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Für hier oben sind die Höhepunkte des 19. Tanz- und Folkfestes angekündigt, das über 1245 Künstler aus 40 Ländern anlockt, wobei sich die Veranstalter trotz alljährlich 400 bis 500 Künstlerbewerbungen nichts diktieren lassen. Nur etwa zehn Prozent derer haben eine Chance, müssen doch gezielt die Genres des Festivals bedient werden: Magisches Instrument, Tanz des Jahres und Länderschwerpunkt. Letzteren stellten diesmal die Russen und versprachen nicht zu viel. "Nu pogodi" steht über der Bühne Burgterrasse, wo "Pakava it" den Auftakt geben und wie Hase und Wolf die Beine der Fans zum Tribbeln bringen. Bisweilen fünf Bläser in Bühnenfront, pusten sie dem Publikum die Beine bis in Kniehöhe weg, schmettern ihre Akkorde weit flippiger durch die Nacht als manche Brassband und bescheren wahre Tanzanfälle.
Sich selbst als "Straßenmusiker Moskaus" bezeichnend, ziehen sie sich gegenseitig Töne aus Posaunen, Trompete, Saxophon oder Tuba. Und Anna Schlenskaja, die mit blanken Händen über die Trommeln wirbelt, hat den Bast längst ab. "Ivan, Ivan, Ivanowitsch" wird der Gitarrist der Gruppe unter dem Johlen der Massen liebevoll ausgerufen. Während bei diesem Rhythmus die Folkie-Füße des Fürsten Rasen kitzeln und sich gegenseitig überholen, testen andere treppauf, treppab auf der Parkterrasse eine andere Besonderheit Russlands: Schaschlik. Die große Deutschlandpremiere allerdings gibt es kurz darauf direkt im Schlosshof. Das "Moscow Art Trio" legt gemeinsam mit den Thüringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt ein Konzert hin, das am Ende stehende Ovationen einbringen wird. Tragend, brav und ganz einem Sinfoniekonzert angemessen beginnen beide Gruppen, die nur einmal zusammenspielen werden. Doch bald schon wirkt Orchesterleiter Oliver Weber völlig konsterniert von Mikhail Alperins immer stärker werdendem Gemurmel am Piano, sich stimmlich längst selbst begleitend. Alperin wird zum Selbstläufer, Weber lässt schmunzelnd den Taktstock sinken, das Orchester verstummt, während der Pianist ein Solo wildester Art liefert. Sein leises Brummeln zu den angeschlagenen weißen und schwarzen Tasten wird Sprechgesang, seine Spielweise immer flotter, schließlich bleibt er nicht mehr sitzen, entlockt dem Flügel mit Händen und Füßen die dramatischsten Töne bis das Publikum jubelt. Wie ein elektrischer Kurzschluss flammt der Schlussakkord des Russen auf, um dann wieder dem Orchester die Hoheit zu überlassen. Zwischendurch ziehen die beiden Moskauer Künstler Akardy Shilkloper und Sergey Starostin die Blicke auf sich. Starostin beherrscht nicht nur die erwarteten russischen Tieftonlagen sondern auch das Doppelflötenspiel perfekt.
Wodka oder chorale Auftritte der Roten Armee gab es auf Rudolstadts Bühnen, wie einst zu DDR-Tanzfesten, trotz des östlichen Schwerpunkts nicht. Das musikalische Repertoire reichte dafür mit einem die Nächte verzaubernden aus St. Petersburg stammenden Straßentheater "Mr. Pejos Wandering Dolls" bis zur Beringstraße, bis an die Ostküste des weiten Landes, von wo die vor allem umjubelten Kinder eines Rentiervolks Sibiriens mit "Orjakan" (Kleines Rentier) prachtvolle Liedspiele mitgebracht hatten. Perfekt imitierte Laute der nördlichen Tierwelt ziehen mehrfach durch Rudolstadt, die Verbindung von Mensch und Natur darstellend - brummende Bären, hoch darüberkreisende Möwen oder Gänse. Dazu die kurzen Andeutungen des traditionellen Kehlkopfgesangs. Das 19. TFF stellte eine musikalische Tiefe auf seine über 20 Bühnen, wie sie das einstige Riesenzarenreich heute wieder verkörpern darf.
Russland dominierte das Festival in kurzweiliger Breite, doch im Schillerjahr vermochten die Rudolstädter - eben erst ihr Schillerhaus eröffnend - gar Klassik und Folk zu einen, stellten in ihrem Landestheater den Dichterfürsten mit gefeierten Vertonungen seiner Verse auf die Bühne. Während Samstag auf der Marktbühne "Pakava it" mit einem weiteren Auftritt den Versuch der Bühnenmoderatorin, jede Zugabe aus Zeitplangründen abzuwürgen, mit vereinter Blechblaskraft gekonnt abschmetterten, und damit nahezu ein Novum schafften, ziehen "Die Räuber", "An die Freude" und "Amalie" im Landestheater ein. Eine Veranstaltung, die - wie Programmdirektor Bernhard Hanneken vorab sagte - "abstürzen kann oder ganz grandios werden", weil nicht einmal geprobt. Das Konzept, Schiller einerseits wohlwollend, andererseits vom Sockel holend, wiederzubeleben, ging voll auf. Heike Preer-Helbig aus Leinefelde ist begeistert, "wie die Lebenshintergründe Schillers mit seinen Liebschaften in einzigartiger musikalischer Umrahmung aufgearbeitet wurden. Die Idee, einem Sympionarchen die Moderation zu übertragen, war grandios, die einzelnen Passagen sowieso!"
24000 Liter Bier flossen binnen drei Tagen durch die durstigen Besucherkehlen, "gerade so viel, dass sich unser Hauptsonsor freuen und eine völlig entspannende Atmosphäre entstehen konnte", wie TFF-Sprecher Wolfram Böhme hochzufrieden resümierte. Aufgrund neuerlichen Besucherrekords von 69600 plus 2500 vom Vorabend-Donnerstag mussten die Veranstalter im organisatorischen Bereich reagieren. War bei einem Teil der Rudolstädter (Ortsteil Cumbach) im Vorjahr bereits die Wasserversorgung zusammengebrochen, wenn die Folkies vereint unter die Duschen schritten, war diesmal vorsorglich eine zusätzliche Wasserleitung gelegt worden und das war gut so; schraubten doch nun 1000 Camper mehr, inzwischen also 9500 an den Hähnen. Längst ist das TFF auch zum Wirtschaftsfaktor geworden und erhält, nicht nur deswegen, weiterhin die Förderung des Landes, wie sich die Co-Chefin des TFF, Petra Rottschalk, freute. So sei das TFF vom Land untersucht worden und habe bei Erwirtschaftung der Eigenmittel und Impulse für die regionale Wirtschaft gepunktet, resümierte Rottschalk.
Erstmals wurde im Etat die 1,5 Millionen-Euro-Grenze überschritten (2001: 1,0 Mio.). 89,4 Prozent werden durch Eintritte, CD- oder T-Shirt-Verkäufe, Sponsoren abgedeckt, den Rest von knapp zehn Prozent schießen Thüringen und Stadt Rudolstadt je zur Hälfte zu. Dabei ist verblüffend, dass über das Jahr lediglich 1,5 Festangestellte das TFF vorbereiten. Am Festivalwochenende selbst sorgen 2000 Helfer für reibungslosen Ablauf in der Stadt, die dann das Dreifache ihrer Einwohner empfängt. Durch Bühnenaufbauten, Ton- und Lichttechnik, Versorgungsangebote und Tourismus betragen die Effekte für die regionale Wirtschaft mehrere Millionen Euro Umsatz, schätzte Rottschalk ein. In der Tat müssen die Festivalbesucher nicht gerade darben, wenn sie drei Tage zwischen Heidecksburg und Heinepark campieren. Längst haben heimische Gastronomen Marktlücken früherer Jahre ausgebügelt und bieten bereits ab 8 Uhr Frühstück. Allein am Markt finden sich auf 100 Schritt zehn Stände mit kulinarischen Schnellangeboten, die kaum mehr lange Warteschlangen aufkommen lassen.
272 Bühnen-Acts binnen 72 Stunden ließen das befragte Publikum erneut zu Superlativen der Einschätzung greifen: "Einmalig", "Grandios", "Fesselnd" lauten die Bewertungen, wobei die tolle Organisation und das Einbeziehen der ganzen Stadt besonders gelobt werden. 70 Liter Flüssigseife, 5000 Rollen Toilettenpapier, 169 Stände mit 61 Imbissanbietern, 80 Getränkezapfer tanzen da fast aus der Rolle des musikalischen Programms. So verschmerzten die Folkies ganz locker den Ausfall der Gruppe "Leningrad", die für den Heinepark geplant war, sich aber im Dezember auflöste. Um so größeres Interesse fand Samstagnacht Südstaaten-Country-Legende Lucinda Williams auf der Heidecksburg, jene Songwriterin, die schon mit Bob Dylan gemeinsam Musikgeschichte schrieb.
2010 erwartet die Fangemeinde die Trompete als Magisches Instrument und der Stepptanz als Tanz des Jahres. Der Länderschwerpunkt wird vom 31. EBU Contemporary Folk Musik Festival dominiert, das sich dem dann 20. TFF anschließt. Rudolstadts Bürgermeister Jörg Reichl hat Sonntag schonmal angekündigt, dass die Stadt am TFF festhalten werde. "Eine Frage danach erlaubt sich gar nicht", sagte er angesichts des Erfolgs. Thomas Klämt














