Floh-Seligenthal - Leuchttürme werden gebraucht, wenn es
Modellschule sagt das Thüringer Kultusministerium dazu, das vor anderthalb Jahren ein neues Ziel festgelegt hat. Die Quote der Schüler an den 94 Thüringer Förderschulen soll nahezu halbiert werden, die Kinder mit ihren Altersgenossen die Grund- und Regelschulen besuchen.
Über Jahre war die Zahl der Schüler rasant gestiegen, bis im November 2007 der damalige Thüringer Bildungsminister Jens Goebel (CDU) schließlich feststellen musste: Im Ländervergleich ist die Quote der Kinder an Förderschulen mit 8,4 Prozent fast doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt.
Damit rechne sich Thüringen bei den Pisa-Tests schön, weil mehr leistungsschwächere Schüler aussortiert werden als anderswo, schimpfen die Kritiker der Förderschulpolitik. An Förderschulen finden keine Pisa-Tests statt.
Außerdem widerspreche die Selektion dem Gedanken der Integration - Deutschland hat 2008 die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet. Damit verpflichtete man sich, behinderten Menschen einen gleichberechtigten Zugang zu einem integrativen Unterricht zu ermöglichen - das krasse Gegenteil des Thüringer Trends.
"Behutsames Umsteuern" der Bildungspolitik kündigte Goebel damals an. Der gemeinsame Unterricht aller Kinder solle die Regel und von allen Schulen praktiziert werden.
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Im führerlosen Boot
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Viele haben heute den Eindruck, seitdem im führerlosen Boot zu sitzen. Allein gelassen mit der Order, möglichst rasch am Ziel zu sein. "Auf Teufel komm raus müssen wir von der hohen Förderschulquote runter", sagt etwa Petra Rechenbach von der Gewerkschaft Bildung, Erziehung, Wissenschaft (GEW). Teils ohne Vorbereitung und Absprache seien Kinder aus den Förderschulen genommen und mit ihren Lehrern an normale Grundschulen versetzt worden. "Auch wegen unserer Proteste ist jetzt das Kultusministerium zurückgerudert, man gibt sich mehr Zeit", sagt Rechenbach. Von 15 bis 20 Jahren habe der Bildungsstaatssekretär jüngst gesprochen.
Offiziell kennt das Kultusministerium weder Zielmarke noch Zielzeit. "Es wird keine bestimmte Quote für die Förderschulen angepeilt", sagt Ministeriumssprecher Detlef Baer. "Der Prozess soll nicht mit der Brechstange erzwungen werden." Langsam werde er sich gestalten, die Quote sich von selbst einpegeln. Bei 7,1 Prozent sei man jetzt angelangt.
Unter Pädagogen wird dennoch von einer Zielmarke von 4,5 Prozent gesprochen. Dann müssten sie statt heute 2400 mehr als 7000 förderbedürftige Schüler mit unterrichten.
Am Schmalkalder Förderzentrum (FÖZ) sind die Schülerzahlen bereits drastisch gesunken. Unter einem Dach werden hier in zwei Förderschulen Kinder mit Körper-, Sinnes- und Lernbehinderung unterrichtet sowie solche mit geistigen Defiziten. Kinder also, die noch vor 20 Jahren als nicht bildungsfähig aussortiert und in psychiatrischen Einrichtungen aufbewahrt wurden. Möglichst viele dieser Förderschulkinder sollen in Zukunft die "normalen" Grund- und Regelschulen besuchen.
Als Jens Baumgärtel vor acht Jahren als FÖZ-Leiter nach Schmalkalden kam, wurden 360 Schüler aus dem Schulamtsbezirk Schmalkalden-Meiningen unterrichtet. "Jetzt sind es noch 180 und für so viele wurde das FÖZ vor zwölf Jahren auch gebaut", sagt der drahtige Mittvierziger.
Dass die Schülerzahlen über Jahre geradezu explodiert seien, liege auch an einer gewissen Bequemlichkeit, sagt Baumgärtel. Es seien Kinder in seiner Einrichtung aufgetaucht, "die hier nicht hergehören". Verhaltensauffällige, die von entnervten Grund- und Regelschullehrern abgeschoben worden sein könnten. Lese-Rechtschreib-Schwache, denen man auch ohne Schulwechsel hätte helfen können. Baumgärtel sagt, ein Gutachter könne theoretisch an jedem Kind etwas finden, wenn er das wolle. "Förderbedarf ist keine feste Größe, sondern sehr subjektiv."
Es könnte also sein, dass in Thüringen vielen Kindern Förderbedarf nur deswegen attestiert worden ist, weil es hier überdurchschnittlich viele Förderschulen gibt, deren Klassen es zu füllen gilt. Und weil die dort beschäftigten Sonderpädagogen selbst die auffälligen Schüler begutachten und ermitteln, ob ein Schulwechsel notwendig ist. Diesen Schluss legt Ministeriumssprecher Baer nahe, wenn er sagt: "Die Gutachten werden vom sonderpädagogischen Dienst erstellt, der nur aus Förderschullehrern besteht."
Christina Völker, Leiterin der Leuchtturmschule in Floh-Seligenthal, wollte schon 2006 zwei Kinder nicht aussortieren, Jakob und Joseph. Zwillinge, in ihrer Entwicklung den anderen Schulanfängern etwa drei Jahre hinterher. "Die beiden konnten im Prinzip nicht sprechen, haben nur unverständlich miteinander gemurmelt", sagt die zupackende Endfünfzigerin.
Obwohl sie vom Kollegium fast gesteinigt worden sei, wie sie lachend erzählt, habe sie die beiden aufgenommen. Und alles angekurbelt, was an Unterstützung notwendig wurde. Logopäden und Ergotherapeuten kamen in die Schule und stundenweise der mobile soziale Dienst (MSD) vom Schmalkalder Förderzentrum.
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Experimentierfreude
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Möglich wurde die Aufnahme der Zwillinge aus Völkers Sicht nur, weil sich ihre Schule schon vorher auf den Weg gemacht und die Schuleingangsphase (SEP) samt offenem Unterricht geschaffen hatte. Die ersten beiden Schulklassen werden in Floh-Seligenthal nicht mehr getrennt, sondern in Stamm- und Lerngruppen unterrichtet.
Die experimentierfreudige Schulleiterin bediente sich bei vielen Reformpädagogen, probierte aus, was ihren Kindern den größten Lernerfolg bringt. Frontalunterricht für alle wird mit freiem Unterricht kombiniert, bei dem Lehrer erst beobachten und dann Hilfestellung geben. Die Zwillinge blieben drei Jahre in der SEP - diese Möglichkeit hatte der Gesetzgeber schon 2003 geschaffen.
2007, kurz nach Minister Goebels Rede, kam die Sonderpädagogin Gabi Kallenbach für zehn Wochenstunden nach Floh-Seligenthal. Sie teilt ihre Zeit zwischen dem Schmalkalder Förderzentrum und der Grundschule. Sie betreut die Schuleingangsphase und nimmt an den Beratungen des Kollegiums teil. "Die Kollegen dort lassen sich auf den gemeinsamen Unterricht ein", sagt sie. Das heißt, sie folgen den Ratschlägen der Sonderpädagogin, welches Kind zusätzlichen Förderbedarf hat und wie der umzusetzen ist. "An anderen Schulen ist das nicht der Fall", sagt Kallenbach.
Die Lehrergewerkschaft hat dafür Beispiele gesammelt. Da sitze der Sonderpädagoge zweimal wöchentlich im normalen Unterricht neben seinem Schützling und führe die Hand bei einer Schreibübung. Als "Flüsterpädagogen" sehen sich diese Lehrer. Sie berichten frustriert davon, an vielen Grundschulen oft nur geduldet und selten wirklich mit ihrer Expertise integriert zu sein.
FÖZ-Leiter Baumgärtel erklärt den aktuellen Zustand anhand einer Grafik. In der Mitte das Förderzentrum, rundherum die Grundschulen des Altkreises. Die Sonderpädagogen sind weiter am FÖZ angestellt und gehen stundenweise in die verschiedenen Schulen. "Böse gesagt eine Pfusch-Situation über Jahre", sagt Baumgärtel. "Die Lehrer sind nicht mehr richtig hier, aber auch nicht richtig dort." Ideal wäre, alle Förderzentren im Land zu schließen und jeder Schule feste Sonderpädagogen zuzuweisen. "Aber das wagt man nicht."
Deswegen baut er sein Förder- zum Beratungs- und Kompetenzzentrum um. Seine Lehrer unterstützen als Teilzeit-Berater Grund- und Regelschulen, die plötzlich mit behinderten Kindern umgehen müssen. Sie helfen Pädagogen, die kaum Erfahrung haben mit offenem Unterricht und individuellen Förderplänen.
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System reformieren
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Wenn man den gemeinsamen Unterricht wirklich wolle, müsste das bestehende viergliedrige System aus Förder-, Grund-, Regelschulen und Gymnasien grundlegend reformiert, wenn nicht abgeschafft werden. Sagen die Praktiker, die vor Ort den neuen Kurs verfolgen. "Weil man das nicht will, läuft einiges halbherzig", sagt Förderschulleiter Jens Baumgärtel bedauernd.
Schulleiterin Christina Völker bleibt optimistisch. Man müsse selbst aktiv werden und die "vielen Unterstützungssysteme" des Landes nutzen. Man könnte sagen, sie hat in Floh-Seligenthal ein Leuchtfeuer angezündet. Seit 2007 beteiligt sich die Grundschule am Projekt "Eigenverantwortliche Schule". Freiwillig tut das nicht einmal die Hälfte der 888 Thüringer Schulen. Und von den 441 staatlichen Grundschulen nehmen erst 76 an der begleiteten Schuleingangsphase teil, die Grundlage für den gemeinsamen Unterricht sein soll - ein knappes Fünftel also.


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