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Ressort Feuilleton
Erschienen am 15.05.2010 00:00
Sinfoniekonzerte
Finale einer musikalischen Ära
Elisabeth Leonskaja spielte in Meiningen alle Beethoven-Klavierkonzerte
Von Alfred Erck

Als es vollbracht, der letzte Akkord verklungen war, die Solistin, der Dirigent und die Hofkapelle umjubelt wurden, da waren sich alle Beteiligten der Bedeutsamkeit des Augenblicks bewusst. Denn die Art und Weise, mit der die großartige Elisabeth Leonskaja, der feinsinnige GMD Hans Urbanek und die subtil wie selten agierende Kapelle an zwei Abenden sämtliche Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens präsentiert hatten, ist beeindruckend gewesen. Man wird sich an dieses Ereignis noch lange und gerne erinnern.

Beethovens Festlichkeit, nicht mozartsche Heiterkeit oder haydnscher Humor, obwalteten beim 1. Klavierkonzert im Orchester über dem behutsam einsetzenden Marsch-, dem liedhaften Gegenthema. Da gab der Komponist dem Klaviervirtuosen die Richtung vor. Nach den langen Tutti setzte die Solistin mit ihren Wiederholungen und technisch brillanten Figuren ein, lieferte eine Kadenz der besonderen Art. Einen jeden Ton hat sie ausgelotet, jedem Klang nachgelauscht, alle Nuancen ausgekostet. Die sinnliche Wärme der Leonskaja durchströmte sämtliche ihrer Konzerte. Erstaunlich langsam erschien das Largo - die ausführende durfte sich diesen Luxus leisten; denn edel wirkte ihr Spiel. Das Rondo kam ausgesprochen lebhaft. Ohne die Klarinette, mit der die Solistin zuvor wiederholt den Blickkontakt gesucht hatte, auch ohne Pauken und Trompeten, wirkte das 2. Klavierkonzert formal an Mozart angelehnt, unpathetisch. Man stellte die energische und die cantable Motivgruppe im Allegretto deutlich aus, schwelgte in der weichen Oboenweise, genoss die Lyrismen. Ausgesprochen keck ging die Solistin mit dem Rondo um.

Heftige Schläge

Natürlich markiert das C-Moll-Konzert eine musikgeschichtliche Zäsur. Die "dreisätzige Sinfonie mit einem konzertierenden Klavier" betrat die Konzertsäle. Doch weil man an diesem Abend in Meiningen schon mit den beiden vorausgegangenen Beethovenkonzerten aufgewartet hatte, wirkte der Übergang gemäßigter, auch verständlicher. Der große Anspruch des Orchesters an sich selbst ist mittels vorsichtiger Führung in den nicht allzu düster gehaltenen Eingangsteil, auch in keineswegs pathetischer Fortsetzung eingelöst worden. Gewiss, die Selbstbestimmtheit des Solisten-Individuums machte sich in heftigen Schlägen zunächst erst einmal gehörig Luft, um sich hernach zu schöner Zwiesprache mit dem Orchester bereit zu finden.

Der zweite Konzertabend lieferte dann den künstlerischen und auch den menschlichen Gipfel - und Schlusspunkt eines außerordentlichen Ereignisses. Man hat jene 14 Einleitungstakte zum G-Dur-Konzert als die schönsten bezeichnet, die Beethoven gelungen wären. In zart schwingender Innigkeit kam das Thema im Klavier, behutsam nahm es das Orchester auf. Die Solistin umwob die einprägsame Melodie. Umso harscher wirkte infolgedessen jener Umgang, den die Streicher mit ihrer punktierten Bogenführung der Klavierseele aufzwangen. Der blieben allein die Tränen der Hilflosigkeit. Desto beglückender waren Musiker wie Publikum, als in der gelockerten Atmosphäre des Rondos Solistin und Kapelle wieder einen freundlichen Dialog miteinander führten.

Der schon hier obwaltende sinfonische Geist prägte dann die Darstellung, die die Leonskaja und Urbanek mit seiner Kapelle vom Klavierkonzert aller Klavierkonzerte, jenem im stolzen Es-Dur stehenden gegeben haben. Es kam schon heroisch und auch ein bisschen pathetisch daher - aber Gott sei dank vor allem ganz menschlich. Das prägnante Haupt- wie das von den Hörnern vorsichtig intonierte marschartige Seitenthema wurden auf deren gewundenen Wegen zumeist sehr zurückhaltend durch ein musikalisches Netzwerk geführt, das seinesgleichen sucht. Anrührend war jenes bezaubernd zarte Pianissimo, das die Leonskaja dem Flügel entlockte. Noch zärtlicher ließ sie den feierlichen Frieden des Mittelsatzes aufziehen. Nach dem spannend gestalteten Übergang ins obligatorische Rondo-Finale gab man dem erregenden Festival der Rhythmen seinen freien Lauf. Feurig - aber nicht überschwänglich abgehoben - freudvoll - doch mit dem Wissen um die in wenigen Minuten bevorstehende Trennung von Orchester und Chef - wirkten das große Aufbegehren in den Tutti, der Dialog zwischen Klavier und Pauke, die Oktavsalven, der finale Triumph des Hauptthemas auch wie Klänge aus vergehenden Zeiten.

Frenetischer Dank

Natürlich gab es frenetische Dankesbekundungen seitens des beglückten Publikums. Der Intendant, der Orchestervorstand dankten dem scheidenden Hans Urbanek für jene Lebenszeit, die er Meiningen gewidmet hat. Den großen Worten folgten dann im Foyer die kleinen Begegnungen. Die Leonskaja, der Urbanek, die Orchestermusiker waren für jedermann ansprechbar - aber eben zum letzten Mal. Das alles passierte in einem 100jährigen Gebäude, in dem nun die Bauleute das Sagen haben werden.

 
 

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