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Ressort Thüringen
Erschienen am 12.03.2008 00:00
Flüchtlingspolitik
Dialog im Asylantenheim
Mit zweifelhaften Methoden für eine bessere Integration
Von RedaktionsmitgliedMatthias Thüsing
KatzhütteJörg Fischer spricht vom „Dialog“. Er spricht von „Angeboten“, die das Landratsamt den Flüchtlingen in der
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Mohammed Sbaih (links) ist der Sprecher der Flüchtlinge in Katzhütte: „Wir leben hier isoliert“.
Bild: ari
Gemeinschaftsunterkunft am Rande von Katzhütte machen möchte. Fischer ist nicht blind für die Probleme in der Einrichtung. Seit Ende Februar sind sie in die breite Öffentlichkeit gerückt. Unterstützt vom Flüchtlingshilfe-Netzwerk The Voice haben 20 von 88 Heimbewohner gegen die „miserablen Umstände der Unterbringung in Katzhütte“ öffentlich protestiert. Fischer stellt sich der Diskussion. Aber er bittet auch die Zuständigkeiten zu beachten. „Wir halten uns an die gesetzlichen Regelungen und wir wollen die Spielräume maximal nutzen“, verspricht er. Er hat einen klaren Blick für die Lage und Nöte der 88 Heimbewohner. Schließlich ist Fischer der zuständige Fachbereichsleiter für Jugend und Soziales im Saalfelder Landratsamt.

Doch Fischers Botschaft kommt nicht an beim Großteil der etwa 30 Flüchtlinge in dem kleinen Versammlungssaal auf dem Heim-Gelände. Denn die Aktivisten von The Voice – einer Flüchtlings-Selbsthilfe-Organisation – übersetzen seine Angebote an die Menschen nicht. Mehrfach fallen sie ihm ins Wort, fordern stattdessen einen weiteren Flüchtling auf, von seinem Schicksal zu erzählen. Pressekonferenz nennt sich das seltsame Schauspiel. „Schließen sie dieses Heim, so wie andere Heime in Thüringen auf unseren öffentlichen Druck hin geschlossen wurden“, fordert Osarim, ein weiterer Voice-Aktivist: „Flüchtlinge sind die am meisten unterdrückten Menschen in Deutschland.“ Osarim spricht Englisch. Seine politischen Forderungen werden ins Deutsche übersetzt.

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Klagen über die Lebensbedingungen

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Vorne auf dem improvisierten Podium sitzt Mohammed Sbaih. Er ist Sprecher der Flüchtlinge in Katzhütte. Der 40-Jährige umreißt die Probleme der Heimbewohner. „Wir leben hier isoliert. Die Verkehrsanbindungen von und nach Katzhütte sind schlecht.“ Weil die Sozialhilfe nur in Lebensmittelgutscheinen ausbezahlt werde, könne er sich Zugtickets gar nicht leisten. Er spricht von Schimmel in den Unterkünften. Von mangelnden Möglichkeiten für die Kinder zum Spielen.

Manche Forderungen sind berechtigt, andere weist Peter Lahann, Pressesprecher im Landratsamt zurück. „Tatsächlich sorgt das Auftreten von Schimmel in einem der Bungalows seit längerer Zeit für Unmut“, gibt Peter Lahann zu. Trotz Umbauten sei es aufgrund unzureichender Belüftung immer wieder zu einer hohen Luftfeuchte gekommen, die das Auftreten von Schimmel begünstige. Der Vorwurf um die unzureichende finanzielle Unterstützung der Bewohner von Katzhütte weist er dagegen zurück. Flüchtlinge bekämen in der Regel monatlich rund 60 Euro Bargeld ausgezahlt, zusätzlich würden für rund 106 Euro Gutscheine ausgereicht.

Den Bewohnern selbst ist kein Vorwurf zu machen: In die schlecht gedämmten Unterkünften aus DDR-Zeiten würde kein Deutscher freiwillig einziehen. Schon gar nicht auf Dauer. Doch menschenunwürdig sind die Holzbauten auch nicht. Mehrfach haben Behörden die Einrichtung in den vergangenen Wochen auf Herz und Nieren prüfen lassen. Das Fazit: Nicht schön, aber Gesetzeslage!

Neben Mohammed Sbaih auf dem Podium durfte auch eine irakische Mutter berichten, sie lebe hier bereits seit fast sechs Jahren, lautet die von The Voice arrangierte Übersetzung aus dem Arabischen. „Warum?“, fragt die Frau. Vielleicht liegt es ja einfach nur am Dolmetscher. Denn die Behörden haben die Familie nicht vor fünf, sondern erst im Frühjahr vergangenen Jahres in Katzhütte eingewiesen.

Bewusste Strategie oder peinlicher Übersetzungsfehler ? Werden hier das Schicksal und die Anliegen von Flüchtlingen missbraucht für politische Forderungen nach einer anderen Flüchtlingspolitik ? Den Katzhütter Heimbewohnern hilft ein Streit um die große politische Linie nicht. Im Gegenteil: Geflohen vor Kriegswirren, Despoten oder Armut, vertrauen sie sich einem Netzwerk an, dass jedenfalls gestern in Katzhütte echtes Interesse am Einzelfall nicht hat. Nicht einmal die Angebote für einen Dialog werden in die Sprache der Heimbewohner übersetzt.

 
 

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Kommentare zum Artikel

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:05
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 1
    Die Angebote des Herrn Fischer auf die Forderungen der betroffenen Flüchtlinge im Katzhütter „Heim“ basieren auf der völlig notfreien Basis, dass das zuständige Amt des Landkreises Saalfeld/Rudolstadt unbedingt auf einer fortgesetzten Unterbringung im fraglichen Objekt festhalten will! Die nicht einmal in Abrede gestellten „Probleme ... seien zwar erkannt“ - lediglich die NOT-wendigen Konsequenzen sollen mit Verweis auf übergeordnet „geltendes Recht(?)“ möglichst vermieden werden!
    Die „Blindheit“ der Schreibtischtäter steht also nicht für die Erkenntnis bestehender („gesetzeslage“nkonformer?) Misstände, sondern vielmehr für eine bürokratische Mentalität, dass Schwarzschimmel in mangelhaft isolierten Feuchtbiotopen jahrelang zumutbar sein muss – zumindestens dann, wenn Menschsein nicht mit einer deutschen Aufenthaltserlaubnis verbunden ist!

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:06
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 2
    Die „Zuständigkeit“ des Herrn Fischer betrifft die Situation vor Ort ... und seine Einschätzung, dass die bestehenden „Probleme“ im baulichen Sinne sanierbar seien bezeugt eher eine maximal gewollte, gemeinschafliche Inkompetenz der handelnden Behörden in Bezug auf ihre Aufsichtspflichten für Gesundheit und Würde der ihnen anvertrauten Menschen als einen „klaren Blick für (deren) Lage und Nöte“! Welche „Spielräume“, sollen hier auf wessen Kosten maximal (ge)nutzt“ werden?
    Fischer ist „zuständig ... für Soziales und Jugend“ (und das sogar „schließlich“!)... und wenn er wirklich einen übersetzbaren „Dialog“ anbieten wollte – wo war dann sein Übersetzer ... und zwar nicht nur „ins Deutsche“ (wie von Ihnen vorgeschlagen!), sondern vor allem in alle Muttersprachen vor Ort?

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:09
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 3
    Das „Schauspiel“ inszeniert sich selbst und alle – wie auch immer berechtigten – Einwürfe werden nicht zuletzt als `Störung´ empfunden. Der Protagonist des VOICE Refugee Forums in Jena heisst Osaren Igbinoba, ist selbst ein Deutschland-erfahrener Flüchtling und verdient es in keinster Weise öffentlich mit nur falschem Vornamen tituliert zu werden, eben weil die von ihm formulierten Aussagen den beredten `Kern´ des Systems beim Namen nennen – und es nur Rechtens ist, wenn eine Initiative ihre ureigensten Forderungen für die (wie Sie – Sie aber leider ja nur nur zeitweise) anwesende Presse in die Amtssprache übersetzt!

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:09
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 4
    Der Umstand, dass sich asylsuchende Flüchtlinge im Fluchtland Ihrer Wahl über die erlebte Behandlung beschweren mag in manchen Kreisen als ein gern benutztes Argument für Mängel in der fremdländischen Dankbarkeitskultur herhalten – aber hier geht es um Zustände die Menschen in Deutschland mit der Begründung gesetzlicher Flüchtlingspolitik aufgenötigt werden, die mit der hierzulande möglichen Menschenwürde grund(und anderweitig ge-)setzlich nicht vereinbar sind.
    Da wird eine unsägliche Verbindung zwischen objektiven alters- und konstruktionsbedingte Mängeln in der Bausubstanz und deren konzeptionellen Raumaufteilung mit einer `verhaltensbedingten Teilschuld´ der Betroffenen selbst hergestellt, die (entfernt?) an den Minirock weiblicher Vergewaltigungsopfer erinnert ... und natürlich war das auch hier fragwürdige Motiv menschlich nie so gemein(t).

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:11
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 5
    Unter den weiterführenden Forderungen der Flüchtlinge zur Gewährleistung eines weitgehend selbstbestimmten Lebens unter Fluchtbedingungen werden vor allen anderen Dingen die Anerkennung von gesellschaftlich festgestellten finanziellen Armutsgrenzen menschlichen Lebens in Deutschland einschliesslich deren `bestrafender´ Einschränkung und der Verzicht auf ein (nicht katastrophenbedingtes!) Gutscheinsystem als `natürlich unbegründet´ zurückgewiesen.
    Mit einer historisch gleichmütigen (zynischen) Mentalität werden den Flüchtlingen in Deutschland Zustände aufgezwungen, denen sich „kein Deutscher freiwillig“ und „schon gar nicht auf Dauer“ unterwerfen würde als angebliche „Gesetzeslage“ serviert – auf Nachfrage gern auch mal mit scheinheilig `verantwortlicher´ Gutachtermine.

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:14
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 6
    Das bei dem vorliegend nachhaltigen Willen zum Unverständnis bestehender Misstände auf vielschichtigen Ebenen das grundsätzliche Vertrauen in den `korrekten´ deutschen Sprachverstand deutsch übersetzender Flüchtlinge besteht mag da nicht wirklich mehr wundern – 5 Jahre „hier“ in Deutschland mit (vorläufiger?) Endstation Katzhütte oder aber 5 Jahre Flüchtling in Katzhütte ... wer hat denn da jetzt wen und warum und wie missverstanden?!
    Natürlich geht es um Strategien ... und da es hier um Menschen-“Schicksal(e)“ geht stellt sich auch keine „peinliche“ Frage, ob ein Eintreten für die Belange in Deutschland gepeinigter Flüchtlinge und deren berechtigter „Anliegen“ auch nur im Entferntesten etwas mit deren „Missbrauch“ zu tun haben könnte.

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:17
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil7
    Gerade vor dem Hintergrund der lokal ach so `verständnisvollen´ Amtsträger, die ja `nur´ der Gewalt des `höheren´ Gesetzes Folge leisten können eben nur geänderte Rahmenbedingungen in der allgemeinen Flüchtlingspolitik Deutschlands das Handeln der `Gesetzeshüter´ konformativ beeinflussen!
    Entgegen der bei auftretenden Widerständen gerne immer wieder vorgehaltenen `Hiobshypothese´ flüchten Menschen eben nicht in die Arme von hier aktiven Menschenrechts“Netzwerk“en sondern konkret nach Deutschland – auch wenn sich letzteres nicht immer als `würdig´ erweist!
    Falls sich im Zuge der hier formulierten Forderungen die Notwendigkeit der Übersetzung wirklich alternativer Angebote seitens der Verwaltungsbehörden ergeben sollte, werden wir jederzeit zur Verfügung stehen ... aber niemand kann ein Netzwerk dazu zwingen systematische Durchhalteparolen zu übersetzen und den integerierten Hohn gleich noch mit!

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:19
    Antwort von VOICE-Mitglied Thomas Ndindah Teil 8
    Zur Objektivierung Ihrer und meiner Ausführungen möchte ich Sie gern auf meine Bildergalerie zur „Gemeinschaftunterkunft in Katzhütte einladen:http://en.sevenload.com/albums/8xQP8v6

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:23
    Reaktion von Bündnis 90/Die Grünen Thüringen - Teil 1
    Grüne fordern dezentrale Unterbringung von Flüchtlingen
    26.02.2008: Astrid Rothe-Beinlich unterstützt die Forderung nach Auflösung
    der Flüchtlingsunterkunft in Katzhütte

    Die Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft in Katzhütte
    haben schwere Vorwürfe bezüglich der dort herrschenden Zustände erhoben.
    Der Thüringer Flüchtlingsrat hat daraufhin die Schließung der
    Gemeinschaftsunterkunft gefordert. BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen
    schließen sich dieser Forderung mit Nachdruck an.

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:24
    Reaktion von Bündnis 90/Die Grünen Thüringen - Teil 2
    Dazu erklärt Astrid Rothe-Beinlich, Landessprecherin der Thüringer
    Bündnisgrünen und Mitglied im Flüchtlingsrat Thüringen e.V.:

    "Wir sind erschüttert über die erschreckenden und bedenklich stimmenden
    Zustände in der GU Katzhütte. Baracken mit Rissen, die die Wände
    durchziehen, Schimmel der meterhoch in den Wohnungen steht - diese
    Berichte lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Beschimpfungen und
    Bestrafungen seitens der Heimleiterin, Schikanen bei der Bereitstellung
    von Toilettenartikeln und warmem Wasser - diese Zustände halten wir für
    schier unerträglich!

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:24
    Reaktion von Bündnis 90/Die Grünen Thüringen - Teil 3
    Laut Artikel 1 GG ist die Würde des Menschen unantastbar. Sie zu achten
    und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Dass
    Menschen in der heutigen Zeit unter derart menschenunwürdigen Zuständen
    leben müssen, stellt unserer Landesregierung und den verantwortlichen
    Behörden ein Armutszeugnis aus. Dies muss umgehend ein Ende haben!"

    BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN fordern schon seit Jahren eine dezentrale
    Unterbringung von Flüchtlingen in Thüringen.

    "Die Flüchtlinge haben ganz unterschiedliche Gründe, die sie zur Flucht
    aus der Heimat zwingen. Oft spielen politische, religiöse Gründe oder die
    sexuellen Orientierung eine Rolle, mitunter auch Krieg, Armut,
    Unterdrückung oder Hunger. Diese Menschen haben es sich nicht leicht
    gemacht, niemand verlässt gerne seine Heimat. Mit der Flucht wird die
    Hoffnung auf ein Leben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit verbunden,
    ein Leben, in dem auch die Kinder eine Perspektive auf Bildung und
    menschenwürdiges Leben haben.

  • von hailetomassi am 15.03.2008 03:26
    Reaktion von Bündnis 90/Die Grünen Thüringen - Teil 4
    Diese Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben kann nur mit einer
    dezentralen Unterbringung in eigenen Wohnung oder in kleineren Gruppen
    erfüllt werden, in der die Flüchtlinge ihr Leben selbst bestimmen können.
    Dies fördert auch eine bessere Einbindung in unsere Gesellschaft. Wir
    fordern deshalb das zuständige Landratsamt auf, den von den BewohnerInnen
    erhobenen Vorwürfen nachzugehen und eine sofortige Schließung der GU
    Katzhütte zu veranlassen!", fordert Astrid Rothe-Beinlich abschließend.

    Stefanie Dolling
    Referentin Landesvorstand
    BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Thüringen
    Lutherstraße 5 - 99084 Erfurt
    Tel.: 0361-5765037
    Fax: 0361-5765035
    Email: stefanie.dolling(at)gruene-thueringen.de

 

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