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Ilmenau - Für Norbert Wagner könnte der Winter nicht besser sein. Neuschnee auf Eis in der einen Woche, Pappschnee in der anderen. Mal schneidende Kälte, mal leichte Plusgrade. "Die Piste ist immer anders, mal hat man Harsch, mal Schnee, mal Eis", sagt der 52-Jährige mit leuchtenden Augen. Die Piste, damit meint Wagner einen Rodelhang am Kickelhahn, dem Hausberg von Ilmenau. Jeden Dienstagabend trifft er sich dort mit den Kickelhahn-Rodlern. Zwei Dutzend Mitglieder hat dieser Verein, junge und alte, ehemalige Rennrodler und Freizeitschlittenfahrer. Das Besondere: "Wir haben uns das Rodeln mit alten Geräten auf die Fahnen geschrieben", sagt Wagner.
In einer zugigen Garage in einem Ilmenauer Hinterhof hat der schlanke 1,90-Meter-Mann seine Sammlung aufgebaut - fast 70 Schlitten aus Deutschland, Österreich und Italien; wuchtige Bobs, schnittige Rennrodel, behäbige Bauernschlitten. "Ein bisschen Zeitgeschichte", sagt Wagner und knipst das Licht an. Je sechs übereinander hängen sie an der Wand, die zumeist im Internet ersteigerten Wintersportgeräte.
Etwas abseits davon lehnt ein schmaler Rodel aus Holz an der Wand. Die Sitzfläche ist ein hellgraues, straff zwischen die Holme gespanntes Leder. "Das ist mein allererster", sagt Wagner. "Ein Freizeitrodel." Als Jugendlicher hat er sich den gekauft, mit 14 oder 15 Jahren. "Als Kind habe ich mal einen dritten Platz im Schulrodeln belegt." Doch seine Eltern wollten nicht, dass er zu den Rennrodlern geht. "Sie fanden es zu gefährlich und haben es verboten", sagt er mit einem Lächeln. Stattdessen hat er bei den Gehern trainiert, ist heute noch Übungsleiter in einem Leichtathletikverein.
Die Sammlung in der Garage ist chronologisch aufgebaut. Vor 1950 wurden die Sitze der Schlitten auf den Holmen festgeschraubt, erzählt Wagner. "Später kam ein Gummi dazwischen, der Schlitten wurde dadurch beweglicher." Er greift nach den Holmen und rüttelt sie hin und her - "es ist ein bisschen elastisch". Je schneller die Bahnen wurden, desto stabiler mussten die Rodel sein. "Pilz Super Combi" steht auf einem Gefährt, dessen Bock - die Verbindung zwischen Holm und Sitz - aus Metall gearbeitet ist. Die blitzenden Stahlkufen sind so breit wie Wagners Daumen dick. "Bei manchen Schlitten ist noch eine Gummischicht zwischen Holz und Kufe."
Kufen schräg gestellt
Von einem Urlaub in Österreich hat er vier feuerwehrrote Gasser-Rennrodel mitgebracht, schnittige Flitzer, die Sitzfläche kaum eine Handlänge über dem Boden. Die Kufen sind schräg nach außen gestellt. "Wie bei einem Alpinski-Läufer, der auf den Kanten fährt", sagt Wagner. Gebaut sind die Gasser-Rodel für Naturbahnen, Waldwege, die im Winter künstlich vereist werden. Gefahren ist darauf ein österreichischer Meister.
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Per Spedition wurde der ferrarirote Viererbob aus Italien angeliefert. Mit drei Passagieren auf dem beigen Polsterkissen ist Wagner damit schon die Kickelhahn-Piste hinunter gebrettert. Keine Angst, dass das teure Stück dabei zu Bruch geht? Wagner: "Es ist doch Inhalt des Vereins, auch darauf zu fahren. Ich möchte doch wissen, wie sich das Rodeln früher angefühlt hat." Und wenn dabei etwas kaputt geht, dann wird repariert, sagt er und zuckt mit den Schultern. Was bei dem viersitzigen Italiener einigen Aufwand bedeuten würde - die Verbindung zwischen Lenkrad und vorderen Kufen besteht aus einem rabenschwarz lackierten Zahnkranzgetriebe. Aber "die Schlitten unter eine Glashaube zu stellen, das würde mich nicht befriedigen".
Zwischen einem und dreihundert Euro blättert der Sammler im Schnitt für die alten Sportgeräte hin. "Am teuersten sind die Bobs, weil sie nicht in Serie hergestellt worden sind", sagt er. Knallorange ist die angeschrammte Verkleidung eines Zweierbobs aus DDR-Produktion. "Den habe ich aus Friedrichroda geholt." Fast 180 Kilogramm wiegt das Geschoss mit der Nummer 34.
Für das erste Stück seiner Sammlung hat Wagner hingegen keinen Pfennig bezahlt. Er hat es 1989 im Sperrmüll gefunden. "Einen Rennrodel, das Unerreichbare."
Im gut geheizten Büro - beruflich leitet Wagner den Ilmenauer Kreisverband des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft - bewahrt der Sammler Fotos und Bücher auf. Vom 27. Februar 1961 ist eine "Sports Illustrated", eine englischsprachige Zeitschrift, auf die laut Adressaufkleber ein Leser im kanadischen Hammond abonniert gewesen ist. Über "50 Jahre Bobsport" berichtet eine kleine Broschüre. "Die ist genau 50 Jahre alt", sagt Wagner und lacht. "Im vergangenen Jahr haben wir 100 Jahre Bobsport gefeiert."
Die Sammlung soll "in der nächsten Saison" öffentlich ausgestellt werden. "Wir wollen die Geschichte aufarbeiten, auch die Ilmenauer." Immerhin sei die erste Europameisterschaft im Bobfahren 1935 in Ilmenau ausgetragen worden. Es sei auch die Stadt mit dem meisten Weltklasse-Rodlern. "Aktuell sicher nicht, aber geschichtlich." Nur bekannt sei dies eher wenig.
Verbunden mit der Natur
Garanten dafür, dass die Ausstellung authentisch wird, sind Vereinsmitglieder wie Hans Rinn. Der mehrfache Welt- und Europameister ist der vielleicht erfolgreichste Wintersportler aus Ilmenau. Mit dem langjährigen Techniker der deutschen Rennrodel-Nationalmannschaft, Gerhard Kirchner, hat der Verein einen weiteren Experten in seinen Reihen. "Herr Kirchner könnte zu jedem Schlitten eine Geschichte erzählen", sagt Wagner begeistert. Er selbst sei kein Experte. "Ich sammle nur."
Und er fährt. Auf der alten Ilmenauer Piste am Kickelhahn, wenn am Abend keine Spaziergänger mehr unterwegs sind. "Ist die Bahn frei, kriegt man ordentlich Geschwindigkeit drauf", sagt Wagner. "60, 70 Sachen, wenn es vereist ist." Nach einer vertraglichen Vereinbarung mit dem Forst nutzen die Kickelhahn-Rodler die Bahn, haben Bäume gefällt, Lampen aufgestellt.
Aber die Geschwindigkeit ist für den Diplom-Ingenieur Wagner nicht alles. "Es ist auch die Verbundenheit mit der Natur." Beim Rodeln habe man direkten Kontakt zum Boden, spüre jede Unebenheit der Bahn, jeden Buckel und jedes Loch. Ein paar Wochen sollte die Saison für die Kickelhahn-Rodler also noch dauern, mit Eis und Harsch und ganz viel Schnee.












