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Erschienen am 06.06.2007 11:13
Von der harten Aschenbahn in Schmalkalden über den Haderholzgrund in Seligenthal bis in die absolute Weltspitze
Ein Schnellzünder in der Langlauf-Loipe
VON THOMAS SPRAFKE „Die Entwicklung, die Sven genommen hat, ist beispielhaft für jedes Kind. Er ist durch den Sport zu einer absoluten Persönlichkeit gereift.“ Diese beiden Sätze seines ersten Trainers Lothar Scheuermann sind Sven Fischer garantiert mehr wert als irgendeine seiner fünf olympischen Medaillen.

SCHMALKALDEN – 16. April 1971. Das Datum hat Lothar Scheuermann sofort parat. Es ist der Geburtstag von Sven Fischer. „Ich habe unendlich viele Startkarten geschrieben, und da prägt sich so etwas eben ein“, sagt der ehemalige Übungsleiter, den es Ende der 70-er Jahre aus Schwerin zum Studium nach Schmalkalden verschlug. Heute leitet er dort ein kleines Labor, in dem Isolieröle analysiert werden.

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Sven Fischer als kleiner Junge: Pechschwarz sind die Haare noch heute, nur nicht mehr so üppig. FOTO: privat
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Bei Lothar Scheuermann und später Fritz Günzel lernte Sven Fischer aber nicht die verschiedenen Ski-Techniken sondern das Lauf-ABC. Denn in der Sektion Leichtathletik der BSG „Werkzeugkombinat“ Schmalkalden, eine der besten Lauf-, Wurf- und Sprung-Adressen im Bezirk Suhl, nahm vor fast 30 Jahren die Karriere des Biathleten ihren Anfang. In der Halle der Hermann-Danz-Schule oder auf der Laufbahn im Ernst-Thälmann-Stadion verbrachte Sven in jungen Jahren den Großteil seiner Freizeit. „Er gehörte zwar immer zu den Jüngsten und Kleinsten, aber seine Oberschenkel waren schon damals sehr kräftig“, so Lothar Scheuermann, „und er hatte einen wahnsinnigen Kniehub“. Just an dieser Stelle springt der ehemalige Hürdenläufer auf und führt zur Demonstration einen für Sven typischen Kniehebelauf in seinem Büro vor: „Das war so eine Art Schneeschieberschritt.“ Folglich feierte der Fischer-Sprössling seine ersten Erfolge mit der 4x50-Meter-Staffel. „Er war als Startläufer eine Bank“, erinnert sich Lothar Scheuermann. Und auch die anderen Mitstreiter hat er postwendend im Kopf: Frank Weisheit, Michael Roob, Andreas Tschida beziehungsweise Jens Lehmann.

Bis auf Bezirksebene sei die Paradegruppe unschlagbar gewesen, blickt Lothar Scheuermann mit einer kleinen Portion Stolz zurück. Zur Belohnung für die guten Resultate auf der Aschenbahn „sind wir jeden Herbst einen Saufen gegangen“, wie der seinerzeit junge Trainer, den die Kinder sogar duzen durften, zu seinen Schützlingen zu sagen pflegte. In der Jägerklause gab es natürlich keinen Alkohol, sondern rote, grüne oder gelbe Brause und Bockwurst.

Ein schlechtes Gewissen plagte einst den Übungsleiter, als Sven beim Laufen über umgekippte Hürden an einem Metallstift hängen blieb und sich eine tiefe Fleischwunde zuzog. „Ich war damals 21 Jahre und hatte richtig Schiss vor seinen Eltern“, weiß Lothar Scheuermann noch heute. Doch die Bedenken erwiesen sich als völlig überflüssig. Helga und Willi Fischer, beide selbst beim SC Turbine Erfurt früher erfolgreiche Leistungssportler im Weitsprung (Bestleistung 6,20 Meter) und auf dem Rennrad, reagierten gelassen, ja besänftigend. Wie überhaupt, so Lothar Scheuermann, die Eltern maßgebend für Svens Entwicklung gewesen wären: „Sie haben ihn nie gedrängt oder gehetzt.“

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Im Doppelstockschub um den Beerberg

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Auch nicht, als die Sprintleistungen in der vierten Klasse stagnierten und Sven auf die Mittelstrecke umsattelte. Die Umstellung war rasch von Erfolg gekrönt, denn er erkämpfte sich die Kreismeistertitel über 800 Meter und im Crosslauf. Wenig später musste Sven bei einem anderen Rennen aber nach einer Runde aufgeben. Er hatte sich völlig übernommen und konnte einfach nicht mehr. „Er war eigentlich schon damals ein Vorbild für alle: Gewissenhaft, ehrgeizig, aber stets zurückhaltend, leise und sehr pflegeleicht“, lobt Lothar Scheuermann seinen Musterschüler erneut.

Im Herbst des Jahres 1982, Sven war 11 Jahre alt, verloren sich Trainer und Athlet jedoch aus den Augen. Als Lothar Scheuermann von Svens Absicht erfuhr, er wolle zum Skilanglauf wechseln, habe er sich „zu Tode erschrocken“. Und heute wundere er sich noch mehr, „dass so ein schnellkräftiger Typ in einer Ausdauersportart wie Biathlon Weltspitze ist.“ Bei der BSG Stahl Seligenthal in der Gruppe von Stefan Luck heuerte Sven überraschend an – allerdings mit einigen Vorbehalten. „Schmalkalden galt immer als schneefreie Zone und außerdem waren 8-Jährige aus den traditionellen Skiorten der Region in der Technik weiter als er“, bestätigt der Onkel von Frank Luck die leichten Zweifel.

Doch die waren rasch zerstreut. Sven kompensierte die Nachteile anfangs mit Kraft und unbändigem Willen. „Einmal hat er sich mit völlig verwachsten Brettern rund um den Beerberg geschoben“, weiß der Langlauf-Trainer zu berichten. Zudem lernte Sven auf den Strecken am Nesselhof und im Haderholzgrund sehr schnell Diagonalschritt, Doppelstockschub und Schneepflug. Stefan Luck: „Er war ein absolutes Naturtalent.“ Seinen ersten Wettkampf auf Skiern bestritt Sven in Pappenheim noch mit Seilzugbindung bei der Kreisspartakiade für Kinder, die nicht im Trainingszentrum (TZ) zusätzlich geformt wurden. Ein Rennen zweiter Klasse sozusagen.

Die Fortschritte auf den schmalen Latten gestalteten sich binnen eines Winters so rasant, dass Sven bereits im Sommer den Ansprüchen der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Oberhof genügte. Allerdings kam der Schnellzünder nicht in die Langlauf-Klasse, sondern in die der Biathleten. 1989 feierte er als DDR-Juniorenmeister seinen bis dahin wichtigsten Sieg. Im gleichen Jahr wurde jedoch im rechten Knie ein schwerer Knorpelschaden diagnostiziert und nach einer Operation schien die Laufbahn beendet. Außer Schwimmen verordneten die Ärzte ein Jahr lang striktes Trainingsverbot. Und seinen kompletten Skibestand hatte er im Klub abgeben müssen.

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Frank Ullrichs Überzeugungskraft

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„Für mich war Biathlon eigentlich kein Thema mehr“, erklärte Sven Fischer während der WM 1993 in Borowetz, als er zum ersten Mal Weltmeister wurde. Dass er nach dem mühevollen Wiedereinstieg drei Jahre zuvor überhaupt noch eine Chance erhielt, war allein Frank Ullrich zu verdanken. Mit seiner ureigenen Überzeugungskraft und etwas Sturheit wischte der heutige Bundestrainer die massiven Einwände der Funktionäre vom Tisch. Das entgegengebrachte Vertrauen hat Sven Fischer schon hundertfach zurückgezahlt. Und Lothar Scheuermann stellt abschließend fest: „Ich habe auch Hochachtung vor Sven, weil er nie vergessen hat, wo er herkommt.“

Genau aus dieser ureigenen Bodenständigkeit und den Erfolgen resultiert die Beliebtheit und Popularität aller Südthüringer Wintersport-Asse, denen wir nun für die Winterspiele in Turin fest die Daumen drücken.

 
 

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