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Rudolstadt – Im Studier- und Musikzimmer von Pfarrer Johannes Martin Weiss hängt eine Posaune. „Auch noch die Alte“, brummt er, die sei ganz ungeeignet als Foto-Hintergrund. Der Pfarrer sitzt lieber am Tisch, hinter ihm der Eichenschrank mit Wälzern über das Christentum, links ein Gitarrenkoffer, rechts neben dem Fenster ein Plattenspieler und Platten von Gerhard Schöne. Doch nach Musik steht Weiss derzeit nicht der Sinn. Denn Posaunenstöße hört er jeden Tag aus den Medien. Rudolstadt, wo der vollbärtige Mann Pfarrer an der Lutherkirche ist, steht in dem bösen Verdacht, fremdenfeindlich zu sein.
„Es gibt zwei Sichtweisen, mindestens“, sagt Weiss. Die Sichtweise, die er nicht teilt, ist die seines Kollegen Reiner Andreas Neuschäfer. Der 40-jährige Schulbeauftragte der Evangelischen Landeskirche für die Region Südthüringen, seine Frau und seine fünf Kinder wohnen seit vorigem Oktober nicht mehr in der Stadt mit der markanten Heidecksburg. Doch erst jetzt sind die Gründe bekannt geworden. „Wir haben den Druck nicht mehr ausgehalten“, sagt Neuschäfer. Die Familie habe sich gefragt, ob erst Blut fließen müsse.
Neuschäfers 32-jährige Frau Miriam hat eine indische Mutter. Das sieht man ihr und den fünf Kindern wegen der dunklen Haut und den tiefschwarzen Haaren an. Bekannte bezeichnen Miriam Neuschäfer als eine kluge Frau. Theologie hat sie studiert, bevor sie sich der Kinderbetreuung widmete. Sie ist Deutsche wie Jürgen Klinsmann, nur so blond ist sie eben nicht. Damit fällt man in Thüringen auf, wo es kaum Ausländer gibt und Deutsche mit dem viel erörterten Migrationshintergrund. Und das soll der Grund gewesen sein, dass die Neuschäfers nicht willkommen waren in Rudolstadt?
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Warnung vor
Verharmlosung
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Seit dieser Verdacht in der Welt ist, ist nichts mehr wie vorher. Die bündnisgrüne Vize-Präsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt, warnte von Berlin aus vor einer Verharmlosung der Vorfälle. Landesbischof Christoph Kähler sah sich zu einer Kanzelabkündigung genötigt. Er verurteilte Fremdenfeindlichkeit, warnte aber auch – mit Hinweis auf den Fall des ertrunkenen Jungen im sächsischen Sebnitz – vor pauschalen Verdächtigungen und „falschem Zeugnis“. Bürgermeister Jörg Reichl (parteilos) kommt kaum noch zum Arbeiten, so viele Interviews soll er geben. Fremdenfeindlichkeit sei sicherlich in den Köpfen mancher seiner Mitbürger, gibt er nach ersten abwiegelnden Äußerungen zu. „Aber das ist nicht mehr oder weniger als anderswo.“
Doch Familie Neuschäfer, seit dem Jahr 2000 in Thüringen zu Hause, war es zu viel. Ihre Eigentumswohnung in dem gediegenen Viertel am Fuß der Heidecksburg steht nun zum Verkauf. Am Briefkasten klebt noch der Name und handschriftlich der ein wenig oberlehrerhafte Hinweis: „Bitte keine Werbung einwerfen. Wir verzichten gerne. Danke.“
Folgt man der Sichtweise von Reiner Andreas Neuschäfer, dann war es eine Flucht. Eine Flucht vor einer „Atmosphäre des Unverständnisses“. Nicht Rechtsextreme seien allein das Problem, sondern eine weit verbreitet Angst vor Andersartigkeit, die Sehnsucht nach überschaubaren Verhältnissen, die „Neo-Ostalgie“, wie es Neuschäfer nennt.
Ihm zufolge wurde seine Frau beispielsweise mitten in der Stadt von einem jungem Mann angespuckt. Seine Kinder seien in der Schule von anderen Kindern als „Ausländerschweine“, „Asiate“ oder „Chinese“ bezeichnet worden. Sein großer Sohn habe deshalb versucht, die braune Haut mit einer Wurzelbürste abzuschrubben. Die Erzieherin im Kindergarten, so Neuschäfer, fand den Vorfall damals eher amüsant.
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Hilflosigkeit in
der Schule
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Der inzwischen achtjährigen Tochter sei von einem Mitschüler gesagt worden: „Ich weiß, warum Du braune Haut hast. – Du schmierst Dich zu Hause mit Scheiße ein.“ Die Lehrerin habe nur hilflos gefragt, was sie denn machen solle. Andere empfahlen, die Neuschäfers – auf dem Familienfoto so deutsch wie aus dem Bilderbuch – sollten sich an den Ausländerbeauftragten (!) wenden.
Und dann gab es noch jene Prügelei vor einem Jahr. Jannik, der große Sohn war beteiligt, der Junge des Bürgermeisters und noch ein paar Gleichaltrige. Die Polizei bestätigte laut Neuschäfer, der Anzeige erstattet hatte, den fremdenfeindlichen Hintergrund. Doch Bürgermeister Reichl widerspricht mit Hinweis auf die Akten der Staatsanwaltschaft. Reichl zufolge waren neun Jungs an einer „Schulhofrangelei, wie sie jeden Tag vorkommt“, beteiligt. Jannik habe bei seiner Befragung durch die Polizei verneint, dass seine Hautfarbe eine Rolle spielte.
Auch Pfarrer Weiss, lange Zeit Beauftragter seiner Kirche für Asylbewerber, hat eine andere Sicht als Neuschäfer. Unstrittig seien „alltägliche Ressentiments“. Aber Neuschäfer heuchele, wenn er behaupte, dass es sie am neuen Wohnort der Familie in Nordrhein-Westfalen nicht gebe. Die Familie selbst habe ihre Integration in Rudolstadt „nicht sehr befördert“. Manche Konflikte seien von ihr auf Fremdenfeindlichkeit geschoben worden, wo es doch einen persönlichen Hintergrund gab.
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Trotzdem gibt es mehr als seine Sicht. In einem Gottesdienst, erzählt Weiss, habe Neuschäfers Sohn Jannik („ein ausgesprochen aggressives Kind“) ein Gesangbuch auseinander genommen. Trotz Aufforderung eines Kirchenältesten sei der Vater nicht eingeschritten. Beleg einer antiautoritären Erziehung, die für Disziplin-gewöhnte Ostdeutsche ein Kulturschock ist? Neuschäfer sagt, Rudolstadts Superintendent Peter Taeger habe ihn einen „arroganten Wessi“ genannt. „Das kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen“, entgegnet Pfarrer Weiss.
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Widerstand
gegen Rechte
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Zur anderen Sicht gehört der Blick auf das Fotogeschäft, in dem Frau Neuschäfer angeblich nicht bedient wurde. Es wirbt im Internet mit Hochzeitsfotos von einem Paar, bei dem die Braut erkennbar ein asiatisches Aussehen hat. Weiss ist zudem der Hinweis wichtig auf den erfolgreichen Widerstand der Kirchgemeinde gegen eine Demonstration von Rechtsextremen im Ortsteil Volkstedt. „Da ist es kontraproduktiv, was er jetzt so treuherzig zur Sprache bringt“, sagt der Pfarrer über seinen Kollegen. In Rudolstadt sei auch das der Normalfall: Die Hilfe für Asylbewerber mit Geld, Wohnungen und Arbeitsplätzen.
Ein Indikator für die Weltoffenheit der Stadt und ihrer 25 000 Einwohner ist schließlich das Tanz- und Folkfest. Zehntausende kommen zu diesem Hochamt der Worldmusic mit Musikern aus aller Herren Länder. Am Festival-Wochenende stehe im Polizeibericht weniger als sonst, sagt Pfarrer Weiss. Das ist seine Botschaft über Rudolstadt. Eine Botschaft, die hinauszuposaunen ihm weit besser gefiele.












