Suhl - Es sind tragische Geschichten und oft zutiefst verstörende, die in den kargen
Z. ist kein Einzelfall. Viele Opfer des SED-Regimes trauen auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Unterdrückungsapparats DDR keinem fremden Zuhörer.
Martin Montag, katholischer Pfarrer aus dem Eichsfeld und Chef des Bürgerkomitees, kennt die gesamte Bandbreite der Repressionen, die missliebige DDR-Bürger zu spüren bekamen. Anders als Verbrechensopfer durften die Leidtragenden staatlicher Wilkür nicht über ihr Schicksal reden. "Sie hatten keine Berater und erhielten keine psychische Betreuung", sagt Montag. "Das hat es in der Zeit der DDR nicht gegeben und nicht danach."
Männer wie Z. finden Jahrzehnte später nur schwer Worte für das, was ihnen in der Jugend widerfuhr. Manchmal sind die Mitarbeiter und Helfer des Bürgerkomitees die ersten, denen sie sich öffnen.
Manche haben dafür zwanzig Jahre Abstand zur DDR gebraucht - Menschen, die als Kinder und Jugendliche in staatlichen Heimen untergebracht waren. Das Thema der Jugendwerkhöfe koche erst jetzt hoch, ein Thema, "das 1990 noch kein Thema war", sagt Montag. Mit der Beratungsarbeit begebe man sich gemeinsam mit den Menschen auf eine Entdeckungsreise - und weil dabei immer neues Unrecht aufgedeckt wird, ist die Reise noch lange nicht zu Ende. "Der Katalog ist noch nicht vollständig", sagt er. "Es gibt mehr Opfer, als die Gesetze wahrnehmen. Deshalb muss die politische Arbeit weitergehen."
Das Berliner Kammergericht hatte schon 2004 die Einweisung in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau für rechtsstaatswidrig erklärt. Die Verfassungsrichter zogen in diesem Jahr nach und entschieden, dass auch frühere Heimkinder und Insassen der übrigen Jugendwerkhöfe eine Rehabilitierung beantragen können. Allerdings wird jeder Einzelfall geprüft. Nur wenn die Einweisung aus politischen Motiven erfolgte oder unverhältnismäßig war, gilt sie als rechtsstaatswidrig.
"Die Leute haben vieles mitbekommen, aber längst nicht alles", sagt Erich Hein, ein bedächtiger Herr mit ernsten Augen. Hein hat sich vor sechs Jahren dem Bürgerkomitee angeschlossen. 1990 habe noch niemand das gesamte Ausmaß der staatlichen Maßnahmen ermessen können, sagt er. Selbst 20 Jahre später werde der Umfang der Unterdrückung allgemein unterschätzt.
Hein trat 1989 dem Neuen Forum bei und leitete wenig später das staatliche Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Montag war als Vertreter der Kirche Mitglied der vorhergehenden Arbeitsgruppe. Schon zu dieser Zeit habe man Anträge auf Rehabilitierung von SED-Opfern gestellt, erzählt der Pfarrer. "Die lagen dann zwei Jahre lang auf Eis." Bis der Bundestag 1992 das SED-Unrechts-Bereinigungsgesetz beschloss. Seitdem hilft das Bürgerkomitee bei der Antragstellung auf strafrechtliche, berufliche und verwaltungsrechtliche Rehabilitierung - und betreut die Opfer in persönlichen Gesprächen und einer Selbsthilfegruppe auch darüber hinaus.
Montag kümmert sich schon seit vier Jahrzehnten um Menschen, die mit dem SED-Staat kollidierten. 1980 wurde der Pfarrer Kaplan in Erfurt. In dieser Zeit rollte unter dem biblischen Motto "Schwerter zu Pflugscharen" die erste Welle einer Friedensbewegung durch DDR. "Da wurden Jugendliche drangsaliert und unter Druck gesetzt", erzählt der katholische Geistliche. Als Stadtjugendseelsorger habe er darum gewusst.
Außerdem tauchten immer wieder Haftentlassene bei ihm auf und baten um Hilfe - ohne ein Wort darüber zu verlieren, warum sie im Gefängnis waren. "Ich konnte riechen, dass da was war", sagt Montag. Jeder, der ein Hirn hatte, jeder, der sehen wollte, der habe die Wahrheit über die DDR erkennen können, sagt Montag überzeugt. Auch wenn schon 30 Kilometer von der Westgrenze entfernt so gut wie niemand etwas über das vorgelagerte Sperrgebiet wusste. "Ich habe in dem System grundsätzlich alles für möglich gehalten."
Roswitha Weiß, gelernte Chemikerin, ist auch nach dreieinhalb Jahren beim Bürgerkomitee immer wieder aufs Neue darüber erschüttert, "was für schlimme Sachen mit den Leuten gemacht worden sind". Vielen Menschen, die der Beraterin ihr Herz ausschütten, gehe es nicht um Rente und Entschädigung. "Sie möchten schwarz auf weiß haben, dass ihnen Unrecht widerfahren ist", sagt die 60-Jährige.
Besonders berührt sie das Schicksal von Menschen, die nicht nachweisen können, dass ihnen Unrecht widerfahren ist; Menschen etwa, die in ihrer Jugend in Heime gesteckt worden sind, weil ein Elternteil in den Westen geflohen war. In den Akten sind Fälle von Kindesentzug natürlich nicht als Strafe gegen die Familie begründet worden, sondern mit sachlichen, das Kindeswohl betreffenden Argumenten.
Weiß erzählt von einer Frau, die kürzlich bei ihr war, als Mädchen hatte sie den verkehrten Freund und wurde in den Jugendwerkhof eingewiesen. Aufgeschrieben werden dürfe die Geschichte jener Frau jedoch nicht. "Sie will ganz sicher auf gar keinen Fall erkannt werden", sagt Weiß.
Weil viele Betroffene erst heute über ihr Schicksal zu sprechen beginnen, müsse die Arbeit des Bürgerkomitees weiter vom Freistaat finanziert werden, fordert Montag. Er kämpft auch dafür, dass andere Opfergruppen eine Rente beantragen dürfen, etwa jene, deren versuchte Republikflucht in Tateinheit mit "normalen" Delikten wie Urkundenfälschung und Widerstand gegen staatliche Maßnahmen abgeurteilt wurde.
Montag möchte auch erreichen, dass "der gesamte Komplex der Umerziehungs-Diktatur einer neuen Würdigung unterzogen wird". Gemeint sind damit nicht nur Insassen des Jugendwerkhofs Torgau, die von der Opferrente gänzlich ausgeschlossen sind. Nach Expertenangaben gab es 1989 in der DDR 32 Jugendwerkhöfe mit rund 3400 Plätzen sowie 38 Spezialkinderheime mit etwa 3700 Plätzen.
Die Chance auf eine Entschädigung haben in Thüringen aber erst wenige Heimkinder und Insassen von Jugendwerkhöfen genutzt. Seit das Bundesverfassungsgericht im Mai dafür den Weg geebnet hat, seien nur etwa 100 solcher Anträge bei den hiesigen Landgerichten gestellt worden, sagte der zuständige Referent im Erfurter Sozialministerium, Werner Oswald. Hilfe können sie beim mobilen Beratungsteam für SED-Opfer erhalten - oder beim Bürgerkomitee in Zella-Mehlis.
Der Verein setzt sich außerdem für eine neue Definition der Verfolgungszeiten ein. Montag möchte erreichen, dass auch Zwangsaussiedlungen, Zersetzungsmaßnahmen und Eingriffe des MfS in das Privatleben berücksichtigt werden, wenn es um die Rentenberechtigung geht. An der alltäglichen Beratung beteiligt sich Montag kaum. "Ich halte den Kontakt zu den Ministerien und tue das, was man als Vorstand zu tun hat." Und zwar immer Montags, an seinem freien Tag. Dann begegnet er auch Z. und den anderen, die immer wieder ins Büro kommen, um über ihr Schicksal zu sprechen. Anderswo will kaum einer davon hören.


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