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Ressort Feuilleton
Erschienen am 25.01.2010 00:00
Karneval
Ujujujuju-Auauauauau!
Noch ist der Rosenmontag fern - die Jecken im Land jedoch sind nicht mehr zu halten. Beim "Herrlichen, närrischen Thüringen" läuteten sie am Wochenende die heiße Phase ein.
Von Bettina Keller
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Die Modern Style Dancers der Meininger Karnevalsgesellschaft mit ihrer verruchten "Showgirls"-Revue.
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Böse Zungen sprechen ja von Heiterkeit auf Knopfdruck: Reichlich Alkohol, Witze unter die Gürtellinie, Brüllen bis die Stimme versagt. Dazu ein Bühnenprogramm, wo sich reimt, was sich das ganze Jahr über nicht reimt. Wo dauerhaft gehüpft wird - warum, weiß keiner so recht. Die Rede ist vom Karneval. Von jener fünften Jahreszeit, die hierzulande allmählich zur Hochform aufläuft.

Doch böse Zungen sind am Samstagabend in Erfurt weit und breit nicht zu sehen. Die Aktive der Zunft und natürlich auch die Fans sitzen an den Tischen. Sie blicken zufrieden um sich in der Messehalle. Und in der Tat: Was sie sehen, kann sich sehen lassen: Zur MDR-Aufzeichnung "Herrliches, närrisches Thüringen", der 12. Festsitzung Thüringer Karnevalvereine, sind alle gekommen: Obelix und sein Hinkelstein, Schiller, Ötzi, Rumpelstilzchen, das Phantom der Oper, Harry Potter und die BSE-freie Kuh, die ihr Euter auf dem Kopf trägt. An der Garderobe wird das gesamte Ausmaß des Einfallsreichtums gewahr. Wer nicht verkleidet ist, schämt sich leise, aber profund. Schon donnert der dreifache Tusch, macht das Publikum Geräusche wie beim Biathlon-Zieleinlauf in Oberhof. Die Kapelle (das bewährte Orchester Andreas Lotz aus Suhl) schmettert los. Einer der vielen Einmärsche beginnt. Voran wieder "Hüpfer" Katharina Gögel aus Wasungen. Dahinter, die Knie hoch, den Blick geradeaus, festgepinntes Zahnpastalächeln, die Gemischten Garden, dann elf festliche Prinzenpaare und natürlich der Elferrat.

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Die "verrückten Kühe" des Männerballets vom KC Kloster Bad Salzungen.
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Der schaut nachher ein bisschen gockelhaft aus seiner Loge. Das liegt aber nicht am Gesichtsausdruck, sondern an der unglücklichen Höhe der Balustrade. Naja, und ein bisschen an den feschen Mützchen. Mittig, in Schwarz, Sitzungspräsident Daniel Ebert. Auch aus Suhl. Ein patenter Mann, der später, nach einer Geschlechtsumwandlung und um vierzig Jahre gealtert, zusammen mit Thomas Hertha eine köstliche Büttenrede hinlegt, die den Landtag ordentlich verschreckt. Der war ja zum großen Teil selbst da, und hat die Gedanken des Volkes sozusagen aus erster Hand entgegen genommen. Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht in einer Verkleidung à la Burgfräulein mit ausladendem schwarzen Hut outete sich als Walzerkönigin (Tanzpartner Ebert: "Falls es mit der Politik nichts mehr wird, Tanzshow im Fernsehen geht immer").

Schunkel-Stress und Polonaise

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Das Prinzenpaar aus Geisa - Prinz Heribert II. von der Grünen Au und Prinzessin Sophia III. vom Siebenborn.
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Das Publikum, um die 1500 waren gezählt, hatte es nicht leicht. Schleuderten die Konfetti-Kanonen ihre bunte Ladung in den Saal, war oberstes Gebot den Gerstensaft in den Gläsern vor ungebetenem Zuflug zu schützen. Dazu gab's noch den Schunkel-Stress. Und abgefordertes Singen: "Aber bitte mit Sahne". Aber bitte an der richtigen Stelle ("Pfundsweib" Helga Nicolai, AKC Erfurt, mit Anregungen zum Genießen). Eine Polonaise sieht jeder gerne, macht aber niemand gerne mit. Also schnell eine vertiefte Diskussion mit dem Sitznachbarn anzetteln. Wer mal musste - und das musste jeder früher oder später bei der dreieinhalbstündigen Veranstaltung - wurde von einer japanischen Geisha entweder aufgehalten oder mit schiebenden Bewegungen zügig aus dem Flur- und Kamerabereich gescheucht. An dieser Massenbewegung konnte man übrigens ablesen, ob der Bühnenakt gelungen war.

Liftboys und Showgirls

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Natürlich ließ es die Südthüringer Karnevalshochburg Wasungen in Erfurt ordentlich krachen - zum Beispiel mit einem Schautanz des Carneval Clubs.
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Gegen Ende, beim Zeus (Wieland Henze, Karnevalsgala Jena), saßen wieder alle. Der schleuderte wahrhaftige Lichtblitze und blickte auf das, was er auf der Erde angerichtet hatte. Mit seinen Überlegungen zur Waldorfschule, zum Arbeitsmarkt, zu Opel und Lothar Matthäus sahnte er die meisten Ujujujujujuju-Auauauauaus ab. Dazwischen und danach tummelte sich so einiges auf der Bühne, das die Luft zum Kochen brachte. Darunter eine eher traditionelle Tanzdarbietung des Festkomitees Erfurter Karneval, eingängige Melodien zum Mitgrölen der Liftboys (LNT Jena), die Modern Style Dancers (Meininger KG) mit ihrer verruchten Landesmeister-Revue "Showgirls". Marilyn Monroe lässt grüßen. Kleineren Längen in der Bütt halfen beim Verschnaufen.

Insgesamt ein Programm, das sich im deutschlandweiten Vergleich nicht verstecken muss. Im Gegenteil. Sogar Karnevalsmuffel finden in der tumulthaften Hochstimmung Rosinen. Übrigens - das Männerballett der verrückten Kühe (KC Kloster Bad Salzungen) brachte die Damen im Saal der Ohnmacht nahe. Warum, wird nicht verraten: Der Fernsehtermin ist für den 3. Februar angesetzt - 20.15 Uhr im MDR-Fernsehen.

 
 
 

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