Viele Schüler, so jüngste Untersuchungen, haben ein verklärtes Bild der DDR. Die
![]() |
|
|
|
||
Frau Aschenbach, die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit wurden vor mehr als anderthalb Jahrzehnten der Öffentlichkeit zugänglich. Gibt es überhaupt noch ein Interesse daran?
Monika Aschenbach: Es wächst sogar. Seit drei Jahren beobachten wir in der Außenstelle Suhl einen neuen Anstieg. Wir bekommen derzeit jeden Monat wieder 200 Neuanträge auf Akteneinsicht. Dazu werden rund 100 Folgeanträge gestellt.
Wie erklären Sie sich das neuerlich erwachte Interesse an den Akten?
Aschenbach: Wir bemerken, dass das Interesse immer auch eine Folge öffentlicher Debatten oder Ereignisse ist. Nach der Öffnung der Stasi-Archive 1992 gab es eine regelrechte Antragsflut. Das heutige Interesse hängt unter anderem mit der Rente zusammen, die SED-Opfer bei einer Haftstrafe inzwischen bekommen können. Viele Betroffene brauchten auch einen zeitlichen Abstand.
Demnach gibt es keinen Grund, die Birthler-Behörde ins Bundesarchiv einzugliedern?
Aschenbach: Ich sehe keinen Grund, funktionierende Strukturen leichtfertig gegen neue, nicht etablierte einzutauschen. Bisher sind allein in der Außenstelle Suhl rund 60 000 Anträge auf Akteneinsicht eingegangen. Darüber hinaus bearbeiten wir Anträge auf Rehabilitierung und Forschungsprojekte. Betroffenen die Akteneinsicht zu gewähren, ist weiterhin unsere Kernaufgabe.
Wie steht es um wissenschaftliche Aufarbeitung und Bildung?
Aschenbach: Das ist ein Teil unserer Aufgaben. Unsere Außenstelle hält Vorträge an Volkshochschulen, wir gehen an Schulen und unterstützen Universitäten zum Beispiel bei Forschungsprojekten. Wir haben eine Reihe mit dem Namen „Leseland“ aufgelegt, bei der Schüler aus Stasi-Akten lesen. Es ist beeindruckend zu sehen, wie den Schülern dabei ganz schnell die Wirkmechanismen der Stasi deutlich werden. Schon die Sprache sagt alles, wenn es etwa heißt, „das Objekt“ bewege sich von A nach B. Das Objekt ist ein Mensch.
Untersuchungen belegen aber, dass viele Schüler ein geschöntes Bild von der DDR haben. Wie werden Ihre Angebote von den Schulen in Südthüringen angenommen?
Aschenbach: Beim Gymnasium in Suhl zum Beispiel stehen uns die Türen offen, ebenso beim Gymnasium in Vacha, bei den Berufsschulen in Zella-Mehlis und Suhl. Regelmäßig arbeiten wir mit acht Schulen zusammen. Generell kann man nicht von Desinteresse oder gar Widerstand sprechen. Aber nicht jede Schule und nicht jeder Lehrer empfängt uns mit offenen Armen. Mir berichtete jüngst ein Mitarbeiter der Beratungsinitiative Thüringen, dass die Fachberaterin für Geschichte zur Weiterbildung eingeladen hatte. Nur dieser Mitarbeiter, der zur Arbeit mit DDR-Zeitzeugen informieren wollte, war erschienen – aber keiner der angeschriebenen 40 Geschichtslehrer.
Woran liegt das Desinteresse?
Aschenbach: Ich denke, manche Lehrer haben Vorbehalte und Sorge, im Unterricht gefragt zu werden, wie sie sich in der DDR verhalten haben. Dazu könnte es, freundlich ausgedrückt, eine Unkenntnis über unsere Angebote geben. Eines wird uns aber immer wieder deutlich: Sobald wir Zugang zu den Schüler haben, ist das Interesse groß. Wir stoßen Diskussionen zu Hause an. Schüler gehen aus unseren Veranstaltungen und sagen: Darüber muss ich jetzt mit meinen Eltern reden, ich will das jetzt wissen.
Jüngst gab es Forderungen, Schulklassen zu Pflichtbesuchen in DDR-Gedenkstätten zu schicken. Wäre das eine Möglichkeit?
Aschenbach: Die Gedenkstätten, die Grenzmuseen und die Außenstellen der Stasi-Unterlagenbehörde sind wichtige außerschulische Lernorte. Aber Besuche sollten nicht zu einer Pflichtveranstaltung verkommen. Das Interesse kann man nicht verordnen. Indem wir in der Suhler Außenstelle Vorträge anbieten, die sehr gut angenommen werden, etablieren wir die Behörde auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Wünschen Sie sich mehr Unterstützung?
Aschenbach: Vielleicht wäre es nötig, den Schulen die Reisekosten für Besuche bei uns oder in Grenzmuseen zu ersetzen. Es wäre wünschenswert, den Lehrplan Geschichte so zu verändern, dass das Thema DDR nicht mehr an den Rand gedrängt werden kann und Zeitzeugen eine wichtige Rolle einnehmen. Auch wenn ich gegen Pflichtbesuche von Schulklassen bin, eine Verpflichtung zur Weiterbildung der Lehrer würde ich begrüßen.
Interview: Eike Kellermann











