Er kommt aus Suhl, hat in Berlin Physik studiert und später
Herr Sennewald, Sie haben Ihrer Heimatstadt Suhl eigentlich längst den Rücken gekehrt. Nun veröffentlichen Sie einen Roman, dem Suhl als deutliches Vorbild für den fiktiven Schauplatz Lauterberg dient.
Immo Sennewald: Das hat damit zu tun, dass man Wurzeln hat, die man lebenslang nicht verleugnet. Das sind Elternhaus, Kindheit, Schule. Und eine Landschaft, in die man hineingeboren wird. Wenn man Glück hat, spricht sie zu einem. So war es bei mir. Ich bin ein Kind des Thüringer Waldes, und es ist kein Zufall, dass ich jetzt im Schwarzwald wohne.
Heimatgefühle sind also noch in Ihnen lebendig.
Sennewald: Die Familiengeschichte ist ja da. Auch wenn sie aus dem Stadtbild getilgt und der Turm nur als Ruine erhalten ist. Da sind wir als Kinder rauf- und runtergeklettert. In diesen frühen Jahren gestalten sich Menschen und Persönlichkeiten. Da machen Sie Erfahrungen, die für Ihr weiteres Leben eine wichtige Rolle spielen.
Sie haben sich in Ihrer Jugend für Physik begeistert, dann journalistisch und als Kommunikationsberater gearbeitet. Wie kam es zum Ausflug ins Erzähl-Fach?
Sennewald: Es hängt wohl damit zusammen, dass ich neugierig bin und mich nicht gern damit zufrieden gebe, im flachen Wasser zu schwimmen. So wie Bergsteiger unbedingt auf die 8000er rauf wollen, so will ein Autor neben den Fernsehfilmen und Hörfunk-Sachen auch einmal prüfen, ob seine Erfahrung taugt, etwas mit mehr Atem in die Welt zu setzen. Irgendwann war die Zeit reif. Ich konnte beim Fernsehen viele schöne Sachen machen und bin sehr froh darüber. Aber es gab eben noch ein paar 8000er.
Kann man mit fiktiven Geschichten der Wahrheit manchmal näher kommen als mit faktenorientiertem Journalismus?
Sennewald: Auch das. Sehen Sie, ich war immer ein Bücherwurm. Für mich waren Autoren so etwas wie Leuchttürme. Literatur hat mir persönlich geholfen. Irgendwann sagt man sich, okay, du hast diese wunderbare Literatur für dich gehabt. Jetzt erzähl doch mal deine Geschichte.
Wie viel von Ihnen haben Sie in Ihre Hauptfigur Gustav gepackt?
Sennewald: Wenn man einen Charakterzug nennen kann, dann wohl seine Neugier. Und er ist im gleichen Maße unbesonnen. Das sagt ja auch seine „Wasser-Fee“ zu ihm: Er springt in jeden Teich, und zwar am liebsten kopfüber.
Warum haben Sie Ihre Heimatstadt Suhl im Roman anonymisiert?
Sennewald: Es geht darum, eine Distanz zu markieren. Es gibt ja kein reales Suhl. Suhl ist immer ein erzähltes Suhl. So wie ich es erzähle oder andere, wie es Geschichtsschreiber mit Hilfe von Konstrukten auf Papier erzeugen. Es gibt viele Suhls, wenn Sie so wollen. Das ist ein Multi-Kosmos. Es sollte aber keine Verwechslung mit einer journalistischen oder dokumentarischen Arbeit aufkommen.
Die realen Vorbilder einiger Ihrer Nebenfiguren sind aber deutlich erkennbar.
Sennewald: Es gibt tatsächliche Begebenheiten und Verhaltensweisen, aber die sind natürlich überhöht.
Stichwort ähnliche Verhaltensweisen: Ihr Buch spielt 1968. Damals suchten Jugendliche in Westdeutschland die Abgrenzung von der so genannten Tätergeneration. Auch Gustav treibt seine Familiengeschichte um. Haben die Jugendlichen in Suhl damals so intensiv die Nazi-Mittäterschaft ihrer Väter thematisiert wie die Jugendlichen in Westdeutschland?
Sennewald: Das war sicher hüben wie drüben in den Familien sehr unterschiedlich. Ähnlich war wahrscheinlich, dass viele Sachen verschwiegen wurden. Die Kriege und besonders der letzte haben eben die Vätergeneration auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gezeichnet.
Die Hauptfigur Gustav wird gezeichnet vom totalen Anspruch der DDR auf das Leben. Und doch schafft sich der Abiturient Freiräume. Wird er an der DDR zerbrechen, sich einfügen oder ihr den Rücken zukehren wie Sie einst selbst?
Sennewald: Sie sprechen etwas an, ich kann es Ihnen ja gern sagen: Ich habe die Geschichte angefangen vor acht Jahren mit einem Entwurf, der 1969 in Berlin spielt, als Gustav sein Physik-Studium beginnt. Irgendwann merkte ich, dass ich die Geschichte des Gustav in Berlin nicht erzählen kann, ohne die Geschichte des Gustav in Suhl erzählt zu haben. Dann haben die Figuren ein Eigenleben bekommen. Ich hoffe, wenn das Buch Erfolg hat, dass dann der zweite Teil auch noch gedruckt wird.
Das ist keine allzu große Überraschung. Im „Blick vom Turm“ bleiben einige Fragen offen, zum Beispiel, wer sich hinter dem Stasi-Decknamen „Elsa Gruber“ verbirgt.
Sennewald: Wenn Sie ein Buch auf die Leser loslassen, dann möchten Sie, dass die Leser selbst mit ihrer Fantasie ins Spiel kommen. Und wenn Sie Stasi-Akten lesen – selbst wenn Sie die Klarnamen erhalten – wissen Sie ja nicht immer, wer das war. Das waren Figuren, die Sie kaum wahrgenommen haben, die in ihrer Umgebung irgendwo rumgegeistert sind. Ich kenne meine Akten und wusste auch nicht immer, wer diese umfangreichen Berichte schrieb. Dieser Sache haftet etwas Gespenstisches an. Das sind Gespenster, die wir aus der Welt nicht herauskriegen. Die sind ja immer noch da.
Interview: Frank Hommel
Die Premiere des Romans „Blick vom Turm“ des 1950 in Suhl geborenen Journalisten Immo Sennewald heute Abend im Buchhaus Suhl beginnt um 19.30 Uhr. Das Buch ist im Salier-Verlag Leipzig erschienen und kostet 22,90 Euro.


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