ihr mit dem Wunsch nach einer Geschichte beantwortet. Und so entstand die umfängliche Privatliteratur, die bei einem Verleger auf Interesse stieß. Das Pendant dazu, fünf Jahre später erschienen, heißt „Und immer sind die Männer schuld“.
Karusseit, seit 1969 mit dem Regisseur Benno Besson verheiratet und geschätzt aus Engagements unter anderem an der Volksbühne Berlin und dem Schauspiel Köln sowie aus zahlreichen DFF- und DEFA-Filmen, hat viel vor in diesem Jahr. Da ist zum einen die ebenso bekannte wie beliebte Krankenhaus-Serie „In aller Freundschaft“, in der sie seit längerem die Rolle der Haushälterin Charlotte Gauss spielt. Zum anderen steht sie im Brandenburger Theater am Rand – Zollbrücke im Oderbruch in „Siddharta“ (Hesse) und „Mitten in Amerika“ (Annie Proulx) zusammen mit Jens-Uwe Bogadtke – bekannt aus dem letzten Mimenspiel mit einer exzellenten gitarrengestützten Interpretation von Schuberts „Winterreise“ – und Tobias Morgenstern auf der Bühne. Dort hatte sie schon mal gelesen, und so ist die Idee mit dem gemeinsamen Heym-Projekt entstanden.
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Blumen, Beifall und Standing Ovations
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Auf die Heymschen Geschichten ist sie eher zufällig gestoßen. „Ich hab“ ihn mal begleitet, beim Wahlkampf, als er Alterspräsident werden sollte oder auch ’ne Weile war. Ansonsten bin ich gar nicht mit ihm in Beziehung gekommen“, sagte sie nach ihrem Auftritt. Ein expliziter Heym-Fan sei sie nicht. Vor langen Jahren ist sie schon einmal in Suhl aufgetreten, im Rahmen von „Jazz-Lyrik-Prosa“ mit dem Satire-Programm „Schlaf schneller Genosse“, und vielen in guter Erinnerung geblieben.
Am Ende des Abends, der einen der bedeutendsten oppositionellen Autoren der DDR von einer ganz anderen Seite näherbrachte, feierte das hingerissene Suhler Publikum die beiden Künstler mit Standing Ovations. Zahlreiche Fans umgarnten ihren Fernsehliebling nach der Premium-Lesung mit Blumen und Autogrammwünschen.


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