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Ressort Thüringen
Erschienen am 09.10.2007 00:00
Linkshändigkeit
Wie es der neuen Linken besser von der Hand geht
Das Umschulen auf „das schöne Händchen“ gehört der Vergangenheit an. In Thüringen gibt es ein Geschäft mit Produkten für Linkshänder.
Von Ilse Holz
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In der Praxis für Sprach- und Stimmtherapie von Sabine Schwarz lernt der siebenjährige Hannes Scholz aus Suhl mit der linken Hand zu schreiben. Fotos: ari
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„Heute können Sie meinen Mann aber glücklich machen“, sagt eine ältere Dame zur Verkäuferin. Besagter Herr, ebenfalls im Seniorenalter, greift zielgerichtet in ein Regal zum Ziel seiner Wünsche und hält eine Gras-Sichel mit scharfer Klinge in der Hand. In der linken Hand.

So kann es zugehen, wenn Menschen das kaufen können, was ihr Herz, genauer, ihre rechtshemisphärische Hirndominanz begehrt, wie das Wissenschaftler herausgefunden haben. Mit dieser ausgeprägten rechten Gehirnhälfte, die die linke Körperhälfte reguliert, ist also auch Ludwig Korn schon geboren worden, ein Linkshänder. Er soll damit nach Expertenauffassung besonders kreativ, emotional und phantasievoll sein. „Aber erst in den letzten Jahren“, sagt er, seine Sichel schwingend, „spricht es sich langsam herum, dass unsereins keinen Geburtsfehler hat, sondern im Gegenteil. . .“ Und macht sich auf die Suche nach anderen Dingen, die ihn glücklich machen können, in dem in diesem Sommer in der Erfurter Altstadt eröffneten Ladengeschäft für Linkshänderprodukte, von den bundesweit zehn der einzige in Thüringen.

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Unblutiger Eingriff ins Gehirn

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Linkshänder Max Kunert wird von Kerstin Börner betreut, die den „mobilen Dienst“ des Regionalen Förderzentrums in Suhl betreibt.
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Die Meinungen zum Anteil der Linkshänder an der Bevölkerungszahl differieren, sie schwanken von zehn bis 25 Prozent, wahrscheinlich sind es aber viel mehr, denn die als Linkshänder Geborenen wurden lange Zeit entweder gezwungen, das angeblich „schöne Händchen“ zu benutzen oder haben sich unbewusst selbst „umgeschult“. Fest steht nur die Zahl der Mitglieder in einem Internationalen Klub der Linkshänder, es sind 28 000. Die erste deutsche Beratungsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder wurde vor 25 Jahren in München gegründet, ihre Leiterin, die Psychotherapeutin und Psychologin Johanna Barbara Sattler, ist seither ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet.

Auch Thüringer haben in Seminaren der Beratungsstelle das Wissen über dieses Thema erweitert. Sattler nennt die lange praktizierte und auch heute noch vorkommende Umstellung von Linkshändern auf den Gebrauch der rechten Hand „eine der massivsten unblutigen Eingriffe in das menschliche Gehirn“. Denn die Folgen könnten von Konzentrationsstörungen über Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten und Sprachstörungen bis zu psychischen Problemen reichen. „Man sollte eigentlich annehmen“, sagt sie, „dass in unserer aufgeklärten Zeit Versuche, ein linkshändiges Kind auf die rechte Hand umzustellen, nicht mehr unternommen werden. Das ist aber leider nicht so, und es ist sicher einer der größten Fehlschlüsse heutiger Pädagogen und Politiker, wenn sie meinen, alles sei hier in bester Ordnung.“

In der Thüringer Bildungspolitik „wissen alle Bescheid“, sagt der Sprecher des Kultusministeriums, Detlef Baer. „Das ‚schöne Händchen’ gibt es nicht mehr, kein Kind wird gezwungen, rechts zu schreiben, wenn es linkshändig ist.“ Das sollte man wohl als selbstverständlich annehmen, aber die Probleme liegen tiefer. Sabine Schwarz, die in Suhl eine Praxis für Sprach- und Stimmtherapie unterhält, hat bei der Betreuung von Patienten mit verzögerter Sprachentwicklung „über viele Jahre hindurch beobachtet, dass bei einer Vielzahl die Ursache der Probleme in umgeschulter oder zu lange nicht erkannter Linkshändigkeit liegt“.

Auch bei den jetzt heranwachsenden Kindern würden „Linkshänder oft nicht entdeckt. Das hat nichts mit Böswilligkeit zu tun, aber mit Unwissen.“ Denn angesichts der als normal geltenden Rechtsanordnung im Umfeld, angefangen vom Tischdecken, orientieren sich die Kinder oft unbewusst selbst auf „alles Rechte und entwickeln dabei sehr viel Geschick“. Die Eltern „lassen das Kind machen“, auch weil noch viel zu wenig bekannt ist, welche Tests Klarheit schaffen können oder auch nur die Beobachtung des Kindes, „in welche Hand nimmt das Kleinste einen Löffel oder die erste Tasse oder später einen Stift, ohne dass er ihm in die Hand gedrückt wird“.

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Erzieher und Lehrer sensibilisieren

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Es gibt auch bei ihr die Möglichkeit solcher Tests und Beratungsgespräche, doch werden sie relativ selten in Anspruch genommen. „Vor allem müssten Erzieher und Lehrer für das Thema sensibilisiert werden, da spielt es bisher nämlich kaum eine Rolle“, sagt Frau Schwarz, „vorwiegend in den Kindergärten fehlt es an entsprechender Ausbildung der Erzieherinnen. Aber gerade beim Vorschulkind, schon ab drei, vier Jahren, sollte sich die Händigkeit der Kleinen gewöhnlich herausstellen, man muss eben nur wissen, wie man das erkennt.“ Auch bei manchen Eltern wäre eine genauere Beschäftigung mit dem Thema wünschenswert, meint Kerstin Börner. Sie arbeitet als „mobiler Dienst“ im Regionalen Förderzentrum Suhl. In Halle hatte sie seinerzeit sonderpädagogische Rehabilitations-Pädagogik studiert, „aber das Thema Linkshändigkeit hat damals kaum Beachtung gefunden“.

Inzwischen hat sie sich in einem ausführlichen Lehrgang der Münchner Beratungsstelle soweit ausbilden lassen, dass sie nun Kindern zwischen fünf und sieben Jahren, vorwiegend also Kindergartenkinder, damit vertraut machen kann, „dass ihre linke Seite die rechte ist“. Spielerisch geht es dabei zu, beim Bauen, Basteln, Perlen auffädeln und dergleichen, denn die Feinmotorik ist, wie bei anderen auch, wichtig für das selbstbewusste Agieren. In der Vorschule wird schon mal geprobt, was berücksichtigt werden sollte: Lichteinfall von vorn und rechts, eine spezielle Schreibunterlage und vor allem die für Linkshänder geschaffenen Übungshefte. In denen ist nämlich der zu lernende Buchstabe am rechten Ende der Zeile zu sehen. Die Kinder sollen die Stiftspitze „schieben“ lernen, und das per Füller mit spezieller Spitze, auf diesen Buchstaben zu, wogegen die Rechtshänder „ziehen“.

Das sind nur einige der Feinheiten, die den „kleinen Linken“ den Weg in ein selbstbewusstes Leben ebnen. Wie unsterbliche Große, beispielsweise Universalgenie Leonardo da Vinci (er verfasste die meisten seiner Aufzeichnungen in Spiegelschrift), Michelangelo oder Albrecht Dürer ihr unsterbliches Werk mit links zustande brachten, das können wir nur ahnen.

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Viele Kunstwerke entstanden links

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Jeanne d’Arc hat ihre Fahne mit dem linken Arm in die Schlacht getragen. Und Paganini, auf Bildern mit „normaler“ Geigenhaltung zu sehen, soll seine unglaubliche „Hexerei“ auf dem Instrument womöglich dadurch bewirkt haben, dass er intuitiv mit seiner linken Hand die Saiten in höchster Vollkommenheit und Schnelligkeit zum Klingen brachte. Jimmy Hendrix übrigens tauschte die Saiten seiner Gitarre einfach um, inzwischen gibt es Gitarren, Bässe, Klarinetten bereits linkshänder-konform. Den ersten Konzertflügel für Linkshänder baute 2001 die berühmte Firma Blüthner in Leipzig. Und bei den Boxern ist es ganz kompliziert.

Normalerweise sind Boxer Linksausleger, wogegen Linkshänder Rechtsausleger sind – wie Bubi Scholz oder Henry Maske. Letzterer schreibt zwar mit der rechten Hand, aber im Ring war er weltmeisterlich, weil seine Gegner wohl doch Probleme hatten, nicht rechtsherum, sondern im Uhrzeigersinn um ihn zu kreisen, um seine linke Schlaghand nicht so oft abzubekommen. Dass auch aktuelle Politiker wie Bill Clinton, Gerhard Schröder oder Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit „links“ sind, hat sich herumgesprochen.

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Ein spezielles Gen ist verantwortlich

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Herr Korn hat das Geschäft hinter der Krämerbrücke schließlich verlassen unter weiterer Mitnahme eines Korkenziehers, Spirale linksherum, („mein linker Daumen ist nun mal tatkräftiger als der rechte“), einer Schere, bei der die Schneideblätter anders herum nebeneinander liegen, so dass der Blick des Linkshänders auf die Schnittstelle frei ist, und eines Spargelschälers für links („die nächste Spargelsaison kommt bestimmt“).

Heiko Hilscher, Geschäftsführer der seit Jahren schon als Versandhandel für Linkshänderprodukte agierenden Actives GmbH, kennt regelrechte Hochsaison-Zeiten im Verkaufsgeschehen. „Die Schuleinführung ist so eine“, sagt er, „da sind natürlich alle Schreibmaterialien, von Heften, Büchern bis zu den Schreiblernfüllern in vielen Farben, mit speziellen Griffmulden und entsprechenden Federn, am meisten begehrt.“ Von den rund 420 Produkten werden nun bald die geschenkträchtigen Angebote für den Weihnachtstisch des linkshändigen Partners oder Kindes begehrt sein, Schreibmappen zum Beispiel mit dem Papier auf der linken Seite, Fotoapparate mit Auslöser, Uhren mit Aufziehknopf links, selbst Computerbenutzer können mittlerweile eine Zahlentastatur auf der linken Seite installieren.

Hilscher hat sich unterdessen auf besondere Art dafür engagiert, das Wissen über den „Knoten im Gehirn“ (Sattler) zu verbreiten. Er betreut mehrere Gymnasialschüler mit Information und Material für ein Hausarbeitsthema besonderer Art: Linkshändigkeit. Die Schüler dürften sich dabei wohl auch auf die aktuellste Erkenntnis stützten: Im August teilten britische Forscher eine Entdeckung mit: Die Bezeichnung LRRTM1 erhielt das erste Gen, das kontrolliert, welche Hirnregion welche Aufgaben übernimmt, also auch für Links- oder Rechtshändigkeit verantwortlich ist.

 
 
 

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