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Schleusingen im Mai 2008: Der Rechtsextremismus schleicht durchs Land. Eine Stadt arbeitet an ihrer Vergangenheit, damit die Zukunft licht bleibe. Die Toten sollen wieder ein Gesicht bekommen, die Überlebenden einen Namen, die Menschen erhalten ihr Schicksal zurück – nach 70 Jahren.
Im evangelischen Gemeindezentrum hat sich das Schleusinger Bündnis gegen Rechts versammelt. Es plant für den 9. November 2008. 70 Jahre ist es dann her, dass jüdische Bürger aus Schleusingen gedemütigt, misshandelt und deportiert wurden – von Schleusingern. Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November, überzogen vorwiegend SS-Leute die jüdische Bevölkerung in Deutschland mit unsäglichem Terror. „Reichspogromnacht!“ Unter diesem Schreckenswort ging das Datum in die Geschichtsbücher ein.
Das vergilbte Foto, das Kerstin Möhring im Gemeindezentrum an die Wand wirft, zeigt einen 15-jährigen Jungen mit gewelltem Haar, hochgeschoren über den Ohren, wie das damals Mode war, ein guter Junge mit einem Herzen voller Mut. Er hieß Erich Rosengarten. In jener Nacht vor 70 Jahren stahl er sich aus dem Haus. Draußen knallten schon SS-Stiefel auf Schleusingens Straßenpflaster. Erich rannte in die Synagoge, rettete die Thora-Rolle (das Gesetzbuch der Juden) und versteckte sie vor der SS. Am nächsten Tag würde er zusammen mit seinem Bruder auf dem Weg ins Konzentrationslager sein. Erich war einer von 45 Juden, die damals in Schleusingen lebten. 45 Juden – die angeblich Schuld an allem trugen – kamen auf etwa 3500 Einwohner.
Steine flogen in Fenster und die Synagoge brannte
Die SS marschierte. Steine flogen in die Fensterscheiben der paar jüdischen Häuser. Stiefeltritte knallten gegen Türen. Die Inneneinrichtung der Synagoge stand in Flammen. Schleusinger schauten zu. Dann löschten sie die Synagoge – aus Angst um ihre angrenzenden Häuser. Auf der Straße weinten zwei Mädchen im Alter von vier und sechs Jahren. Sie schrieen nach ihrem Vater. Weil die Szene so mitleidslos war, hat sie sich eingebrannt. Alte Schleusinger erinnern sich daran. Daniel hießen die Mädchen mit Nachnamen. Familie Daniel wohnte über der Synagoge. Der Vater der Mädchen wurde in jener Nacht in die Turnhalle eingesperrt. Am nächsten Tag war er unterwegs ins Konzentrationslager, so wie alle anderen jüdischen Männer aus Schleusingen zwischen 16 und 60 Jahren.
Diesen Männern, ihren Frauen und Kindern, hat Kerstin Möhring ihre Gesichter wiedergegeben und ihre Lebensgeschichten. Seit über zehn Jahren verbringt die Lehrerin ihre Freizeit in Archiven. Sie stöbert. Sie sammelt. Alle Zeitungsbände von 1811 bis 1945 hat sie gelesen, 134 Jahrgänge. Zeitzeugen hat sie befragt und dabei in abweisende, ertappte Augen geblickt. Auch in die jenes Mannes, der in der Reichspogromnacht die SS durch die Stadt führte und zu dessen Geburtstag noch lange Jahre nach der Wende die Stadtkapelle stets ein Ständchen gab, sagt Kerstin Möhring. Für Familie Daniel spielte niemand: Sie wurde im Konzentrationslager ausgelöscht, komplett. Kerstin Möhring kennt die Toten und Überlebenden von damals oder deren Kinder. In ihrem Notizbuch stehen Telefonnummern und e-mail Adressen der Schleusinger Juden bis nach Kanada.
Stele aus Marmor mit den Namen der Opfer
Jetzt sollen alle noch einmal zurückkehren – in jene Stadt, die ihnen einmal Heimat war. Das Bündnis gegen Rechts hat sie oder ihre Nachfahren eingeladen für den 9. November, den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht. Damit sich Geschichte niemals wiederholt, soll an diesem Tag vor der ehemaligen Synagoge eine marmorne Stele enthüllt werden, die die Namen der Ermordeten und Vertriebenen trägt und deren Schicksale dokumentiert. Die Stele ist fast finanziert, der Bildhauer arbeitet umsonst. Der Besuch selbst wird 8000 Euro kosten. 2000 Euro übernimmt die Stadt, für den Rest gibt es einen Spendenaufruf an die Schleusinger Bürger. Jede Spende, sagt Thomas G. Marzian vom Bündnis, übermittelt die Botschaft eines Bürgers an die Gäste: „Ihr seid uns willkommen!“
Schleusingen im Mai 2008 plant eine thüringenweit einmalige Geste. Eine Stadt ringt darum, dass die Schatten von gestern nicht zurückkehren können. Und die Mitglieder des Bündnisses erzählen, gerade habe ein vermutlich Rechtsextremer einen Laden eröffnet – nicht weit vom Standort des künftigen Mahnmals. ully


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