Den Trubel um seine Person hat er nie gemocht. Nicht als Olympiasieger oder Weltmeister. Und auch nicht heute am Tag des offiziellen Abtritts von der großen Biathlon-Bühne. Im ZDF-Mittagsmagazin wird er seine zukünftige Zusammenarbeit mit dem „Zweiten“ als neuer Experte verkünden, und das war´s dann. Ein Abschiedsrennen, bei dem die Oberhofer Rennsteig-Arena gewiss aus allen Nähten platzen würde, ist jedenfalls nicht geplant.
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Ein großes Herz für Hilfsbedürftige
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Doch Sven Fischer biss sich durch. Wie nach den haltlosen Dopingvorwürfen zu Beginn seiner großen Karriere, beim täglichen Üben und in hunderten von Rennen, wo er die Massen im Stadion und vor den Fernsehgeräten mit seinem kraftvollen Laufstil und unzähligen Schießeinlagen mit dem fast schon legendären Suhler Unterlader immer wieder elektrisierte.
Vor einigen Tagen hielt er in Bad Blankenburg vor Trainern und Übungsleitern ein Referat. Das Thema: „Wie überwinde ich tagtäglich meinen inneren Schweinehund.“ Genau 59 Minuten dauerte der freie Vortrag und anhand von Matroschka-Puppen verdeutlichte er seinen eigenen sportlichen Aufstieg. Die Zuhörer sollen laut Augenzeugen nicht nur wegen seiner hervorragenden Rhetorik Bauklötze gestaunt haben. Sven Fischer kennt die Situationen zur Genüge, wenn es Richtung Ziel ging und die Oberschenkel brannten. Die letzte Runde war immer seine ganz große Stärke.
„Biathlon ist mein Kerngeschäft“, hatte der Modellathlet aus Schmalkalden immer wieder erklärt, als die „Nebengeräusche“ der Boomsportart stetig lauter wurden. Auf Preisgeldrennen wie in Schalke zum Jahreswechsel verzichtete er mit Blick auf den weiteren Saisonverlauf, für Hilfsbedürftige nahm er sich dagegen immer Zeit, wenn es der Terminplan erlaubte. Die Gnade der Gesundheit lernte er vor allem bei der langjährigen Partnerschaft mit der Thüringer Kinderkrebs-Hilfe kennen, für die Tsunami-Opfer in Südostasien spendete er Anfang 2005 nach seinem Weltcupsieg in Oberhof das komplette Preisgeld, bei UNICEF betreut er ein Patenkind. Benefiz-Fußballspiele unserer Zeitung waren immer Ehrensache für ihn, womit er gleichfalls seine große Heimatverbundenheit dokumentierte. An die große Glocke hing er die vielen guten Taten nie.
Von jedem Großereignis brachte der Naturliebhaber und Hobby-Jäger seit der WM 1993 in Borowetz mindestens eine Medaille mit nach Hause, die 27. und letzte von den diesjährigen Titelkämpfen in Antholz. Eine andere Zahl verdeutlicht seine einzigartige Klasse und Beständigkeit noch mehr: 150 Weltcup-Podestplätze wie er haben seine drei langjährigen Thüringer Mitstreiter Frank Luck, Mark Kirchner und Peter Sendel nicht zusammen aufzuweisen.
Wenn der Athlet vom WSV Oberhof in seinem „Wohnzimmer“ am Grenzadler die Rennen aufnahm, den Schießstand fehlerfrei verließ oder als Erster ins Ziel stürmte (was ihm immerhin zweimal gelang), bebte tatsächlich der Rennsteig. Der Lärmpegel erreichte dabei eine Stärke, von der die Jungs von Tokio Hotel bei Open-Air-Konzerten nur träumen können. Nun ist Ruh´. Für Sven Fischer zumindest.
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Historische 26:11,6 Minuten
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Was bei all den Triumphen bis zum 14. Februar 2006 nur fehlte, war der Olympiasieg als Solist. In Pragelato sollte auch dieser Kindheitstraum in Erfüllung gehen. Es war ein schöner Dienstag in den Bergen unweit von Turin. Blauer Himmel, knackige Kälte – Bedingungen, wie sie Sven Fischer liebt. Als die Sonne über die Bergspitzen lugte, nahm er den 10-km-Sprint mit Startnummer 25 auf. 26:11,6 Minuten später stürmte er ins Ziel und warf sich mit der Gewissheit in den Schnee, ein perfektes Rennen abgeliefert zu haben. Es sollten bis weit nach Mitternacht die einzigen Sekunden zum Verschnaufen bleiben.
Für den von ihm oftmals praktizierten Minutenschlaf nach dem Wettkampf auf dem Fußboden im Umkleideraum war an diesem historischen Tag natürlich keine Zeit. Das Ritual hatte er von Opa Alfred übernommen, von dem er auch die warmen Hände geerbt hat. Selbst bei minus 20 Grad trägt Sven Fischer keine Handschuhe. Als Opa Franz 2001 kurz vor der WM in Pokljuka starb, stand Sven Fischer bei den Titelkämpfen trotzdem seinen Mann und rettete mit zwei Bronzemedaillen die deutsche Männer-Ehre. Erst am Abschlusstag ließ er seiner Trauer freien Lauf und heulte in der Wachshütte wie ein Schlosshund. Auch heute dürfte so manchem zum Heulen sein ...


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