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Ressort Thüringen
Erschienen am 01.12.2009 00:00
Reptilienforschung
Oberhofer auf Schlangenpirsch in Thailand
Exotariumschef Achim Kempter war mit seinem Team im November eine Woche auf Forschungsreise im Khao-Yai-Nationalpark
Von Rolf Dieter Lorenz

Prachin Buri/Oberhof - Sie leuchtet in einem hellen Giftgrün. Und sie

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Die Schlange fest im Griff: Rica Becker hat keine Berührungsängste mit den Reptilien.
Bild: Lorenz
schlängelt sich majestätisch um einen hauchdünnen Ast. Achim Kempter ist völlig aus dem Häuschen. Knapp zwei Meter ist die Spitzkopfnatter lang, der größte Schlangenfund an diesem Tag, dem vorletzten Expeditionstag in Thailand. Beherzt greift der Oberhofer Zooinhaber zu, versucht mit geübtem Griff die Schlange hinter dem Kopf zu fassen, da passiert es: das Reptil wendet blitzschnell den Kopf. Als Kempter zufasst, spürt er den schmerzhaften Biss und die Zähne der Spitzkopfnatter im Daumenballen. "Kräftig zubeißen können sie", sagt Kempter mit blutverschmierter, rechter Hand, "aber sie sind nicht giftig, sonst hätte ich natürlich viel mehr Vorsicht walten lassen."

Achim Kempter kennt sich aus mit giftigen und ungiftigen Reptilien. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. 2005 wurde seine Terrarien- und Aquarienausstellung in Oberhof nach der EU-Zoo-Richtlinie anerkannt und zertifiziert - als einer der ersten Zoobetriebe in Thüringen. Auf etwa 1200 Quadratmetern betreibt er dort 48 Terrarien und sieben Aquarien. Rund 125 Schlangen-, Echsen-, Spinnen- und Fischarten aus aller Welt sind dort zu sehen, darunter auch Netzpythons und Nilwarane. "Weltweit einzigartig ist meine Bastardzucht zwischen Inselkletternattern und Amurnattern", sagt er mit Stolz. Schulklassen sind im Exotarium oft zu Gast, um den theoretischen Biologieunterricht durch praktische Anschauung zu ergänzen.

Weil die EU-Zoorichtlinie neben Bildungsaufgaben auch Weiterbildung und Forschung vorschreibt, geht Achim Kempter ein- bis zweimal im Jahr auf Forschungsreise, bevorzugt nach Asien und Südostasien. Es ist bereits seine zehnte Expedition, die ihn und sein Team bereits zum zweiten Mal in den Khao-Yai-Nationalpark nach Thailand führt. Sein Aufenthaltsort diesmal: ein kleines Dorf in der Nähe von Prachin Buri, knapp 200 Kilometer nordöstlich von Bangkok entfernt.

Es ist morgens Viertel nach Sechs. Achim Kempter hat schlecht geschlafen. Der lange Flug steckt ihm noch in den Knochen. Die Zeitverschiebung hat seinen Rhythmus durcheinander gebracht, ebenso der Klimawechsel. Während es in Oberhof kurz nach Mitternacht ist, neblig und nasskalt bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, liegt die Region nordöstlich der Sechs-Millionen-Metropole Bangkok schon bei Sonnenaufgang unter einer Hitzeglocke. 27 Grad zeigt das Thermometer, die Luftfeuchtigkeit beträgt etwa 70 Prozent. "Es ist, als ob man jedes Mal gegen eine Wand knallt", sagt Kempter mit Schweißperlen auf der Stirn, "egal ob man in Bangkok aus dem Flieger steigt oder morgens in Prachin Buri seine klimatisierte Unterkunft verlässt. Von hier aus sind es nur wenige Kilometer bis zum Südeingang des Khao-Yai-Nationalparks.

Fasziniert vom Regenwald

Lagebesprechung vor dem ersten von insgesamt sieben Expeditionstagen. Zusammen mit Rica Becker und Ruggero Morimando plant Achim Kempter anhand der Nationalparkkarte den genauen Ablauf. Die Krankenschwester am Suhler SRH-Zentralklinikum sowie der italienische Hautarzt sind eingefleischte Reptilienexperten und ebenso fasziniert von der exotischen Fauna im Regenwald wie Kempter selbst. Becker ist im Oberhofer Exotarium zuständig für die Gesundheit von Schlangen, Echsen und Spinnen. Den Hautarzt aus Mailand hatte Kempter auf einer seiner früheren Expeditionen kennen gelernt. "Er ist sozusagen das Argusauge im Team, entdeckt nahezu jedes Reptil, sogar im verworrensten Urwalddickicht", erklärt der Exotarium-Inhaber.

Ziel der Expedition sei es, möglichst viele Schlangen- und Reptilienarten aufzuspüren, Fundort, Größe und Geschlecht zu bestimmen sowie alles in Wort und Bild zu dokumentieren. Auch deshalb hat Kempter diesmal einen freien Kameramann aus Suhl mitgenommen auf seine Expedition. Er soll einen Film für die Internetseite des Oberhofer Exotariums produzieren und darüber hinaus auch Fernsehbilder für den Mitteldeutschen Rundfunk.

Aufbruch in den Urwald. Mit dem Auto geht es zum Südeingang des Nationalparks. 400 thailändische Baht - umgerechnet etwa 8 Euro - kostet der Eintritt. Mit dem Geld werden die Ranger finanziert, ebenso die zentrale Nationalparkverwaltung, in deren Laboren oft internationale Forschungsteams zu Gast sind. Auch ein Helikopter ist hier stationiert. Für alle Fälle, falls ein Besucher doch mal von einer Giftschlange gebissen werden sollte oder falls Herz und Kreislauf bei der hohen Luftfeuchtigkeit versagen.

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Achim Kempter betrachtet ein Schlangen-Baby.
Bild:  
Der Khao-Yai-Nationalpark war 1962 auf Druck des Wildlife Fund Thailand als erstes Schutzgebiet durch ein Gesetz der Regierung von Premierminister Sarit Thanarat eingerichtet worden. Er zeichnet sich durch Trocken-, Regen- und Nebelwälder sowie Graslandschaften aus. 72 große Säugetierarten sind hier heimisch, darunter 300 Asiatische Elefanten, indochinesische Tiger, Leoparden, Bären und Affen, 358 Vogelarten, Warane, Krokodile und zahlreiche Schlangenarten, darunter auch die Königskobra.

Acht Kilometer schlägt sich das Team um Achim Kempter am ersten Expeditionstag auf schmalen Pfaden durch den Urwald. Entlang an Flüssen und Wasserfällen, die jetzt nach dem Ende der Regenzeit weniger Wasser führen als sonst. Immer wieder versperren umgestürzte Baumgiganten den Weg. Ein Schweiß treibender Marsch, auch wenn die Temperaturen hier auf dem 600 bis 800 Meter hohen Plateau einige Grad angenehmer sind als unter der Smogglocke von Bangkok. Dafür macht die Luftfeuchtigkeit um so mehr zu schaffen. Sie ist so hoch, dass Objektive von Fotoapparaten und Kamera zeitweise von innen beschlagen. Schlangen werden an diesem Tag nicht entdeckt. Ein bisschen Enttäuschung macht sich breit im Team.

Begegnung mit Krokodil

Mehr Erfolg haben die Reptilienforscher dafür an den Folgetagen. Mehrere Babyschlangen werden entdeckt, die etwa ein bis zwei Jahre alt sind und es auf 30 bis 50 Zentimeter Länge bringen. An einem Flusslauf trifft das Team sogar auf ein Krokodil und auf einen Bindenwaran.

"Bei derartigen Expeditio-nen", so erklärt Achim Kempter "sind spektakuläre und neue Forschungsergebnisse eher selten zu erwarten. In der Regel würden meist Schlangen- und Reptilienarten aufgespürt, deren Existenz in der Region bereits bekannt und dokumentiert ist. Allerdings gibt es gelegentlich auch Zufallstreffer, über die sich Kempter besonders freut. Einen solchen konnte er auf einer Forschungsreise im Frühjahr dieses Jahres verbuchen. "Auf der Insel Tioman vor der Ostküste Malaysias im Südchinesischen Meer haben wir eine Mangroven-Nachtbaumnatter gefunden, eine Schlangenart, die dort bisher noch nicht bekannt war. Damit haben wir die 40. Schlangenart auf dieser Insel entdeckt und nachgewiesen." Solche Forschungsergebnisse sind es, die dazu beitragen, die Natur und Tierwelt im Regenwald besser zu verstehen.

Auch am vorletzten Expeditionstag hat das Team Forscherglück. Am Nordeingang des Nationalparks entdeckt Ruggero Morimando direkt neben der Straße eine kleine Schlange. Das Baby der Eier legenden Katzennatter ist etwa 40 Zentimeter lang und besitzt noch seine braune Jugendfärbung. Mit zunehmendem Alter wechselt sie in ein leuchtendes Grün.

Auf dem Weg zu einem Flusslauf begegnet das Team an der Straße einer Affenkolonie. Es sind Makaken, die sich durch ein leuchtend rotes Hinterteil auszeichnen. "In diesem Jahr tragen die Weibchen besonders viel Nachwuchs", sagt Kempter, der das Gebiet vor Jahren schon einmal erforschte.

Am Rande des Urwalds entdeckt Kempter erneut eine kleine bräunliche Schlange. Es handelt sich um eine gewöhnliche Falschviper. Die Trugnatternart besitzt Drüsen und produziert unterschiedlich starkes Gift. "Ihr fehlt aber der perfekte "Giftapparat, um es "an den Mann" zu bringen", erklärt er. Ein Biss rufe allenfalls Hautirritationen hervor.

Am Flusslauf dann der nächste Schlangenfund: eine Großaugen-Bambusotter, giftgrün und etwa zwei Meter lang. Die Giftzähne liegen in Gaumentaschen verborgen, können aber blitzschnell ausgeklappt werden und zubeißen. "Von der möchte ich nicht gebissen werden", sagt Kempter. Ihr Biss sei zwar meistens nicht tödlich, aber er verursache sehr schmerzhafte und großflächige Wunden.

Tragödie am Wasserfall

Die Gruppe erreicht den Flusslauf an der Stelle, an der das Team zwei Tage zuvor ein Krokodil und einen Bindenwaran beobachtet hat. Doch beide sind verschwunden. Ein wenig entschädigt der Anblick von zwei Wasseragamen. Die knapp ein Meter langen, grün gefärbten Echsen ruhen auf Ästen, die über dem Fluss hängen und lassen sich bei Gefahr ins Wasser fallen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Insekten und legen am Flussufer ihre Eier in den sandigen Boden ab.

Auf dem Rückweg stoppen wir kurz am Heo-Narok-Wasserfall, dem größten und höchsten im Nationalpark. In drei Stufen fällt das Wasser insgesamt 150 Meter abwärts. In den 90er Jahren, so erzählen die thailändischen Ranger, hat sich hier eine Tragödie abgespielt. Eine ganze Elefantenherde stürzte den Wasserfall hinunter, weil die Leitkuh ein Elefantenbaby retten wollte und die Herde ihr blindlings folgte.

Achim Kempters Schlangenbisswunde ist inzwischen längst verheilt. Krankenschwester Rica Becker hatte am Rande des Urwalds mit einer Pinzette die abgebrochenen Schlangenzähne aus der Wunde gezogen und sie desinfiziert.

Im kommenden Jahr geht das Oberhofer Exotarium-Team erneut auf Expedition in den tropischen Regenwald. Vielleicht gelingt es ja dann, eine Königskobra oder gar einen Tiger zu entdecken. "Leider", so bedauert Kempter, "ist uns das in diesem Jahr nicht geglückt."

Fernsehtipp: Das Thüringen-Journal des MDR-Fernsehens sendet heute Abend ab 19 Uhr eine Reportage von der Reptilienexpedition des Oberhofer Exotarium-Teams.

 
 
 

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