![]() |
|
|
|
||
Unter dem Stichwort Bologna-Prozess sollte die akademische Ausbildung international genau in diese Richtung getrieben werden. Verwaltungsbeamten, die sich in der Vergangenheit um Krümmungsgrade von Gurken und Mindestgrößen von Äpfeln gekümmert haben, war es offenbar ein Graus, dass junge Menschen in Großbritannien oder Frankreich ein oder zwei Jahre jünger sind als junge Akademiker in Deutschland, wenn sie eine Hochschule verlassen.
Internationale Vorbilder
Bachelor und Master nennen sich die Abschlüsse, die dabei heraus gekommen sind. Mit ihnen sollten Studienzeiten und -inhalte in ganz Europa vereinheitlicht werden. Ein international durchlässiges System war geplant. Für Studenten sollte es bei der Bildung nicht mehr nur die Wahl zwischen Ilmenau und Paderborn geben, sondern das Angebot sollte von Tallin bis Lissabon reichen. Zudem sollte durch den einheitlichen Namen der Abschlüsse ein internationaler Einstieg ins Berufsleben leichter werden.
![]() |
|
|
|
||
Die Kritik der Studenten teilt Peter Scharff, Rektor der Technischen Universität Ilmenau. Auch aus den Reihen seiner Professoren wird das enge "curriculare Korsett", der enge Studienplan, ohne Gestaltungsfreiräume beklagt. "Zügig studieren ist die eine Seite, aber wir wollen auch Kompetenzen fördern, die außerhalb des vorgegebenen Stoffs liegen", sagt Scharff. Ihm schwebt nicht der Fachidiot vor, sondern der universell gebildete Mensch, der Kreativität frei entwickeln kann und später umfassend qualifiziert seine Führungsrolle ausfüllt. Wichtiger Bestandteil des Studiums sollte deshalb ein Praktikum sein. Dieses passe aber kaum noch in das enge zeitliche Gerüst zwischen Bachelor und Master, so Scharff. "Vor allem für unsere zukünftigen Ingenieure ist praktische Erfahrung wichtig, um die spätere Berufsfähigkeit sicher zu stellen." Deshalb fordern gerade technische Hochschulen wie Ilmenau den sogenannten einzügigen Master, der von Anfang an studiert werden kann. Ähnlich wie früher beim Vordiplom soll ein Abzweig zum Bachelor möglich sein. Gerade für den Ingenieurbereich wünscht sich die TU Ilmenau, dass die strikten zehn Semester Regelstudienzeit wegfallen. Diese Vorschläge liegen bereits als Arbeitspapier bei der Thüringer Landesregierung.
Schaut man sich in der europäischen Bildungslandschaft um, findet man trotz Bologna immer noch deutliche Unterschiede. In Finnland beispielsweise gibt es den Master in einem Paket vom ersten Studientag an, in anderen Nachbarländern haben sich Hochschulen nicht an die 10-Semester-Regel gehalten. "Jede Hochschule hat über die Jahre eine eigene Kultur entwickelt - es ist eine Illusion zu glauben, durch den Bologna-Prozess sei eine Einheitlichkeit entstanden", sagt der TU-Rektor.
Zwei Dinge sind aus seiner Sicht falsch angepackt worden. "Erstens war es eine Reform von oben und zweitens ist den Hochschulen für die Umsetzung nicht genügend Geld an die Hand gegeben worden." Genau dies bemängelt auch Margret Wintermantel, die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die gestern in Leipzig tagte. Den Hochschulen könne man auf keinen Fall den Schwarzen Peter zuschieben. Deshalb einigten sich Deutschlands Rektoren auf eine Resolution. Deren Inhalt: Die neuen Studiengänge seien unterfinanziert und zum Teil überreguliert. Auch hätten es die Länder versäumt, für Hochschulen wie für Studierende in wesentlichen Punkten für "Rechtssicherheit und Verlässlichkeit" zu sorgen. Harsche Kritik also an den Kultusministern, die diese Regelwerke zu verantworten haben.
Bei den Studenten in Ilmenau beobachtet man die aktuellen Proteste relativ gelassen. "Ich glaube, dass der Weg, den die Studenten hier gegangen sind, der richtige war. Sie haben sich mit den Problemen an die Hochschulleitung gewandt und dann wurde daran gearbeitet", sagt Thomas Glassel. Er leitete die örtliche Gruppe des Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) und studiert in Ilmenau Medienwirtschaft. Noch nach der alten Studienordnung.
Kaum noch Zeit fürs Ausland
![]() |
|
|
|
||
Ganz so global, wie Studenten derzeit ihren Unmut formulieren, will Elmar Heinemann, Rektor der Fachhochschule Schmalkalden, die Kritik nicht stehen lassen. "Ich habe Verständnis", sagt er. Doch habe sich das Studium an der Fachhochschule durch die Umbenennung der Abschlüsse kaum verändert. "Unsere Studiengänge sind weiterhin sechs oder sieben Semester lang", berichtet er. Lediglich die Zeit für die Abschlussarbeit sei eingedampft worden. Hier erkennt Heinemann einen Nachteil, denn in den wenigen Wochen, die den Studenten nun noch bleiben, sind längere Forschungsaufenthalte in Unternehmen kaum noch möglich. Damit könnte den Studenten eine wichtige Brücke in den Arbeitsmarkt verbaut werden.
Den größten Fehler bei der Reform der Studiengänge sieht Heinemann wie Amtskollege Scharff bei der strikten Festlegung auf die Studiendauer von maximal fünf Jahren für Bachelor und Master. Das sind zehn Semester. Das ist die Zeit, in der früher ein fleißiger Universitätsstudent sein Diplom in Maschinenbau oder Elektrotechnik erlangt hat. Nun soll er in der gleichen Zeit zwei Abschlüsse schaffen.
Heinemann räumt ein, dass das selbst in dem ohnehin verschulteren System der FH schwer fällt. "Wer einen Studiengang wählt, der sieben Semester bis zum Bachelor dauert und dann vielleicht noch ein Semester ins Ausland möchte, dem bleiben für den Master nur noch zwei Semester. Das ist unrealistisch", sagt er.
Die negativen Auswirkungen spürt die Hochschule schon jetzt. Die Zahl der Auslandsaufenthalte ist deutlich zurückgegangen. Das Ziel, das mit dem Bologna-Prozess verfolgt wurde, wird also nicht erreicht. Verantwortlich dafür sind nach Auffassung der Rektoren jedoch nicht die Hochschulen, sondern die Kultusministerkonferenz. Die tagt am 10. Dezember in Bonn und Studentenvertreter haben schon jetzt einen heißen Empfang vorhergesagt.




Drucken
Speichern
Versenden












