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Erschienen am 06.03.2006 13:15
OLYMPIASIEGER SVEN FISCHER
„Und mein Kerngeschäft ist Biathlon“
Auf dem Höhepunkt der Karriere: Ein Gespräch unmittelbar vor der ersten Trainingseinheit nach den großen Tagen von Turin
OBERHOF – Ein zweifacher Biathlon-Olympiasieger ist im Stress: „Ich hab’ seit dem Massenstart vom Samstag nicht eine Minute trainieren können. Ist das nicht krass?“ Nun ist es Donnerstag früh und endlich kann Sven Fischer wieder auf seine Skier steigen. Der Weltcup in Pokljuka ruft, auch die Weltcup-Gesamtwertung. Und wenn die Form von Olympia her nun einmal so gut ist, will man ja auch nichts verschenken!

Aber die Termine für Empfänge und Feierlichkeiten überschlagen sich. Zum Glück blieb dem Schmalkaldener wenigstens der ZDF-Auftritt in der Kerner-Show vom Donnerstag erspart, bei dem sich Kollege Michael Greis und Kati Wilhelm von einer „Hand-Analystin“ die Lebens-, Kopf- und Herzlinien ihrer Handteller erklären lassen mussten. Vielleicht eignet sich einer, der alles ohne Handschuhe macht, dafür ja sowieso nicht so gut ... Für seine Heimatzeitung jedoch, da nahm sich der 34-jährige Top-Biathlet noch einmal Zeit. Ein Gespräch vor der ersten „Einheit“ nach Turin.

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Die Krönung einer großen Biathlon-Karriere: Sven Fischer wird in Turin Olympiasieger im 10-km-Sprint und mit der Staffel. FOTO: dpa
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Bevor wir über Biathlon reden: Was sagt denn der Hobbyfußballer Sven Fischer zum Auftritt der deutschen Nationalmannschaft in Italien?

S. Fischer: Gar nichts – weil ich nichts davon sehen konnte. Wir hatten eine Welcome-Party bei einem unserer wichtigen Sponsoren. Der agiert europaweit und es waren viele Top-Athleten da: Raphael, Poiree, die italienische Langlauf-Staffel, die Slowaken ... Eigentlich eine sehr schöne Sache – aber eben wieder mit viel Fahrstress verbunden.

Ist diese „Empfangs-Kultur“, die sich jetzt nach den Spielen entfaltet, überhaupt noch zu verkraften?

S. Fischer: Es ist nachvollziehbar, denn wir kommen ja nicht jedes Mal so erfolgreich von Olympischen Spielen zurück. Aber wenn am Ende nicht mal die eigene Familie zu ihrem Recht kommt, wird es auch grenzwertig.

Zumal für den ausgesprochenen Familienmenschen Sven Fischer.

S. Fischer: Ich hab’ beim Oberhofer Empfang gesagt: Das letzte, was an das ich mich in meiner Wohnung erinnern kann, ist der Christbaum. Das war nicht nur so ein Satz für die Show, das stimmte wirklich. So lange ich Leistungssport mache, war ich noch nie sieben Wochen hintereinander weg. Und alles, damit sich der Körper an die Höhe anpasste, in der die olympischen Rennen stattfanden. Man fühlt sich wie ein Zigeuner und vermisst jegliche Geborgenheit. Als dann nach Antholz auch noch der fest eingeplante Besuch von Doreen und der Kleinen nicht geklappt hat, bin ich richtig in ein mentales Loch gefallen.

Und wann haben Sie erstmals richtig realisiert, was Sie in San Sicario eigentlich vollbracht haben?

S. Fischer: Auch erst an den paar Abenden, die ich bisher zu Hause war. Wenn die Kleine ins Bett gebracht ist und man kommt zur Ruhe, erzählt und begreift langsam, wie großartig sich alles vollendet hat. Es gab ja Phasen in der Vorbereitung, da wusste ich nicht mal, ob ich es überhaupt bis nach Turin schaffe.

Das war, als im Herbst die Daumenverletzung dazwischen funkte.

S. Fischer: Genau. Das Problem war ja nicht die Verletzung selbst, sondern die Ungewissheit, ob ich mit der Hand überhaupt wieder richtig würde trainieren können. Dann wird man unsicher, belastet vor lauter Vorsicht den anderen Arm zu sehr, kriegt davon wieder Rückenschmerzen. Ein richtiger Domino-Effekt. Ich habe mir dann sogar von Thomas Oelsner, unserem Einstock-Läufer, der jetzt auch zu den Paralympics fährt, Tipps geholt, wie ich mit dieser Situation umgehen sollte. Das ganze hat sich bis in den November hinein gezogen.

Wenn Sie die vier Jahre von den „silbernen“ Spielen von Salt Lake City zu den „goldenen“ Spielen von Turin rekapitulieren – was mag diesen letzten, entscheidenden Kick hin zum zweimaligen totalen Triumph bewirkt haben?

S. Fischer: Als ich bei der Abschlussfeier von Salt Lake City das Zeichen von Turin gesehen habe, dachte ich mir zuerst: Na, ob Du da nochmal hin kommst? Immerhin, das waren schon meine dritten Olympischen Spiele gewesen, das ist viel für einen Athleten! Aber es war dort in Amerika eben eine Top-Stimmung und das nochmal zu erleben war eine Herausforderung. Ich wusste aber: Wenn ich nochmal einen Zyklus mitmache, muss ich jetzt was Neues probieren. Ich habe dann nach 2002 das gleiche trainiert, bin aber runter von der Intensität in den harten Einheiten. Und das ging schief: Im Winter 2002/03 ging’s im Laufen nicht mehr so wie früher, in der Ausdauer nicht und auch nicht bei hohen Geschwindigkeiten. Vor der Oberhofer WM haben wir dann wieder das alte Trainingsprogramm gefahren.

Offensichtlich mit Erfolg, angesichts Ihres großen Staffel-Rennens dort.

S. Fischer: Ja, aber ich hatte auch damals in Oberhof noch nicht die absolute Stabilität. Erst danach war ich wieder voll auf der Höhe. Im Nachhinein zeigt sich, dass auch das eine „Zwischenjahr“ wichtig war: Der Körper hat es gebraucht, um neue Reize im Training zu bekommen, und der Geist hat es gebraucht, um zu begreifen, welcher Weg zum Erfolg nötig ist. Die Familie hat dazu beigetragen und ich selbst bin auch konsequenter und härter geworden gegenüber anderen und sage öfter „Nein!“ Drei Sätze dazu. Einer von mir: „Die Minute hat nur 60 Sekunden und ich kann keine 62 draus machen!“ Einer von meiner Mutter: „Junge, verzettel Dich nicht!“ Und einer von meinem Arbeitgeber und Sponsor, ein Logistik-Unternehmen in Apfelstädt bei Arnstadt: „Wir müssen uns auf das Kerngeschäft konzentrieren!“ Und mein Kerngeschäft ist Biathlon.

In diesem Zusammenhang: Wenn man als Athlet selbst so viel Erfahrung gesammelt hat – macht man da noch bedingungslos alles mit, was der Trainer anordnet?

S. Fischer: Na, bisher bin ich mich mit Frank Ullrich immer einig geworden. Ich wüsste nicht, das mal irgendwas in unseren Absprachen nicht geklappt hätte. Oder doch? Ja, einmal, da habe ich mal auf den Tisch gehauen. Ich glaube, der Uller nimmt mir das nicht übel, wenn ich es hier erzähle: In einem Sommer-Trainingslager in Bad Griesbach bei Passau gehörte auch Golfen zum Programm. Und da hatte ich das Gefühl, diese Freizeitbeschäftigung Golf überwiegt und beeinträchtigt unser eigentliches Training. Vielleicht lag das auch daran, dass ich selbst mit Golf nicht so sehr viel anfangen kann. Anders als zum Beispiel der Ricco Groß, der beim Golfen total relaxt.

Was hätten Sie denn gern als Beschäftigung zum totalen Relaxen?

S. Fischer: Ich würde lieber gern Segelfliegen lernen.

Und wie ging der „Golf-Streit“ aus?

S. Fischer: Frank Ullrich hat mir erklärt, warum in einem Sommer-Trainingslager auch mal so eine Trainingsbeschäftigung wichtig ist – und mir trotzdem erlaubt, andere Trainingseinheiten zu machen, obwohl ich für die Golfturniere eingeplant war.

Die Spiele begannen für Sie mit einem 17. Platz im 20-km-Einzel gar nicht gut. Hatte Sie das sehr belastet?

S. Fischer: Nicht so sehr, weil beim Biathlon durch das Schießen vieles relativiert wird. Beim Langlauf wäre das anders. Wenn man da schon im ersten Rennen merkt, dass die Form nicht stimmt, lässt sich auch später nur noch wenig korrigieren.

Ihren „goldenen“ Sprint haben Sie dann selbst als Rennen bezeichnet, „so ideal, wie ich es mir immer vorgestellt und manchmal erträumt habe.“ Können sie das näher erklären? Spürt man so was vorher?

S. Fischer: Vorher mit Sicherheit nicht. Ich hatte mich vorbereitet wie immer. Es gab mal einen Athleten – den Namen lass ich weg –, der hat gesagt: „Ich bin wach geworden und wusste: Heute werde ich gewinnen!“ Das ist Quatsch. Nein, so ein gutes Gefühl baut sich langsam auf: Die Bedingungen sind optimal für mich als schwerer Athlet – also es ist kalt und trocken, anders etwas als beim Massenstart –, der Ski geht gut, das Laufen geht gut auf der ersten Runde – das ist der erste Schub. Dann bringst Du liegend alles ins Ziel, mit guter Schießzeit und ohne Windproblem: Wieder ein Schub! Jetzt musst Du aufpassen, dass Du nicht zu viel Gas gibst; aber stehend klappt auch alles, mit guter Zeit – und dann knallst Du auf die letzte Runde, kriegst Superzeiten zugerufen und holst noch mal alles raus. So entwickelt sich ein ideales Rennen! Tja, und dann muss natürlich noch das Glück als I-Tüpfelchen dazu kommen: Der Frode Andresen war vier Sekunden schneller als ich. Wenn er auch null schießt, hat er das Gold!

Mit dem Einzel-Olympiasieg haben Sie nun den Gipfel Ihrer Karriere erklommen. Welche Zukunftspläne hat der Sprint- und Staffel-Olympiasieger?

S. Fischer: Na, lasst mir mal Zeit damit! Ich muss sowohl checken, was mein Körper sagt, als auch, was ich selbst beruflich für die Zukunft will. Früher wollte ich immer Tierarzt werden, aber durch den Sport hat sich das alles nun verschoben. Ich bin in der glücklichen Situation – anders als so manch anderer Biathlet in unserer Szene –, keinen finanziellen Druck aushalten zu müssen. Im Gegenteil: Biathlon boomt und die IBU zahlt fantastische Prämien. Nein, ich werde mich nicht selber drängen. Erst muss ich mit meiner Familie darüber im klaren sein. Vielleicht entscheide ich das auch erst im Frühjahr oder während der Vorbereitung. Abtrainieren müsste ich so oder so und deshalb würde ich ja weiter in der Trainingsgruppe bleiben, auch wenn ich etwa im April an meinem Geburtstag sagen würde: Leute, ich höre auf.

Und zum Sommertraining gehört wieder Fußball?

S. Fischer: Klar! So ein Benefizspiel wie seinerzeit in Barchfeld, das könnten wir ruhig wieder mal machen!

GESPRÄCH: RALF BRÜCKNER UND THOMAS SPRAFKE

 
 

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