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Ressort Thüringen
Erschienen am 13.03.2010 00:00
Geschichte
Mauer als Kreditimmobilie
Lothar de Maizière und Wissenschaftler sprachen über das Ende der DDR
Von Stefan Sachs

Geisa - "Ich wusste schon alles." Diese Antwort gab Lothar de Maizière, erster

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Lothar de Maizière. Foto: sach
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frei gewählter (und zugleich letzter) Ministerpräsident der DDR auf die Frage, warum er am 12. April 1990 nach erfolgreicher Wahl eher unglücklich dreinschaute. Der Jurist war seit November 1989 Mitglied der Modrow-Regierung, kannte den maroden Zustand der DDR, die eigentlich zahlungsunfähig war.

Am Donnerstag diskutierte er mit den Potsdamer Historikern Hans Hermann Hertle und Jörg Rösler sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz (ifo Dresden) in der Gedenkstätte Point Alpha bei Geisa (Rhön) über das wirtschaftliche Ende der DDR, über Voraussetzungen, Herausforderungen und Ergebnisse auf dem Weg in die deutsche Wiedervereinigung.

Nach außen stellte die DDR ihre Wirtschaft als stabil und leistungsfähig dar. Im Politbüro, hinter verschlossenen Türen, sprach man jedoch seit den 70er-Jahren offen über die Missstände. "So wie es jetzt ist, geht es gegen den Baum. Totalschaden", hatte Politbüromitglied Günter Mittag im November 1988 eingeschätzt. Die "Analyse der ökonomischen Lage der DDR mit Schlussfolgerungen", welche Gerhard Schürer (Vorsitzender der Staatlichen Plankommission) Ende Oktober 1989 vorlegte, wies nach, dass die DDR viel mehr verbrauchte, als sie erwirtschaftete. Die Arbeitsproduktivität lag um 40 Prozent gegenüber der Bundesrepublik zurück, die stark geförderte Mikroelektronik-Industrie erwies sich als Milliardengrab, die Infrastruktur war desolat ebenso wie die Altbausubstanz, welche man hatte verrotten lassen. Um fällige Zinsen zahlen zu können, mussten neue Kredite aufgenommen werden. Der Lebensstandard der Menschen in der DDR hätte um rund 30 Prozent sinken müssen, um einen Ausweg aus der Krise bezahlen zu können - hatte Schürer damals errechnet.

Schlimmer als gedacht

Doch verwarf das Politbüro diesen Weg, weil ein Volksaufstand befürchtet wurde. In geheimen Verhandlungen mit der Bundesregierung über weitere Kredite bot Ost-Berlin die Durchlässigkeit der Mauer als Tauschmittel an. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) antwortete am 8. November 1989: Wenn die SED auf ihr Machtmonopol verzichte, freie Wahlen und unabhängige Parteien zulasse, sei er bereit, über völlig neue Dimensionen wirtschaftlicher Hilfe zu sprechen. "Der von der SED-Führung unbeabsichtigte Fall der Mauer am nächsten Tag beraubte sie um ihr Verhandlungspfand. Sie hatte ihre wichtigste Kreditimmobilie verloren", schätzte Hans Hermann Hertle ein.

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Auch wenn Wirtschaftswissenschaftler die schnelle Währungsunion - hier Warteschlangen vor der Staatsbank in Leipzig - als Fehler bezeichnen, für de Maizière gab es damals keine Alternative. Foto: dpa/Archiv
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"Die Situation war noch schlimmer als von Schürer beschrieben", erinnerte sich Lothar de Maizière an die Zeit der Regierungsübernahme. Er wusste, dass mit Einführung der D-Mark ein Drittel der ostdeutschen Betriebe sofort pleite wären, viele weitere wären nur mit großen Anstrengungen und enormem Personalabbau zu retten. Die Befürchtungen bestätigten sich wenig später.

"Um eine D-Mark zu erwirtschaften, musste die DDR-Wirtschaft 4,40 Mark aufwenden. Den Mittelstand hatte man seit 1972 ruiniert und für Exporte in die Sowjetunion bekam die DDR oft nur einen Teil des Wertes bezahlt", nannte der Ex-Regierungschef Gründe der schlechten Ausgangslage im Jahr 1990.

Trotzdem widersprach er Ragnitz und Rösler, welche die schnelle Währungsunion und den festgelegten Umtauschkurs als Fehler bezeichneten. Zudem kritisierte Ragnitz die seiner Meinung nach zu schnellen Lohnsteigerungen in Ostdeutschland Anfang der 90er-Jahre, welche Investitionen verhindert hätten. "Es gab Berechnungen der Bundesregierung, dass binnen kurzer Zeit eine Million DDR-Bürger - vor allem junge und dynamische Leute - das Land in Richtung Westen verlassen hätten, wenn die D-Mark nicht gekommen wäre", gab de Maizière zu bedenken. Ähnliche Effekte wären bei zu niedrigen Löhnen eingetreten.

Gefragt nach Thüringens Zukunft klang Ragnitz wenig optimistisch: Abwanderung, zu wenige Geburten, fehlende Fachkräfte lassen seiner Meinung nach großartige Zuwächse nicht erwarten. Zudem müssten viele Betriebe, die vor 20 Jahren gebaut wurden, inzwischen wieder modernisiert werden, dabei drohe so mancher Standortwechsel nach China. Hertle mahnte an, dass auch heute die Politik versucht sei, Dinge zu finanzieren, die nicht finanzierbar sind und daher Gefahr bestehe, dass ähnliche Verschuldungsspiralen entstehen wie damals in der DDR. Joachim Ragnitz ermutigte die Thüringer, durch Eigeninitiative wie Firmengründungen selbst aktiv zu werden, statt auf Hilfe von Land und Bund zu warten. "Die Ideen müssen stärker von der Basis kommen. Wir sollten wieder mehr versuchen, von unten nach oben zu agieren", sagte der Wirtschaftsexperte.

Lothar de Maizière erzählte von einem befreundeten Anwalt aus Prag, den er gefragt hatte, warum die Menschen in der Tschechei zufriedener seien als die Ostdeutschen. "Ihr vergleicht euch mit dem Westen, wir uns mit früher. Wir ändern uns, ihr lasst euch ändern", hatte der Prager geantwortet. Ja, und schließlich sei die Demografie ein Problem, welches die neuen Länder in ihrer Entwicklung bremst, räumte auch de Maizière ein: "Ich habe elf Enkel und bin nicht schuld daran."

 
 

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