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Ressort Thüringen
Erschienen am 01.10.2008 00:00
„Viele Schüler können nicht um die Ecke denken“
Bildung | Die Pädagogin Heike Link hat das Konzept für die Aktiv-Schule in Emleben geschrieben und möchte es jetzt auch in Schmalkalden umsetzen

1999 stellte die promovierte Pädagogin Heike Link mit einem kleinen Häuflein begeisterter Eltern und Lehrer die erste Thüringer Aktiv-Schule in Emleben bei Gotha auf die Beine.

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Wenn die Aktiv-Schule in Schmalkalden im kommenden Jahr ihren Betrieb aufnimmt, wird Heike Link vor Freude Luftsprünge machen. Foto: ari
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Grundlage des alternativen Bildungsangebotes ist die Pädagogik von Maria Montessori, die sich am Lernbedürfnis der Kinder orientiert und den üblichen Frontalunterricht prinzipiell ablehnt. Heike Links Konzept überzeugte das Kultusministerium und soll jetzt auf Initiative einiger Eltern auch in Schmalkalden umgesetzt werden. Die Grundschule im Ortsteil Asbach, die 2009 schließt, soll als alternative Schule weiterleben. Heike Link unterrichtet heute in Gotha an einer Berufsschule und an einem beruflichen Gymnasium Englisch.

Frau Link, Sie haben das Konzept für die Aktiv-Schule Emleben erarbeitet. Jetzt engagieren Sie sich für eine freie Schule in Schmalkalden. Warum setzen sie sich für alternative Bildungskonzepte ein?

Heike Link: Ich bin mit Leib und Seele Lehrerin und war nach der Wende ziemlich unzufrieden mit dem, was vom Schulsystem übrig geblieben ist.

Was hat sie unzufrieden gemacht?

H. Link: Ich habe zur Zeit der Wende an der Hochschule in Erfurt gearbeitet und Russisch unterrichtet, bis die Sektion zusammengebrochen ist. Irgendwie hatte ich keine Lust, wieder zurück in das normale Schulwesen zu gehen. Ich finde, dass es nicht mehr so leistungsorientiert und praxisbezogen ist und die Kinder mit viel Zeug vollgestopft werden, das sie im Leben eigentlich gar nicht mehr so brauchen.

Aber es klagen doch zunehmend mehr Eltern darüber, dass ihre Kinder unter dem Leistungsdruck leiden.

H. Link: Aus meiner Sicht ein sinnloser Leistungsdruck. Das weiß ich, seitdem ich selber wieder unterrichte. Wenn ich sehe, wie zum Beispiel im Leistungskurs Biologie in die Tiefe gegangen wird, das ist schon wissenschaftliches Arbeiten. Die Schüler werden auf einem Gebiet in die Tiefe gedrückt, während sie auf anderen Gebieten nur an der Oberfläche schürfen. Der Praxisbezug kommt aus meiner Sicht oft zu kurz. Dafür wird viel auswendig oder nur für Tests und Klassenarbeiten gelernt. Die wichtigen Fächer sind untervertreten. Wenn ich eine Frage stelle, die selbstständiges Denken oder ungewohntes Herangehen erfordert, dann stelle ich nicht selten fest, viele Schüler können gar nicht um die Ecke denken.

Woran liegt das?

H. Link: Aus meiner Sicht wird ihnen das in der Schule ausgetrieben. Sie richten sich danach, was die Lehrer hören wollen. Ich möchte, dass Schüler mehr hinterfragen, sich nicht alles vorkauen lassen und alles für richtig und gegeben hinnehmen. Was Schüler sich teilweise bieten lassen! Häufig scheinen sie mir viel zu angepasst. Sie laufen lange absolut brav im System mit. Andererseits lässt die Bereitschaft, sich anzustrengen, häufig zu wünschen übrig. Wenn ich Schülern die Möglichkeit gebe, sich mit eigenen Ideen und Beiträgen einzubringen, sind sie oft recht träge.

Ihre Kollegen werden sicher nicht gern hören, dass Schule das Um-die-Ecke-denken austreibt.

H. Link: Und auch manche Schüler nicht. Es ist nicht mein Anliegen, Schüler oder Kollegen zu verletzen oder anzugreifen. Ich kenne viele wissbegierige Schüler und engagierte Lehrer, die sich teilweise ebenso gefangen fühlen im bestehenden System, das einfach nicht jedem gerecht werden kann. Mir geht es in erster Linie darum, Wahlmöglichkeiten zu schaffen.

Worum geht es Ihnen dabei?

H. Link: Vor allem darum, dass Kinder lernen wie man lernt, dass sie mit Freude lernen, sie gern Probleme lösen, nicht so schnell aufgeben, sich richtig in eine Sache reinknien. Kinder wollen und dürfen aus eigenem Antrieb lernen, was leider auch nicht an jeder Montessorischule klappt. Sie sollen nicht abhängig werden von Lob und Tadel des Lehrers. Wenn man etwas geschafft hat, macht das jeden zufrieden und glücklich. Ich möchte nicht, dass noch mehr Generationen groß werden, die einfach nur abnicken. Ich möchte, dass sie bewusster mit unserer Welt und anderen Menschen umgehen.

Daraus könnte man folgern, viele Kinder sind unglücklich und unzufrieden mit ihrer Schule.

H. Link: Ja. Sehr viele sind damit unzufrieden, aber nur wenige äußern dies öffentlich oder sind bereit, etwas zu ändern. Das ist ja unbequem. Wenn ich gegen den Strom laufe, mache ich mir das Leben schwerer. Ich selbst habe unterschiedlich Kraft, gegen den Strom zu laufen. Man muss auch nicht immer gegen den Strom laufen, manchmal genügt es, ein wenig abzubiegen.

An welcher Stelle sind Sie abgebogen?

H. Link: Ich hatte ein Schlüsselerlebnis. Vor Jahren hat mir mein Cousin erzählt, er gibt sein Kind in Erfurt in einen Montessori-Kindergarten. Er schwärmte in höchsten Tönen davon. Seine Mutter aber regte sich furchtbar darüber auf. Ich wollte wissen, wieso die Meinungen so auseinandergehen und habe in dem Kindergarten hospitiert.

In einem Montessori-Kindergarten ist der Grundstein für die erste Thüringer Aktiv-Schule gelegt worden?

H. Link: Noch nicht, ich war mit meinen Kindern noch zu Hause. Als der Kleine zwei wurde, habe ich mich wieder nach Arbeit umgeschaut und etwas später einen zweijährigen berufsbegleitenden Montessorikurs belegt. Da habe ich begriffen, dass man Unterricht völlig anders strukturieren kann. Dass Kinder nebeneinander sitzen und ganz unterschiedliche Dinge lernen. Der eine macht Mathematik, der andere Deutsch und der nächste beschäftigt sich mit Insekten. Ich war sehr kritisch am Anfang und dachte, was für ein Irrsinn, das kann nicht gehen. Es ist aber eine ganz andere Herangehensweise. Die Kinder arbeiten still. Wie lernt man denn überhaupt? Nur, wenn man es selber tut. Nicht weil man tausendmal etwas gehört hat.

Ist das eigene Tun der Kern der Montessoripädagogik?

H. Link: Das Motto lautet, hilf mir, es selbst zu tun. Dass das Kind im Mittelpunkt der Pädagogik und des Lernprozesses steht, sagt fast jede Pädagogik. In der herkömmlichen Schule steht doch der Lehrer mehr oder weniger im Mittelpunkt. Er steht in der Regel vorne und gibt vor, was zu lernen ist!

Es müssten sich also die Lehrer ändern, nicht die Schulen.

H. Link: So einfach geht das nicht. Es geht um eine innere Haltung, die man haben muss. Man muss Vertrauen in das Kind haben. Kinder kommen auf die Welt, um zu lernen. Ein Kind, das sagt, es will nicht lernen, ist schon vollkommen verbogen. Aus meiner Sicht will jedes Kind lernen. Dafür muss man die entsprechende Umgebung schaffen. Das ist ein Schlüsselbegriff bei Montessori. Du musst alles so gestalten, dass das Kind selbst lernen kann. Der Lehrer gibt nur eine Anleitung. Dann kann das Kind mit bestimmten Materialien hantieren, kann begreifen – in dem Wort steckt greifen drin. Es gibt Material für Deutsch, Mathematik und Sachkunde, das man anfassen kann. Ich bin ein großer Verfechter dieser Freiarbeit, weil es nach wissenschaftlichen Erkenntnissen die Phase ist, in der am intensivsten gelernt wird.

Solches Material gibt es auch an vielen staatlichen Schulen.

H. Link: Das ist gut so. Weniger gut ist, wenn es nur benutzt werden darf, wenn der Lehrer das Kommando gibt.

Wie ist es in einer Montessori-Schule?

H. Link: Im Klassenzimmer stehen offene Regale, optimalerweise so, dass man die Materialien nach den Bereichen sortiert, damit die Kinder sich orientieren können. Sie können jederzeit etwas nehmen, es untersuchen, damit arbeiten. Der Lehrer zeigt, wie man damit umgeht. Es gibt eine Einführung, die der Lehrer mit jedem Kind einzeln macht.

Wenn man das auf die herkömmlich Schule überträgt, bräuchte man also mehr Lehrer.

H. Link: Nö.

Nö?

H. Link: Nö. Wenn die Kinder die Einführungsphase hatten, arbeiten sie allein weiter. Der Lehrer hat Zeit, zum nächsten Kind zu gehen. Er wird zum Beobachter, er muss schauen, wann welches Kind bereit ist, mit dem oder jenem Material zu arbeiten. Das ist schwierig! Welcher Erwachsene kann sich schon gut zurückhalten und beobachten?

Jeder Lehrer muss beobachten, dass das Klassenziel erreicht wird. Dass am Ende des Schuljahres ...

H. Link: Warum am Ende des Schuljahres? Wenn eine Schule wie die Aktiv-Schule in Gang gekommen ist, sind immer Erst-, Zweit-, Dritt-, und Viertklässler zusammen in einer Klasse. Montessori empfiehlt die Mischung von drei Jahrgängen, aber weil die Grundschule in Thüringen vier Jahre umfasst, hätte man einen Jahrgang übrig. Außerdem weiß man nicht, wie lange ein Kind braucht für den Lehrplanstoff. Der Thüringer Lehrplan ist Mindestanforderung, den muss jedes Kind schaffen. Aber ob es den in drei Jahren schafft oder in vier oder fünf, ist nicht wichtig, solange es sich wohlfühlt, nicht als Sitzenbleiber verschrien wird oder in ein neues soziales Umfeld reinfällt, wenn es eine Klasse überspringen müsste. In der Aktiv-Schule sind 20 Kinder je Klasse geplant. Man hat also man von jedem Jahrgang fünf Kinder. Verlassen am Ende des Jahres fünf Viertklässler die Klasse, kann man fünf Erstklässler aufnehmen. Der Lehrer braucht sich nur um fünf kleine Hanseln zu kümmern. Diese fallen in ein funktionierendes System.

Mit der evangelischen Schule gibt es in Schmalkalden bereits eine nichtstaatliche Schule. Jetzt entsteht die Aktiv-Schule. Das Interesse der Eltern scheint groß zu sein, die Kinder alternativen Schulformen anzuvertrauen.

H. Link: Ja. Ich bin von Schmalkaldern angesprochen worden, von Leuten, die die Grundschule in Asbach nicht aufgeben und dort ein eigenes Schulprojekt anfangen wollen. Ich sagte, ich würde das interessant finden. Daraufhin war ich auch im Stadtrat, habe das Projekt vorgestellt – und alle Fraktionen waren begeistert.

Die Stadt unterstützt das Projekt?

H. Link: Ja, sie sind alle sehr daran interessiert. So etwas ist heute auch ein Standortvorteil. Daraufhin haben wir einen Infoabend in Schmalkalden gemacht. 60 Leute saßen da, aus dem Stadtteil, aus der Stadt, aus der Umgebung. Wir waren später in vier Kindergärten und ich habe auf Elternabenden davon erzählt. Man merkt, dass die Eltern nach Alternativen suchen.

Warum tun sie das?

H. Link: Wahrscheinlich Pisa, das kennen die meisten Eltern. Viele haben erkannt, dass Bildung wichtig ist und möchten ihren Kindern einen guten Lebensweg ermöglichen.

Interview: Marco Schreiber

 
 

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