Hildburghausen - Als "kleiner Klassiker" wirbt Hildburghausen für sich - somit als tolerante Stadt, in der Besucher willkommen sind. Doch Hildburghausen hat ein Problem. Ein Problem, dem nicht nur Bürgermeister Steffen Harzer (Die Linke) endlich Herr werden möchte. Das Problem ist braun und mündet immer wieder in Gewalt. Rechtsradikale, meist amtsbekannt, ziehen pöbelnd durch die beschaulichen Straßen und Gassen und machen bei ihren Attacken nicht einmal vor kirchlichen Würdenträgern Halt.
Es ist der Abend des 3. April, als der Hildburghäuser Superintendent Michael Kühne angegriffen wird. Kühne befindet sich gerade mit einer Gruppe Konfirmanden auf dem Weg zur Christuskirche, als ihnen auf Höhe des Stadtmuseums drei junge Männer entgegentreten. "Euer Führer ist tot, Sieg Heil!", schreien die Drei. Der Superintendent stellt sich den jungen Männern in den Weg, Oberpfarrer Christoph Victor, der die Konfirmanden ebenfalls begleitet, bringt diese in Sicherheit. Michael Kühne versucht Fotos zu machen, um die bedrohliche Szene festzuhalten. Kurz darauf trifft ihn ein Schlag ins Gesicht, er geht zu Boden. Als die Polizei erscheint, ist der Spuk vorbei, die Täter flüchten. Kühne muss behandelt werden. Er trägt ein Hämatom und Schürfwunden davon. Der Superintendent erstattet Anzeige.
Den Bürgermeister attackiert
Kein Einzelfall, denn auch Bürgermeister Harzer hat erfahren müssen, dass selbst er - ein kräftiger Zwei-Meter-Mann - zum Opfer werden kann. Kein Unbekannter der regionalen Neonazi-Szene springt ihm in den Rücken, als er bei einem Fußballturnier erscheint, das unter eindeutig rechtsradikalen Vorzeichen steht. Auch der Bürgermeister muss behandelt werden. Ein Verfahren läuft.
Harzer fühlt sich sogleich an einen Vorfall aus dem Vorjahr erinnert: EM-Zeit, das Spiel Deutschland gegen Türkei läuft gerade. Harzer schaut sich die Partie zu Hause im Fernsehen an, als es vor seiner Tür zur Randale kommt. "Dein Haus wird brennen", hört Harzer da. Der Rufer: Wiederum ein bekanntes Mitglied der Hildburghäuser Neonazi-Szene.
Hildburghausen im März, in der Nähe der alten Post: Schüler des Gymnasiums Georgianum werden von einem jungen Mann angerempelt, geschlagen - dazu "Heil-Hitler"-Rufe, ein ausgestreckter Arm. Mindestens fünf Schüler im Alter von 14 bis 18 Jahren werden angegriffen, berichtet Kerstin Möhring, Lehrerin am Gymnasium. Was die Lehrerin besonders irritiert: Weder Anwohner noch Passanten kommen zur Hilfe, niemand ruft die Polizei. Nur zwei Schüler der 12. Klasse greifen ein. Auch sie werden geschlagen.
Wenige Tage später auf dem Hildburghäuser Marktplatz. Es ist um die Mittagszeit, als aus dem offenen Fenster einer Wohnung "Sieg-Heil"-Rufe schallen. Harzer und der Linken-Landtagsabgeordnete Tilo Kummer werden zur Hilfe gerufen. Wenig später kann ein 16-Jähriger aus Veilsdorf gefasst werden.
Am vergangenen Wochenende, vielerorts wird an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert: Aufkleber mit der Aufschrift "8. Mai - wir feiern nicht!" kleben im Hildburghäuser Stadtgebiet, auch auf Wahlplakaten zur bevorstehenden Kommunalwahl. Geprügelt wird diesmal nicht. Die Polizei ermittelt zunächst wegen Sachbeschädigung.
Zeugin mit Steinen beworfen
Eine türkische Familie traut sich derweil in Hildburghausen kaum noch vor die Tür. Sie haben in einem Verfahren gegen einen rechten Randalierer ausgesagt. Die Frau des Familienvaters wurde auf der Straße bereits mit Steinen beworfen, die Täter entkommen unerkannt.
Oberpfarrer Victor fasst indes die Stimmung vieler Hildburghäuser so zusammen: "Die Angst ist riesengroß."










