Jena - Die neuen Qualitätsnoten für Pflegeheime werden nach Ansicht des Wissenschaftlers Stephan Dorschner dem Anspruch nach mehr Orientierung für Pflegebedürftige und deren Angehörige nicht gerecht. Die Bewertungskriterien seien oft unverständlich für Laien formuliert, die Noten für sie nur schwer einzuordnen, kritisiert der Pflegeprofessor von der Fachhochschule Jena.
«Heime können schlechte Bewertungen im Kerngeschäft Pflege mit guten in der Hauswirtschaft ausgleichen, so dass am Ende doch eine gute oder sehr gute Durchschnittsnote steht», erklärte Dorschner. «Das ist irreführend.»
In Thüringen können seit dieser Woche die ersten Qualitätsberichte für Pflegeheime im Internet nachgelesen werden. Nach der im Juli vorigen Jahres in Kraft getretenen Pflegereform müssen alle Heime oder ambulanten Dienste jährlich unangemeldet vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung überprüft und benotet werden. In Thüringen wurden bislang 132 stationäre Einrichtungen kontrolliert, die überwiegend gute und sehr gute Gesamtnoten erhielten. Nur rund 18 Prozent der überprüften Heime schnitten mit Gesamtnoten zwischen drei und fünf ab.
Es stelle sich grundsätzlich die Frage, ob ein solch komplexes System wie Pflege mit Schulnoten bewertet werden könne, sagte Dorschner. Ein Problem sei deren Interpretation. «Pflege und medizinische Versorgung haben ein höheres Gewicht als andere Aspekte, das müsste sich auch in der Bewertung widerspiegeln. Das ist aber nicht der Fall.»
Bewertet werden 82 Einzelkriterien, die zu Durchschnittsnoten zusammengefasst werden. Aus den schon im Internet veröffentlichten Qualitätsberichten geht hervor, dass Heime trotz teils gravierend schlechter Einzelnoten bei wichtigen Kriterien wie Prophylaxe gegen Wundliegen, Maßnahmen gegen Inkontinenz und Medikamenten- oder Flüssigkeitsversorgung gute oder sehr gute Gesamtnoten für die Pflege erhielten. Dorschner: «In der Schule wäre man mit einer fünf durchgefallen.»
Der Experte bezweifelt zudem, dass schlechte Bewertungen Konsequenzen für die Heime haben. «Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen können ja meist gar nicht auf bessere Heime ausweichen, weil es zu wenige Heimplätze gibt», sagte er mit Blick auf die teils langen Wartezeiten auf Heimplätze. In Thüringen sind mehr als 72.000 Menschen pflegebedürftig, von denen mehr als 20.000 in Heimen leben. (dpa)










