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Ressort Feuilleton
Erschienen am 21.11.2008 00:00
Ausstellung
Bilder ohne Probeschuss
Axel Zwingenberger hat aus nächtlichen Dampflok-Porträts Kunst gemacht
Von Peter Lauterbach

MeiningenDer Mann hat schlicht und einfach Dampfloks

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Axel Zwingenberger in der Meininger Galerie ?ada?. Der Boogie-Woogie-Pianist ist auch ein exzellenter Foto-Künstler.
Bild: ari
fotografiert. Nur nicht so, wie das die allermeisten Eisenbahn-Fans tun würden: An die Strecke stellen, warten bis der Zug kommt, draufhalten und ballern, bis der Film oder Chip voll ist. Wer so fotografiert, kommt mit seinen Bildern selten in eine Kunstausstellung. Auch nicht in einen großformatigen Farbbildband. Und noch viel weniger in die oberen Etagen des Bahn-Towers am Potsdamer Platz. Axel Zwingenberger, international gefragter Boogie-Woogie-Pianist, Eisenbahnfan und Hobbyfotograf, hat all das geschafft. Weil er Dampfloks nicht nur abgelichtet, sondern inszeniert hat. Bei Nacht. Mit Blitzlicht. Und im Thüringer Wald. Seine Bilder sind Kunstwerke geworden und deshalb aus Anlass des Jubiläums „150 Jahre Werrabahn“ zum ersten Mal in einer Galerie, der „ada“ in Meiningen, zu sehen.

Nacht für Nacht unterwegs

„Vom Zauber der Züge“ hat der Hamburger sein Projekt genannt, das er von 1991 bis 1998 mit unglaublichem Aufwand überall dort umsetzte, wo hierzulande die letzten Dampfloks im regulären Betrieb fuhren. Das war neben einigen Strecken um Hamburg, Dresden, Halle und Magdeburg vor allem in Südthüringen der Fall. Zwischen Arnstadt und Großbreitenbach schnaufte es, zwischen Plaue und Suhl, Saalfeld und Jena sowie Eisenach und Meiningen. Axel Zwingenberger war Nacht für Nacht unterwegs, um seine Fotos zu machen. Anfang der neunziger Jahre bildete die Reichsbahn noch Lokführer an der Dampflok aus und bespannte dafür Regelzüge. Diese Chance nutzte Zwingenberger. Man muss sich das einmal vorstellen: Da spricht einer mit dem Bahnpersonal Tage vorher seinen Plan genau ab, läuft spätabends oder frühmorgens im Stockdunkeln – und manchmal bei Schnee – durch Feld um Flur zu genau der Stelle, die er vorher für sein inszeniertes Foto ausgesucht hat, baut eine Großformatkamera samt einer aus bis zu 30 Einzelblitzen bestehenden Blitzanlage auf, wartet auf den Zug, löst aus – und hofft, dass genau dieses eine Bild geworden ist. Denn mehr als ein einziges Bild pro Nacht hat Axel Zwingenberger bei seiner Aufnahmetechnik nicht. Keinen Probeschuss, keinen zweiten Versuch. „Ich hatte immer Herzklopfen, als ich die Bilder vom Entwickeln abholte“, bekennt er. Trotzdem lag seine Trefferquote bei 90 Prozent.

Manchmal war der Aufwand aber noch höher. Etwa für ein Bild, dass er im April 1994 im Bahnhof Plaue machte und „How Long Blues“ nennt: Ein Personenzug mit einer 50er Dampflok auf dem Weg von Arnstadt nach Ilmenau. Zwingenberger baute 20 Blitze und seine Kamera auf, sorgte dafür, dass das Stellwerk von innen, der Wasserturm von außen und der Zug am Bahnübergang geblitzt werden würde. Vertraute die aufgebauten Sachen dem Fahrdienstleiter an und fuhr nach Arnstadt, um im Zug, bevor dieser losfuhr, noch Blitze mit Fernauslöser zu installieren. Auch das Innere der Waggons sollte sichtbar sein. Zurück nach Plaue, warten auf den Zug, Blitzen in einer ersten Belichtung des Bildes, danach noch eine Langzeitbelichtung, um das Bahnhofsareal sichtbar zu machen. Dann alles wieder einpacken, nach Ilmenau fahren und die Blitze wieder aus dem Zug holen.

Ein andermal kroch Axel Zwingenberger in das Innere einer Dampflok-Feuerbüchse, um den Lokführer beim Anzünden des Feuers zu fotografieren. Oder er ließ im Güterbahnhof Arnstadt zwei Züge parallel fahren, um ein Bild mit Bewegungsunschärfe zu machen. „Das hängt heute in der Berliner DB-Zentrale“, sagt Zwingenberger nicht ohne Stolz. Vergessen sind all die Absprachen, die nötig waren, um den Güterbahnhof frei zu bekommen. Allerdings sagt der Künstler auch, dass er diese Fotos heute nicht mehr machen könnte. Nicht nur die nächtlichen Dampfzüge fehlten ihm dafür, sondern auch die Mithilfe der Eisenbahner vor Ort, die es heute nicht mehr gibt.

Fan der analogen Fotografie

Die Meininger Ausstellung bemüht sich, die Fotos unter einem ästhetischem Blickwinkel zu zeigen. Sie versucht zu erklären, auf welche Weise diese spezielle Art der Fotografie ganz unverwechselbare Kunstwerke zeitigte. Zwingenberger hat für die Fotos Dia-Planfilm benutzt. Alles, was zu sehen ist, ist handwerkliches Geschick und ästhetisches Empfinden bei der Bildkomposition. Nichts wurde nachbearbeitet. Auch im Digitalzeitalter gibt sich der Pianist als Fan der analogen Fotografie. „Wenn ich so einen Aufwand treibe, dann möchte ich hinterher auch ein Ergebnis, ein Stück Film, in den Händen halten“, sagt er. Und so zeigen Zwingenbergers Fotos sehr schön, dass es nicht auf die tollste Digitalkamera ankommt, sondern ganz einfach darauf, ob es jemand drauf hat oder nicht.

Ausstellung bis 28. Februar in der Meininger Galerie „ada“

 
 

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