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Ressort Thüringen
Erschienen am 25.11.2009 00:00
Bildung
Studienreform hat das Klassenziel verfehlt
Die Protestwelle schwappt über das Land. Auch Thüringer Studenten fordern eine Reform der Abschlüsse Bachelor und Master. Selbst Hochschul-Rektoren sehenJustierungsbedarf.
Von Cindy Heinkelund Jolf Schneider
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In Jena zeigten Thüringer Studenten schon in der vergangenen Woche, was sie von den Studienbedingungen im Land halten. Foto: dpa
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Die Vorstellungen von Personalchefs scheinen geradewegs aus den Abziehbildern des Werbefernsehens zu stammen. Mit 25 verfügt ein Akademiker heute gefälligst nicht nur über ein abgeschlossenes Studium, er bringt auch mindestens zwei bis drei Jahre Berufserfahrung und noch zwei Fremdsprachen auf dem Niveau eines Muttersprachlers mit. Dann stehen jungen Menschen die Türen in diesem Land offen. Diesen Eindruck gewinnt, wer Stellenanzeigen genauer liest.

Unter dem Stichwort Bologna-Prozess sollte die akademische Ausbildung international genau in diese Richtung getrieben werden. Verwaltungsbeamten, die sich in der Vergangenheit um Krümmungsgrade von Gurken und Mindestgrößen von Äpfeln gekümmert haben, war es offenbar ein Graus, dass junge Menschen in Großbritannien oder Frankreich ein oder zwei Jahre jünger sind als junge Akademiker in Deutschland, wenn sie eine Hochschule verlassen.

Internationale Vorbilder

Bachelor und Master nennen sich die Abschlüsse, die dabei heraus gekommen sind. Mit ihnen sollten Studienzeiten und -inhalte in ganz Europa vereinheitlicht werden. Ein international durchlässiges System war geplant. Für Studenten sollte es bei der Bildung nicht mehr nur die Wahl zwischen Ilmenau und Paderborn geben, sondern das Angebot sollte von Tallin bis Lissabon reichen. Zudem sollte durch den einheitlichen Namen der Abschlüsse ein internationaler Einstieg ins Berufsleben leichter werden.

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Elmar Heinemann, Rektor der FH Schmalkalden Foto: Archiv
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Doch seit fast drei Wochen rollt eine Protestwelle über das Land. Zu Tausenden gehen Studenten auf die Straße oder besetzen Hörsäle, um auf Missstände, die aus ihrer Sicht bei den Studienbedingungen herrschen, hinzuweisen. Zu verschult, ist das Urteil von Universitätsstudenten über die neuen Bachelor-Angebote. Im Unterschied zu den alten Diplom- oder Magister-Studiengängen steht jetzt jedes Semester eine Prüfung auf dem Plan. Reichte es früher aus, zu bestimmten Zeitpunkten des Studiums eine bestimmte Anzahl an Scheinen, also Nachweise einer erfolgreichen Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren einzureichen, um zu Prüfungen zugelassen zu werden, müssen Studenten nun Kredit-Punkte sammeln. Das System orientiert sich am Aufbau des Studiums im angelsächsischen Kulturkreis. Statt den Studenten weiterhin Eigenverantwortung bei der Bildung abzuverlangen, wird ihnen jetzt ein Stundenplan in die Hand gedrückt.

Die Kritik der Studenten teilt Peter Scharff, Rektor der Technischen Universität Ilmenau. Auch aus den Reihen seiner Professoren wird das enge "curriculare Korsett", der enge Studienplan, ohne Gestaltungsfreiräume beklagt. "Zügig studieren ist die eine Seite, aber wir wollen auch Kompetenzen fördern, die außerhalb des vorgegebenen Stoffs liegen", sagt Scharff. Ihm schwebt nicht der Fachidiot vor, sondern der universell gebildete Mensch, der Kreativität frei entwickeln kann und später umfassend qualifiziert seine Führungsrolle ausfüllt. Wichtiger Bestandteil des Studiums sollte deshalb ein Praktikum sein. Dieses passe aber kaum noch in das enge zeitliche Gerüst zwischen Bachelor und Master, so Scharff. "Vor allem für unsere zukünftigen Ingenieure ist praktische Erfahrung wichtig, um die spätere Berufsfähigkeit sicher zu stellen." Deshalb fordern gerade technische Hochschulen wie Ilmenau den sogenannten einzügigen Master, der von Anfang an studiert werden kann. Ähnlich wie früher beim Vordiplom soll ein Abzweig zum Bachelor möglich sein. Gerade für den Ingenieurbereich wünscht sich die TU Ilmenau, dass die strikten zehn Semester Regelstudienzeit wegfallen. Diese Vorschläge liegen bereits als Arbeitspapier bei der Thüringer Landesregierung.

Schaut man sich in der europäischen Bildungslandschaft um, findet man trotz Bologna immer noch deutliche Unterschiede. In Finnland beispielsweise gibt es den Master in einem Paket vom ersten Studientag an, in anderen Nachbarländern haben sich Hochschulen nicht an die 10-Semester-Regel gehalten. "Jede Hochschule hat über die Jahre eine eigene Kultur entwickelt - es ist eine Illusion zu glauben, durch den Bologna-Prozess sei eine Einheitlichkeit entstanden", sagt der TU-Rektor.

Zwei Dinge sind aus seiner Sicht falsch angepackt worden. "Erstens war es eine Reform von oben und zweitens ist den Hochschulen für die Umsetzung nicht genügend Geld an die Hand gegeben worden." Genau dies bemängelt auch Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die gestern in Leipzig tagte. Den Hochschulen könne man auf keinen Fall den Schwarzen Peter zuschieben. Deshalb einigten sich Deutschlands Rektoren auf eine Resolution. Deren Inhalt: Die neuen Studiengänge seien unterfinanziert und zum Teil überreguliert. Auch hätten es die Länder versäumt, für Hochschulen wie für Studierende in wesentlichen Punkten für "Rechtssicherheit und Verlässlichkeit" zu sorgen. Harsche Kritik also an den Kultusministern, die diese Regelwerke zu verantworten haben.

Bei den Studenten in Ilmenau beobachtet man die aktuellen Proteste relativ gelassen. "Ich glaube, dass der Weg, den die Studenten hier gegangen sind, der richtige war. Sie haben sich mit den Problemen an die Hochschulleitung gewandt und dann wurde daran gearbeitet", sagt Thomas Glassel. Er leitete die örtliche Gruppe des Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) und studiert in Ilmenau Medienwirtschaft. Noch nach der alten Studienordnung.

Kaum noch Zeit fürs Ausland

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Peter Scharff, Rektor der TU Ilmenau Foto: ari
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"Aber ich habe mitbekommen, dass es bei den neuen Abschlüssen anfangs Probleme gab. Als meine Mitbewohnerin vom Diplom- in den Bachelor-Studiengang wechselte, klagte sie plötzlich über eine enorme Prüfungsbelastung", erzählt er. Nachdem der Studierendenrat auf die Probleme aufmerksam gemacht habe, sei etwas passiert. Die Probleme mit der fehlenden Garantie auf einen Master-Studienplatz nach einem erfolgreichen Bachelor oder dem engen zeitlichen Korsett sieht aber auch er. "Die Flexibilität und die Eigenverantwortung, die ein Studium früher ausgemacht haben, sollten erhalten bleiben", sagt Glassel.

Ganz so global, wie Studenten derzeit ihren Unmut formulieren, will Elmar Heinemann, Rektor der Fachhochschule Schmalkalden, die Kritik nicht stehen lassen. "Ich habe Verständnis", sagt er. Doch habe sich das Studium an der Fachhochschule durch die Umbenennung der Abschlüsse kaum verändert. "Unsere Studiengänge sind weiterhin sechs oder sieben Semester lang", berichtet er. Lediglich die Zeit für die Abschlussarbeit sei eingedampft worden. Hier erkennt Heinemann einen Nachteil, denn in den wenigen Wochen, die den Studenten nun noch bleiben, sind längere Forschungsaufenthalte in Unternehmen kaum noch möglich. Damit könnte den Studenten eine wichtige Brücke in den Arbeitsmarkt verbaut werden.

Den größten Fehler bei der Reform der Studiengänge sieht Heinemann wie Amtskollege Scharff bei der strikten Festlegung auf die Studiendauer von maximal fünf Jahren für Bachelor und Master. Das sind zehn Semester. Das ist die Zeit, in der früher ein fleißiger Universitätsstudent sein Diplom in Maschinenbau oder Elektrotechnik erlangt hat. Nun soll er in der gleichen Zeit zwei Abschlüsse schaffen.

Heinemann räumt ein, dass das selbst in dem ohnehin verschulteren System der FH schwer fällt. "Wer einen Studiengang wählt, der sieben Semester bis zum Bachelor dauert und dann vielleicht noch ein Semester ins Ausland möchte, dem bleiben für den Master nur noch zwei Semester. Das ist unrealistisch", sagt er.

Die negativen Auswirkungen spürt die Hochschule schon jetzt. Die Zahl der Auslandsaufenthalte ist deutlich zurückgegangen. Das Ziel, das mit dem Bologna-Prozess verfolgt wurde, wird also nicht erreicht. Verantwortlich dafür sind nach Auffassung der Rektoren jedoch nicht die Hochschulen, sondern die Kultusministerkonferenz. Die tagt am 10. Dezember in Bonn und Studentenvertreter haben schon jetzt einen heißen Empfang vorhergesagt.

 
 
 

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Kommentare zum Artikel

  • von wanderer am 25.11.2009 11:50
    Köstlich, einfach köstlich

    Zitat:



    ...Verwaltungsbeamten, die sich in der Vergangenheit um Krümmungsgrade von Gurken und Mindestgrößen von Äpfeln gekümmert haben, war es offenbar ein Graus, dass junge Menschen in Großbritannien oder Frankreich ein oder zwei Jahre jünger sind als junge Akademiker in Deutschland, wenn sie eine Hochschule verlassen....


    Ein wirklich guter Artikel, ich habe Tränen gelacht.

    ABER;
    Die Hochschulrektoren-Konferenz - insbesondere Frau Wintermantel und die bunte Reise-Kanzlerin - geben eine geistige Bankrotterklärung ab:

    "Der Bolgona-Prozess ist unumkehrbar." (ZITAT FAZ http://www.faz.net/s/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1/Doc~EF6A09A8106EF4C99BCD0C696B5E0E0E2~ATpl~Ecommon~Scontent.html)

  • von wanderer am 25.11.2009 11:50
    Köstlich, einfach köstlich 2
    Das Problem ist die Regelwut von Verwaltungen, denn dort gilt ausschließlich menschliche Willkür und viele haben davor schon die Waffen gestreckt.

    Jede Regelung lässt sich jederzeit durch eine andere aufheben. Erforderlich ist nur Intelligenz, Kreativität und Tatendrang, aber um was zu ändern müssten die Beteiligten arbeiten, aber dafür sind sie ja viel zu beschäftigt oder auf Weltreise.

 

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