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Ressort Thüringen
Erschienen am 13.05.2009 00:00
Gewalt
Die Gefahr droht von Mama und Papa
Fast alle misshandelten und vernachlässigten Kinder in Deutschland sind Opfer ihrer Eltern. So wie Christine und Matthias.
Von Iris Reichstein

Suhl/Sonneberg - Christine Munzert* wurde von ihrer Mutter

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Auch wenn die Angst ihn immer wieder übermannt, will Matthias Reinhold versuchen, ohne Therapie seine traumatischen Kindheitserinnerungen zu verarbeiten.
Bild: ari
schon misshandelt, da war sie noch nicht einmal geboren. Mehrmals hatte die Mutter während der Schwangerschaft versucht, das ungewollte Baby abzutreiben. Doch Christine überlebt und erleidet fortan schreckliche Qualen.

Sie wird von der Mutter mit Peitschen und Lederriemen malträtiert, bis sie nur noch robben kann. Sie wird nachts allein in den dunklen Keller gesperrt, die kleinen Hände mit kochendem Wasser verbrüht. Manchmal liegt das kleine Mädchen bewusstlos in ihrem Bett und wenn sie aufwacht, weiß sie nicht einmal, ob sie noch lebt. Ihr Vater, ein schwerer Alkoholiker, lässt ihre Qualen geschehen. Die Erfahrungen ihrer traumatischen Kindheit lassen die heute 40-Jährige nie mehr los.

Die größte Gefahr droht einem Kind von Mama und Papa. Fast alle der etwa 4000 Kinder, die jährlich in Deutschland misshandelt und vernachlässigt werden, sind Opfer ihrer eigenen Eltern. So steht es in der Kriminalstatistik der Polizei. Die Thüringer Kinder- und Jugendschutzdienste bestätigen dieses Bild. Ingo Weidenkaff von der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz in Erfurt sagt, 2008 hätten 1386 Kinder in Thüringen Hilfe bekommen. Das sei ein Anstieg von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. "Meist sind die Hilfesuchenden Opfer von sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung oder Gewalt", so Weidenkaff.

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Tausende erzählter Bilder

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Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen, das sich auf die so genannte Dunkelfeldanalyse spezialisiert hat, schätzt die Zahl der Kinder, die Gewalterfahrungen gemacht haben, auf 1,4 Millionen.

Aus misshandelten Kindern werden meist traumatisierte Erwachsene. Landen sie frühzeitig bei Trauma-Experten wie Gabriele Kluwe-Schleberger, haben sie eine reelle Chance, mit dem Erlebten umgehen zu können. Die Psychotherapeutin behandelt in ihrer Praxis in Rohr bei Meiningen Menschen, die Misshandlungen an Körper und Seele erlitten haben. In ihrem Kopf hat die 58-Jährige Tausende erzählter Bilder gespeichert - mühsam von kleinen und großen Menschen zusammengesetzt.

Fragt man sie beispielsweise: "Ist Kindesmisshandlung ein Unterschichten-Phänomen?", erzählt sie davon, wie ein Arzt seinen Kindern Beruhigungsmittel spritzt, um ungestört in die Oper gehen zu können. Fragt man sie: "Sind die Täter vorwiegend Männer?", erzählt sie vom Familienvater, der nun bei ihr in Therapie sitzt, weil seine Frau das gemeinsame Kind zu Tode gequält hat.

Gewalt ist kein geschlechtsspezifisches oder schichtenabhängiges Problem, sondern hängt meist mit der sozialen Verkrüppelung der Eltern zusammen.

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Hilft Traumata zu verarbeiten: Psychotherapeutin Gabriele Kluwe-Schleberger.
Bild:  

Das eigentlich Herzzerreißende an der täglichen Arbeit von Gabriele Kluwe-Schleberger aber sind all die jungen Patienten, die der Psychologin ihr Martyrium nicht erzählen wollen. Nicht immer um sich selbst, sondern um ihre Peiniger zu schützen, denen sie in einer geradezu symbiotischen Liebe verbunden sind. Christine Munzert bestätigt das. "Als beim Turnunterricht jemand die Striemen auf meinem Rücken entdeckte, drohte ich ihm: Wenn du irgendjemandem etwas sagst, dann siehst du genauso aus."

Matthias Reinhold hat sein Schweigen im vergangenen Jahr gebrochen. In Gedichten und Liedern klagt der 31-jährige Sonneberger seinen Stiefvater an, der ihn als Kind regelmäßig verprügelt hat. Seine Mutter, selbst Missbrauchsopfer, hat ihm nicht geholfen. Im Gegenteil: "Manchmal hat sie meinen Stiefvater sogar noch dazu angestachelt und ihm Lügen über mich erzählt, so dass er mich geschlagen hat."

Mütter und Väter, die so handeln, haben immer eine tief gestörte Beziehung zu ihrem Kind. Eine solche Störung tritt meist auf, wenn die Eltern ihrerseits ein misshandeltes Kind waren. "Eltern die selbst Gewalt erfahren haben, geben diese immer an ihre Kinder weiter", bestätigt Kluwe-Schleberger. Denn Gewalterfahrung ist nicht nur sozial vererbbar, es verändert sich dabei auch das Gehirn. Die Folgen: Die betroffenen Eltern verfügen in der Regel nur über wenig psychische und soziale Fähigkeiten, sie werden - wenn Hilfe ausbleibt - ihr Kind so behandeln, wie sie selbst behandelt worden sind.

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Wunden brechen wieder auf

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Die Opfer vergraben ihre schrecklichen Erfahrungen im Unterbewusstsein. Doch irgendwann brechen die verborgenen Wunden wieder auf. Bei Matthias Reinhold war das kurz vor seinem 21. Geburtstag. Als seine Freundin nach fünf Jahren mit ihm Schluss machte, brannten bei ihm die Sicherungen durch. Mit Schlaftabletten versuchte er sich das Leben zu nehmen. Seine Freunde fanden ihn. Zwei Wochen Krankenhaus folgten. Langsam erholte er sich, baute das wacklige Gerüst seines Lebens wieder auf, doch das Fundament legte er nicht. Bis heute hat er keine Therapie gemacht.

"Das bringt doch eh nichts", ist der hagere junge Mann überzeugt. Sein Blick hinter der Brille flackert unruhig. Seine schmalen Finger reiben manisch immer wieder über die Stirn, so als wollten sie die Erinnerung ausradieren. Gespräche über seine Vergangenheit machen ihn nervös. Matthias Reinhold spricht lieber über die Zukunft. Im vergangenen Jahr gründete der Sonneberger das Projekt "Stimme gegen Missbrauch", das sich für misshandelte und sexuell missbrauchte Kinder einsetzt.

"Ich möchte langfristig Aktionen veranstalten, mit denen ich die Menschen auf das Thema Kindesmisshandlung hinweise. Denn immer, wenn wieder ein Kind getötet wird, geht ein Aufschrei durch die Bevölkerung. Doch diese Anteilnahme verebbt ganz schnell. "

Im Moment ist Matthias Reinhold dabei, eine Selbsthilfegruppe für Opfer von Gewalt und Missbrauch aufzubauen. Fünf Betroffene hätten sich bei ihm schon gemeldet. "In Sonneberg gibt es genug Bedarf", ist er überzeugt. Zwölf Fälle betreuen die Mitarbeiterinnen vom Jugendschutzdienst "Allerleirauh" derzeit in Sonneberg. In Suhl sind es 26.

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Angst, etwas falsch zu machen

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Doch sind das wieder nur die offiziellen Zahlen. Viel zu oft fallen Verbrechen hinter der Wohnungstür durch das Behördenraster, weil die Eltern nach außen einen unverdächtigen Eindruck machen.

Die Traumaexpertin Gabriele Kluwe-Schleberger bemängelt: "In Deutschland gibt es immer noch keinen einheitlichen Qualitätsstandard in der Kinder- und Jugendhilfe." Ebenso wenig gebe es traumaprofessionelle Familienhilfe, die die Betroffenen begleitet, um zu verhindern, dass Gewalt eskaliert. "Die Jugendämter müssen umstrukturiert werden. Sie können nicht gleichzeitig eine Bestrafungsbehörde der Eltern und eine Einrichtung zum Schutz des Kindes sein."

Denn aus Angst, dass ihnen die Kinder weggenommen werden und um ihre Schande vor den Behörden zu verbergen, wenden sich überforderte Eltern häufig nicht an die Behörde. Und die Jugendamtsmitarbeiter haben Angst, als Schuldige gebrandmarkt zu werden, wenn etwas schief geht.

Doch wer Angst hat, an den Pranger gestellt zu werden macht neue Fehler, indem er vertuscht, Geheimwissen hortet, nicht schnell genug eingreift. Das trifft bisweilen auch auf die Ärzte zu. Deshalb soll die Schweigepflicht nun gelockert werden. "Das Wohl des Kindes steht über der Schweigepflicht", bläut Dr. Carsten Wurst, Chefarzt des sozialpädiatrischen Zentrums am Zentralklinikum Suhl und Vorsitzender des Arbeitskreises "Gewalt gegen Kinder", seinen Kollegen immer wieder ein. "Der Arzt muss das Problem nicht alleine lösen, aber er muss weitere Schritte einleiten."

Fälle wie die von Christine Munzert oder Matthias Reinhold sind extrem - in der Praxis von Dr. Carsten Wurst im Suhler Zentralklinikum aber auch extrem selten. "Wir haben vielleicht ein, zwei wirklich schwere Misshandlungen im Jahr." Der Mediziner registriert vielmehr eine wachsende Zahl verwahrloster und in ihrer Entwicklung zurückgebliebener Kinder. 160 Fälle von Vernachlässigung meldet das Thüringer Landesamt für Statistik 2007, in 346 weiteren Fällen waren die Eltern überfordert.

Zurück bleiben Kinder, die zwar äußerlich unversehrt, aber ohne Halt, ohne Orientierung und ohne Werte sich selbst überlassen bleiben - und die selbst Kinder haben werden.

*Name von der Redaktion geändert

 
 

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