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Ressort Feuilleton
Erschienen am 27.03.2008 00:00
Interview
„Ich bin kein Primetime-Matador“
Jürgen von der Lippe spricht über Sprachpuristen, witzige Wortschöpfungen und Glücksgefühle
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Jürgen von der Lippe flimmert im MDR mit „Frei von der Lippe“ über den Bildschirm.
Bild: ari
Jürgen von der Lippe, bekannt als Komiker, Showmaster, Sänger, ist seit diesem Jahr für den MDR in Sachen Sprachpflege unterwegs. „Frei von der Lippe“, heißt die Show, in der er auf den Spuren von Bastian Sicks „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ wandelt. Nebenbei beginnt gerade seine Tour zum 30-jährigen Bühnenjubiläum, die ihn am 14. Oktober nach Fulda führt. Wir haben uns mit ihm vorab unterhalten.

Herr von der Lippe, Sie haben jahrelang den Samstagabend im deutschen Fernsehen gerettet. Nun widmen sie sich der deutschen Sprache. Muss die deutsche Sprache vor dem Englischen gerettet werden?

Jürgen von der Lippe: Ich denke, dass es viele Missbildungen, aber auch sehr viele schöne Neubildungen gibt. Sprachpuristen, die für jedes aus dem Englischen eingeflossene Wort neue deutsche Begriffe suchen, verkennen ja, das Sprache immer im Fluss ist. Jede Sprache importiert. Man weiß, dass nach soundsoviel Generationen eine Sprache gar nicht mehr verstanden wird. So wie wir jetzt mittelhochdeutsche oder althochdeutsche Texte nicht mehr verstehen. Wenn aber dynamische Jungredakteure mit englischen Begriffen hantieren, die nur dazu dienen, jung und dynamisch zu erscheinen, setzt mein Amüsement über diese Personen ein.

Welche Medien fallen Ihnen da insbesondere ein?

Von der Lippe: Na, das ist unter Bankern nicht anders als in den Medien. Ich fahre viel Zug und kriege überlaute Telefonate von jungen, dynamischen Geschäftsleuten mit. Ein Menschenschlag, den man am häufigsten mitbekommt, auch in Hotelbars. Die sitzen da, meistens zu dritt, ein Leittier, der zwei Jüngeren die große weite Businesswelt erklärt.

Wie schlimm ist denn deren Denglisch für Sie?

Von der Lippe: Ich empfinde Denglisch als nicht schlimm. Für Komiker ist alles, was in die Sprache neu kommt, kreativ. Ob das die sogenannte Kanack-Sprach ist, die mittlerweile auch von Nicht-Türken gesprochen wird. Es ist eine Mode geworden, hat etwas Kreatives und Spielerisches und ist nichts, worüber man sich aufregen muss. So wie wir damals wie Heinrich Lübke gesprochen haben. Oder wie Maffay. Es ist eine nette Form des Sprachstils. Es gibt ein aktuelles Buch, das 15 verschiedene Sprachstile attestiert. Testosteron-Deutsch, Kulturbeutel-Deutsch, Betroffenheitsdeutsch und so weiter. Das ist für mich alles Material.

Welche witzigen Wörter haben Sie denn zuletzt dazugelernt?

Von der Lippe: Entdringlichen. Von einem Oberstaatsanwalt. Eine Sache, die erst eilig war und es dann nicht mehr sein soll, wird entdringlicht. Ich lerne bei der Bahn auch sehr viel. Zuletzt das Wort Anschlusskonflikt.

Es gibt ein Problem mit dem Anschlusszug?

Von der Lippe: Man könnte es auch halt Verspätung nennen. Aber wenn der Zug weg ist, gibt es ja dann wenigstens keinen Einstiegskonflikt.

Haben Sie ein Lieblingswort?

Von der Lippe: Es gibt Worte, in dem man sich verliebt. Zum Beispiel Unterbindungsgewahrsam. Also jede Form von originellen Euphemismen.

Euphemismen?

Von der Lippe: Ich halte von Euphemismen nur im ironischen Zusammenhang etwas. Wie zum Mohrenkopf, der nur ein Gebäck ist und keine Diskriminierung, zu sagen: Starkpigmentierten-Kuchen. Oder Zigeunerschnitzel: Soll man das jetzt Sinti-und-Roma-Schnitzel nennen? Oder so Begrüßungen durch Politiker in der Art der Grünen: Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Freundinnen und Freunde – meine Güte! Das kostet viel Zeit und ist ein plumpes Anbiederungsritual von Leuten, die nicht weniger Macho werden. Da gibt es ja den Witz: Zwei Feministinnen beim Frühstück. Sagt die eine: Kannst du mir mal die Salzstreuerin ’rüberreichen? Sagt die andere: Nein, ich habe gerade eine Muskelkatze.

Wollen wir mal über das Privatfernsehen sprechen?

Von der Lippe: Darüber ist doch alles gesagt.

Auch über das Aus Ihrer Show „Extreme Activity“?

Von der Lippe: Fragen Sie ProSieben. Die haben uns nach dem Absetzen auf den Anrufbeantworter gesprochen. Man habe eingesehen, dass der neue Sendeplatz ein Fehler war und suche nach einem neuen Sendeplatz. Später hieß es, dass die restlichen Sendungen im Sommerprogramm gesendet würden. Ich rede dem Sender nicht rein, aber die Art und Weise war sehr komisch. Da muss man doch nicht so einen Eiertanz aufführen. Zumal die Quote insgesamt bestimmt nicht unter dem Senderdurchschnitt lag. Die Sendung selbst war Spaß pur. Aber mein Herz hat nicht so daran gehangen wie jetzt bei der MDR-Show oder bei der Buch-Show. Das ist eine andere Hausnummer.

Damit zielen Sie nicht mehr auf großes Publikum, sondern auf eine Nische.

Von der Lippe: Das ist zwangsläufig, wenn man etwas Spezielles macht. Ich habe ja mein Publikum gehabt. Mit 60 bilde ich mir nicht ein, dass ich noch der Primetime-Matador wäre. Dem Gottschalk geht es gerade auch ans Leder. Es ist klar, dass man sich für die große populäre Unterhaltung als 60-Jähriger nicht mehr so interessieren kann. Die stellt eine Anforderung, die man nicht mehr erfüllt. Nämlich auch ein bisschen Sex-Symbol zu sein. Es müssen 30-Jährige ran, damit die Teenies schmachten können. Es ist eine normale Entwicklung, dass man Sachen macht, für die man jemand Älteren braucht, weil das Jüngere nicht können. Weil man etwas über Sprache oder Philosophie verstehen muss. Jemand, der ein Buchsendung macht, sollte das eine oder andere Buch gelesen haben.

Eine logische Entwicklung also?

Von der Lippe: Vollkommen. Genau, wie es mir Spaß macht, Hörbücher einzulesen. Und ich will einen Roman schreiben. Ich hab bis 2011 Projekte, dann will ich damit in die Puschen kommen, weil ich wissen will, ob ich das drauf hab.

Haben Sie davon schon eine Vorstellung?

Von der Lippe: Ja. Die werd’ ich Ihnen aber nicht sagen.

Soll es lustig werden oder eher tragisch?

Von der Lippe: Was Lustiges. Wenn man sich als Komiker seit über 30 Jahren einen Namen gemacht hat, denke ich, dass der Buchkäufer auch so etwas erwartet. Und vor allem glaube ich, dass ich das eher kann. Den Philip Roth würde mir keiner abnehmen. Zumindest nicht im Moment.

Sie feiern bald Ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum. Achten Sie jetzt mehr auf Ihre Gesundheit?

Von der Lippe: Das ist schon sehr lange wichtig. Ich muss meine Figur eingrenzen. Das möchte ich nicht über die Nahrungszufuhr. Und ich brauche für meinen Beruf, der mir ziemliche Konzentration abverlangt, und das jeden Tag, physische Fitness. Das ist ohne Sport nicht zu machen. Und Sport ist ein sehr solider Weg, um an Glücksgefühle zu kommen. fh

 
 

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