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Ilmenau – Seit dem 23. August 2007 kämpft der Ilmenauer Ralf Schrickel um seine Gesundheit – und um sein Recht. An jenem Tag bewahrt der Arbeiter mit einem beherzten Handgriff eine 180 Kilogramm schwere Glasscheibe vor dem Absturz. Dabei sei in seiner rechten Schulter eine Sehne gerissen, sagt er. Unerträgliche Schmerzen, eine Irrfahrt durch ein Dutzend Arztpraxen und bis heute dauernde Arbeitsunfähigkeit sind die Folgen. Obwohl die Sehne mittlerweile repariert worden ist, wird der 43-Jährige wohl nie wieder richtig zupacken können. Sein Mountainbike kann er nur auf ebenen Pisten nutzen. „Wenn es ruckelt, geht’s nicht“, sagt er. Ob er jemals wieder zum Angeln gehen kann, ist ungewiss. Er legt drei Fotos auf den Tisch vom Fischerurlaub in Norwegen, ein Traum, den er sich vor zwei Jahren erfüllte. „Irgendwann wird’s wieder gehen“, hofft er. Ob es auch finanziell gehen wird, ist ungewiss.
Einen Zusammenhang zwischen dem Arbeitsunfall und dem Sehnenriss will die zuständige Berufsgenossenschaft Metall Nord Süd nicht anerkennen und lehnt eine Rente ab. Die Versicherung erkennt zwar an, dass der Unfall ein Arbeitsunfall gewesen ist. Eine Verbindung zu den Schulterbeschwerden sehen deren Experten jedoch nicht.
Hauptabteilungsleiter Roland Trocher erklärt dies mit dem „Konstrukt Gelegenheitsursache“. Es sei „purer Zufall“, bei welcher Gelegenheit eine verschlissene Sehne reißt, „ob morgens bei den Kniebeugen oder später bei der Arbeit“. Sozialgesetzgebung und Gerichte stützen diese Auffassung. Die, räumt Trocher ein, „wahnsinnig schwer zu verstehen ist aus Sicht der Betroffenen, die morgens gesund zur Arbeit gehen“. Der Unfall sei oft nur noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
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Schwere Arbeit
im Betonwerk
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Bis Mitte Februar bekommt Schrickel noch Krankengeld von seiner Krankenkasse. „Danach bin ich ein Sozialfall“, sagt er. Wie es weitergehen soll, darüber will der sportliche Mann noch nicht nachdenken. Ein Leben ohne Arbeit und ohne seine Hobbys kann er sich kaum vorstellen.
Autosattler hat er gelernt, ein Beruf, den es heute nicht mehr gibt. 1991 bekommt er einen Job in einem Betonwerk in Bayern, baut 1996 ein Zweigwerk am Erfurter Kreuz mit auf. Bis zum 15. Mai 2007 schuftet er dort als Betonarbeiter. „Dann haben sie uns entlassen, weil sich das Winterprogramm bis Mai verzögert hatte.“ Die Winterpause ist in der Branche nicht ungewöhnlich. Die Arbeiter für diese Zeit zu entlassen ebenfalls nicht. Schrickel hat das 16 Jahre lang mitgemacht. „Man ist zwei bis drei Monate arbeitslos und wird dann wieder eingestellt.“ 16 Jahre hat er keine Probleme mit der Arbeitsagentur. Bis 2007. „Weil Sommer war, hat die Agentur gesagt, das Betonwerk macht sicher zu.“ Er solle nicht auf Wiedereinstellung warten, sich einen Job suchen. Andernfalls bekomme er kein Arbeitslosengeld. Verunsichert, ob das Betonwerk ihn vielleicht doch für immer an die Luft gesetzt haben könnte, klagt er auf Wiedereinstellung. „Das hätte ich vielleicht nicht machen dürfen“, sagt er rückblickend. Alle seine Kollegen seien im August wieder in Lohn und Brot gewesen.
Der Ilmenauer findet eine Stelle bei einer Zeitarbeitsfirma. „An einem Freitag habe ich die Bewerbung gefaxt, am Samstag kam der Arbeitsvertrag. Montag sollte ich anfangen.“ Er freut sich, wieder arbeiten zu können und packt die Taschen.
Die Freude währt genau vier Tage. Am 20. August hat Schrickel seinen ersten Arbeitstag auf einer Baustelle in Stuttgart, am 23. August seinen letzten. Brandschutzglas, groß wie Schaufensterscheiben und fast 200 Kilogramm schwer, muss in die dritte Etage getragen werden. Schrickel und drei Kollegen schleppen die Scheiben hinauf. Die zehnte Scheibe rutscht ihm aus der Hand. Schlussmann Schrickel greift blitzschnell mit der rechten Hand nach dem Glas und fängt es auf. Die Folge spürt er sofort: „Das Ding war nicht kaputt, mein Arm war kaputt.“
Zurück in Ilmenau geht Schrickel nach einer schlaflosen Nacht in die Notaufnahme des Ilmenauer Krankenhauses. Der Arzt stellt lediglich eine Zerrung fest und überweist den Verletzten ans Erfurter Klinikum St. Johann Nepomuk. Dort wird die Schulter im Tomographen durchleuchtet – aber „nix festgestellt“, sagt Schrickel. „Und weil sie nichts gesehen haben, haben sie gesagt, es ist Arthrose.“ Eine Gelenkerkrankung, Knorpelverschleiß, obwohl Schrickel sicher ist, dass in seiner Schulter „irgendetwas gerissen“ war.
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Sehnenanriss ist
schwer feststellbar
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Die Berufsgenossenschaft stellt erst acht Wochen später fest, dass die Arbeitsunfähigkeit ihres Versicherten nicht auf den Unfall zurückzuführen, sondern der Arthrose geschuldet sei. Deshalb ist wieder Schrickels Krankenkasse für dessen Versorgung zuständig – und deshalb kann sich der Ilmenauer einen anderen Arzt suchen. „Gottseidank“, sagt er.
Der Zella-Mehliser Orthopäde Henri Hofmann stellt schließlich den Sehnenriss fest – acht Wochen nach dem Unfall. „Es war ein ziemlich komplizierter Fall“, erinnert sich der Arzt. Bei einem 45-Jährigen habe eine Sehne „nur noch die Konsistenz von Kochkäse, sie reißt und heilt nicht mehr.“ Das könne schon bei einer Bagatelle geschehen. Weil Schrickel den Arm – wenn auch unter Schmerzen – noch immer bewegen konnte, könne die Sehne nicht komplett abgerissen sein, meint der Orthopäde.
In diesem Fall sei der Riss auch im Tomographen schwer feststellbar, sagt Bertram Hochheim, Chefarzt am Erfurter Helios-Klinikum. Grundsätzlich seien die Symptome bei Sehnenriss und Zerrung ähnlich. Wenn nur ein haarfeiner Riss entstanden sei, die Sehne nicht weit auseinander klaffe, gebe auch die Tomographie keine hundertprozentige Sicherheit. Hochheim: „Insgesamt ist ein Sehnenriss schwer feststellbar.“
Ende November 2007 wird Schrickel im Suhler SRH-Klinikum eine Sonde in die Schulter geschoben. Dabei wird eine Verengung festgestellt, durch die die Sehne eingeklemmt wird. „Ein Stück Knochen wurde abgefräst“, erzählt Schrickel. „Aber das war die falsche Behandlung.“ Der Sehnenriss sei bei dem Eingriff übersehen worden. Gegen die anhaltenden Schmerzen habe er sich mit Tabletten zugedröhnt.
Die SRH-Klinik schließt jedoch einen Fehler ihrer Ärzte aus. „Bei uns ist alles absolut korrekt gelaufen“, sagt Pressesprecher Nils Birschmann. Das stehe nach Durchsicht der OP-Akten definitiv fest. „Es ist klar protokolliert, dass die Sehne angeschaut worden ist.“ Jederzeit könne an einem kaputten Gelenk eine Sehne reißen – also auch noch nach dem Eingriff.
Der bringt dem Patienten keine Besserung. Schrickel lässt sich ans Arnstädter Marienstift überweisen. „Ich wollte, dass die mich richtig aufschneiden.“ Die Sehne, schon nicht mehr weiß und glatt sondern „gelb und zusammengeringelt“ wird in Arnstadt repariert. Sechs Wochen lang darf Schrickel den Arm nicht bewegen. Muss sich von der Freundin waschen und anziehen lassen, weil der rechte Arm auf ein Stützkissen an der Hüfte geschnallt ist.
Ein halbes Jahr ist seitdem vergangen. Noch immer muss der kräftige Mann in manchen Nächten auf der linken Seite schlafen, dicht an der Wand, damit er rechten Arm daran abstützen kann. Demnächst wird die Rentenversicherung darüber entscheiden, ob er eine Erwerbsminderungsrente bekommt. Die Rentenkasse ist dann zuständig, wenn die Berufsgenossenschaft wie in Schrickels Fall Zahlungen ablehnt. Deren Höhe richtet sich danach, wieviele Arbeitsstunden ihm noch zugemutet werden können. Das „vorhandene Leistungsvermögen“ stellen die Gutachter der Behörde fest.
Wenn Schrickel mehr als sechs Stunden arbeiten kann, bekommt er nichts, erklärt Andreas Walther von der Deutschen Rentenversicherung. Bei täglich drei bis sechs Stunden Arbeitsfähigkeit bekäme er die halbe Rente und könnte sich etwas hinzuverdienen. Sind es weniger als drei Stunden, würde er die volle Erwerbsminderungsrente bekommen, die sich wie die Altersrente berechnet.
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Gegen Zynismus der Gesetze kämpfen
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Bis endgültig feststeht, dass er teilinvalide und ein Rentenfall ist, wird Schrickel weiter zur Physiotherapie gehen, wird schwimmen und im Fitnessstudio ein Reha-Training absolvieren. „Damit es besser wird.“ Damit er wieder eine Angelreise nach Norwegen unternehmen und schenkeldicke Fische aus dem Wasser ziehen kann. Solange das nicht geht, lernt er Norwegisch in einem Volkshochschulkurs. „Da kann ich wenigsten die Sprache“, sagt er und schiebt die Fotos zusammen, die ihn in Gummihosen auf einem Hafensteg zeigen. „Die Diagnose Arthrose hat mir alles versaut“, ist Schrickel überzeugt. „Und das hat doch jeder, der hart arbeitet, das ist doch nur die Abnutzung von Knorpel.“
Diese Meinung will Schrickel vor Gericht verfechten. Mit seiner Anwältin bereitet er eine Klage vor. „Gegen die Berufsgenossenschaft, auf Anerkennung des Sehnenrisses als Arbeitsunfall.“ Er will kämpfen. Gegen den Zynismus der Gesetzgebung und um das, was er für sein gutes Recht hält.


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